Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Boulevard Der Raubkunst-Jäger - Leipziger Anwalt hilft bei Rückführung millionenteurer Gemälde
Leipzig Boulevard Der Raubkunst-Jäger - Leipziger Anwalt hilft bei Rückführung millionenteurer Gemälde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:15 10.10.2013
Rechtsanwalt Christoph von Berg - hier im Schlossmuseum Weimar vor dem Gemälde "Herzogin Anna Amalia in Rom" der Malerin Angelika Kauffmann (1741-1807). Quelle: Marcus Scheidel

Etwas düster wirkt das kleine Christusbild. Öl auf Holz, ein zotteliger Jesus mit Schlafzimmerblick. Als eine Nonne das Bild, das seit Jahren in ihrer New Yorker Kirche hängt, geschenkt bekommt, überklebt sie es mit einem Madonnenbild. Was sie nicht ahnt: Das unscheinbare Porträt des italienischen Malers und Kupferstechers Jacopo de Barbari (um 1465-1516) wird auf zehn Millionen Euro geschätzt und gilt als verschollen. Wie es in die Hände einer New Yorker Nonne geriet, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Wie es zurück nach Thüringen kam, wo es bis zum 2. Weltkrieg in Weimar seinen Platz hatte, weiß Christoph von Berg dagegen sehr genau.

"Pass auf", sagt der Leipziger Kunstanwalt. Und wenn Christoph von Berg "Pass auf" sagt, sollte man sich viel Zeit nehmen. Er hat seine Anekdoten schon oft erzählt, und er erzählt sie gut. Allein im Stadtschloss Weimar hängen heute drei Beutekunst-Gemälde, die der 62-Jährige auf spektakuläre Weise zurückholte. Der Jacopo gehört zu 29 Bildern, die nach dem Krieg aus dem Kunstdepot in Schwarzburg bei Saalfeld - vor Bomben im Thüringer Wald versteckt - verschwanden. Nur fünf sind wieder aufgetaucht. "Vermutlich haben amerikanische Soldaten privat Beute gemacht und mitgenommen, was ins Handgepäck passte. Die großen Gemälde haben sie dagelassen", sagt von Berg.

Zufällig landete das Christus-Bild bei einem Möbelrestaurator, der für die Rückgabe von Weimar 100.000 Dollar verlangte. "Wir haben ihm 3000 Dollar angeboten, was wir nicht einmal hätten tun müssen, da es sich ganz klar um Beutekunst handelte. Aber der Mann wollte nicht", so von Berg. Also schickte er den amerikanischen Zoll los. Mann samt Bild wurden im Frühjahr 2000 in New York verhaftet. "Dieser Fall wurde in der Kunstszene sehr aufmerksam verfolgt, denn es war das erste Bild, das vom Zoll beschlagnahmt wurde", erzählt von Berg. Heute hängt es im Stadtschloss Weimar. Die meisten Besucher gehen vorbei, ahnungslos, welch verrückten Weg es hinter sich hat.

Nach einem Rundgang durchs Museum zieht es von Berg ins Café "Resi" gegenüber. Er stopft Tabak in eine Pfeife und schiebt seine Brille auf der Nase zurecht. "Pass auf", sagt er, das war ja nur die eine Geschichte. Christoph von Berg gehört zu den wenigen auf Beutekunst spezialisierten Anwälten in Deutschland. "Die Kunst ist meine Leidenschaft, das mache ich mit Inbrunst. Mein Geld verdiene ich aber mit Gewerbe-Immobilien", sagt er, die Pfeife im Mundwinkel. Die Verträge für die BMW-Ansiedlung oder das Red-Bull-Stadion in Leipzig stammen aus seiner Leipziger Kanzlei.

Von Berg studierte Jura in Freiburg, wuchs in Bremen auf, und betreute als Prokurist das Filialnetz von Tchibo. Im Januar 1990 bereitete er in Gotha die Eröffnung eines Tchibo-Ladens vor, die erste Filiale eines westdeutschen Unternehmens überhaupt. Mit Sack und Pack zog er nach Thüringen. "Meine Bekannten sagten damals, jetzt ist der Berg ganz irre geworden, zieht nach Gotha und macht da eine Kanzlei auf." Die lebhaften Augen leuchten, wenn er von diesen abenteuerlichen Monaten erzählt. Wegen der verrußten Luft in Gotha mietete er sich im nahen Schloss Reinhardsbrunn ein. Der herrschaftliche Treffpunkt des europäischen Hochadels ist heute zur Ruine verfallen und im Besitz einer dubiosen Briefkastenfirma. Von Berg war der letzte Bewohner von Schloss Reinhardsbrunn, bevor er Mitte der Neunzigerjahre nach Leipzig zog. Gemeinsam mit einer Bürgerinitiative versucht er, das Schloss nun zu retten. Es sei leider kein leichter Fall.

