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Boulevard Die drei Leben des Leipziger Seemanns - Ex-Obdachloser hilft heute Obdachlosen
Leipzig Boulevard Die drei Leben des Leipziger Seemanns - Ex-Obdachloser hilft heute Obdachlosen
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00:34 21.01.2016
Bernd Hänsch blickt zurück auf bewegte Zeiten.  Quelle: Deborah Manavi
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Leipzig

Dass Bernd Hänsch einmal auf der Straße gelebt hat, sieht man ihm heute nicht mehr an. Der 63-Jährige hat ein rasiertes Gesicht, graue kurze Haare und trägt Jeans-Kleidung von Wrangler. Vor zehn Jahren sah das anders aus.

Hänsch ist auch als der „Seemann“ bekannt und das, obwohl er gelernter Bauingenieur ist. Er habe schon immer Sehnsucht nach der See gehabt, erzählt er. Neben Sächsisch spricht er auch noch astreines Plattdeutsch.

Er hatte in seinem Leben viele Freunde und viele Feinde, aber sein größter Feind – der Teufel, wie er ihn nennt – war der Alkohol, der ihn fast sein Leben lang begleitet hat. Genauso wie die Leipziger Oase, in der ich ihn treffe. Heute ist er einer der rund zwölf ehrenamtlichen Mitarbeiter, die jeden Tag die Türen der Einrichtung für wohnungslose und bedürftige Menschen öffnen. Seit über zwölf Jahren ist er der Oase verbunden. Erst als Gast, später als Angestellter. Heute übernimmt er als ehrenamtlicher Helfer planerische und organisatorische Aufgaben und ist ein wichtiger Ansprechpartner für viele Gäste. Jeden scheint er persönlich zu kennen. Alle begegnen ihm mit einem Lächeln.

Wenn der Seemann über sein Leben spricht, hört es sich an, als würde er über einen guten Freund sprechen. Man merkt, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen hat. Analytisch und detailliert schildert er die drei prägenden Abschnitte seines Lebens.

Nach einer behüteten Kindheit und Jugend in Leipzig verlässt Hänsch sein Elternhaus das erste Mal, als er zum Wehrdienst geht - ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben. Hier kommt er das erste Mal in Kontakt mit Alkohol. „Wenn Ausgang war oder Urlaub, dann wurde eben gesoffen“, erzählt er.

Danach geht er zum Studium nach Cottbus. Er lernt eine Frau kennen, heiratet und sie bekommen ein Kind. Neun Jahre hält die Ehe, dann ist Schluss. Seinen Kummer ertränkt der Seemann im Alkohol.

Er kehrt zurück nach Leipzig und fängt eine Stelle als Bauleiter an. Hier blüht er auf. Er betreut verantwortungsvolle Projekte. Auch privat geht es wieder bergauf: Er heiratet erneut, gründet eine neue Familie und baut ein Haus. In den ersten Jahren dieser Ehe ist er glücklich, Alkohol spielt keine Rolle. Als Probleme auftauchen, greift er wieder zur Flasche. Seine Frau stellt ihn vor die Wahl: Ich oder der Alkohol. Hänsch entscheidet sich für den Alkohol. „Das Trennungsjahr war die Hölle“, erzählt er. Nach zehn glücklichen Jahren hat er alles verloren, was er liebt: Seine Frau, seinen Sohn, sein Haus und kurz darauf versterben auch seine Eltern.

Hänsch verkauft das Haus und reist mit 150.000 DM durch Norddeutschland und an seinen Sehnsuchtsort, die Ostsee. Er lebt auf großem Fuß. Der Alkohol ist sein einziger Freund. Im Nachhinein wundert er sich: „Ich bin nie besoffen Auto gefahren, aber sonst war ich immer angedudelt.“. Nach drei Jahren hat er sein gesamtes Vermögen verprasst. Zurück in seiner Wohnung in Leipzig erwartet ihn die Zwangsräumung wegen nicht gezahlter Miete – einer der Hauptgründe für den Wohnungsverlust von vielen Obdachlosen. Hänsch fühlt sich wie gelähmt. Am Tag der Räumung verlässt er früh sein Haus und schaut aus der Ferne zu, wie ihm sein Zuhause weggenommen wird. Für sechs Wochen findet er Unterschlupf bei einem Bekannten, danach landet er auf der Straße.

Seine Geschichte ist eine unter vielen. Sie könnte jedem passieren, betont Hänsch. Rund ein Drittel der Leute, die zu ihnen in die Oase kämen, seien alkoholabhängig.

Er bleibt nicht lange alleine und schließt sich einer Gruppe von Obdachlosen an. „Circa dreieinhalb Jahre hab ich mich als wohnungsloser Penner in Leipzig rumgetrieben. Ich habe mich in dieser Situation nie unwohl gefühlt, weil ich ständig besoffen war“. Große Ansprüche hatte er nicht. Insgesamt habe er nur fünf Dinge gebraucht: „was zu saufen, was zum rauchen, irgendwelche Klamotten, ein Dach überm Kopf und eventuell noch was zu essen“.

Der Seemann ist getrieben von der Alkoholsucht. „Ich hatte Angst nüchtern zu sein.“, stellt er fest. Er scheut keine Mittel, um seine Sucht zu befriedigen. Wenn das Betteln nicht genug hergibt, dann stiehlt er die Flaschen aus dem Supermarkt.

Sein Zuhause ist „die Grotte“ – ein Unterschlupf in einem verfallenen Plattenbau. Hier wohnt er mit einem anderen Obdachlosen zusammen. Im Winter reißen sie die Dielen vom Dachboden raus und verbrennen das Holz im Kachelofen. „Die Tragik ist, dass ich mich in dem Dreck geborgen gefühlt habe“, resümiert Hänsch. Wenn er rauchen will, „popelt er den Tabak aus den Kippen“. Das einzige was unangenehm ist: Vom Dreck bekommt er Pickel und wunde Stellen. Die tun weh.

Eines Tages erscheint Otto. Otto kommt aus Norddeutschland und spricht Platt. Der Seemann versteht sich sofort mit ihm. Fortan sind die beiden „Blutsbrüder“. Sie wärmen sich gegenseitig im Winter, sie achten aufeinander.

Und dann kommt der 13. Januar 2003. Der Tag, der alles verändert. An diesem tristen Regentag machen der Seemann, Otto und ein Freund eine Reise. Sie landen in einem Ort irgendwo in Mecklenburg. Der Seemann leidet unter starken Entzugserscheinungen. Er hat seit Stunden keinen Alkohol getrunken. Sie teilen sich auf: Der Seemann wartet am Bahnhof, die anderen besorgen Alkohol. Die Stunden vergehen, aber