Im Frühjahr 1992 wandte sich die Stadt Gotha mit einem Hilferuf an seine Kanzlei. "In London sollte ein Bild versteigert werden, das im Zweiten Weltkrieg aus der herzoglichen Sammlung verschwand", erinnert sich von Berg. Die "Maria mit dem Kinde" wurde sein erster Kunstfall und erregte gleich weltweit Aufsehen. Der Anwalt prozessierte mit einem Londoner Kollegen, bis das Bild 1998 zurückkehrte. Die Maria gehört heute zu den Juwelen der Gemäldesammlung Gotha. Es ist eines der wenigen Stücke, die nach dem Krieg wieder aufgetaucht sind. Einige sind inzwischen öffentlich im Moskauer Puschkin-Museum zu besichtigen. Doch Museumsdirektorin Irina Antonowa rückt den Schatz nicht heraus. Mit russischem Blut bezahlt, sagt die 91-Jährige. Es gleicht einer Sensation, dass Antonowa am 19. Oktober nach Gotha zur Wiedereröffnung des sanierten Herzoglichen Museums kommen will. Für Christoph von Berg ist die russische Haltung zur Beutekunst schlichtweg "völkerrechtlich unzulässig". Laut Haager Landkriegsordnung von 1907 dürfen Kunstgüter nicht als Kriegsbeute mitgenommen werden. Ob Antonowa ein Gastgeschenk mitbringt? Von Berg winkt ab. Eher nicht.

Sein jüngster Coup ist die "Herzogin Anna Amalia in Rom" von Angelika Kauffmann (1741-1807): Das Ölbildnis ist die allererste Rückführung aus Polen. Auch hier schlummern noch Hunderte Gemälde, die nach polnischem Recht nicht außer Landes gebracht werden dürfen. Seit diesem Jahr hängt die Anna Amalia wieder im Stadtschloss Weimar.

Natürlich habe sich auch das NS-Regime an den Kunstschätzen anderer Länder bereichert. "Die Nazis waren die größten Räuber, aber das wird in der Regel auch zurückgegeben", betont er. Die Klassik Stiftung Weimar etwa hat eine große Forschungsoffensive zur Herkunft des Inventars gestartet. "Es geht darum, Unrecht wieder gutzumachen. Auch wenn die Rückgabe gleichsam eine Entleerung bedeutet", sagt Gert-Dieter Ulferts. Seit 15 Jahren leitet er die Kunstsammlungen der Stiftung. Für das Treffen mit Christoph von Berg hat er eine Dame aus dem Depot geholt, die "Lady in the plastic bag". Nein, so heiße das Gemälde natürlich nicht wirklich, lacht von Berg. Er habe das handliche Ölbild 1998 nur in einer Plastiktüte zurück nach Weimar gebracht. Auch die "Lady Hervey", so der Name eines Porträts des Malers Johann Friedrich August Tischbein (1750-1812), war aus Schwarzburg verschwunden. "Es tauchte in einer Kiste wieder auf und landete beim Auktionshaus Sothebys. Aus freien Stücken rückten sie dort das Bild nicht heraus. Dabei war das schlichtweg Hehlerei gestohlener Kunst", ärgert er sich noch immer ein wenig. Die Lady Hervey war international der erste Beutekunstfall, der in einem Vergleich endete. "Es ist rechtlich eine komplizierte Materie. Immer besteht die Gefahr, dass Bilder wieder auf dem grauen Markt verschwinden."

Von Berg zieht erneut an seiner Pfeife. "Pass auf", sagt er. Es gebe so viele Geschichten, die ihn inzwischen mit Thüringen verbinden. "Nur diese noch", sagt er und erzählt vom Weimarer Bilderstreit über die DDR-Kunst 1999, der durch ihn auch vor Gericht ausgetragen wurde. "Ist die ganze DDR-Kunst auch Beutekunst, weil sie weggesperrt wird?", diese Frage stellte ihm damals der Leipziger Künstler Wolfgang Mattheuer. Leider habe er keine Antwort. Sein aktueller Fall? Die Sumpflegende, ein Bild von Paul Klee, um das sich die Stadt München und eine Erbin streiten. Der Prozess läuft noch. Es ist wieder kompliziert, ein spannender Fall, freut sich von Berg. Nachdenklich klopft er seine Pfeife aus. "Aber das ist eine andere Geschichte."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.10.2013

Robert Büssow

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Leipzig haben die Dreharbeiten für einen neuen Krimi aus der TV-Reihe „Tatort“ begonnen. „Frühstück für immer“ heißt der neue Streifen. Die Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) geraten bei der Aufklärung eines Mordes in die Welt der Großstadtsingles, wie der MDR am Freitag mitteilte.

04.10.2013

Als "Major Tom" schrieb Sänger Peter Schilling mit „Völlig losgelöst“ in den 80er Jahren einen Hit, der ihn noch heute begleitet und den seine Fans noch immer wie eine Hymne feiern.

01.10.2013

Die frühere „Topmodel“-Kandidatin Sara Kulka (23) aus Leipzig wird Mama. „Ich bin schwanger, im sechsten Monat, und glücklich“, sagte das Model und TV-Sternchen („Wild Girls“, „Polizeiruf 110“) dem Magazin „In“.

01.10.2013
Anzeige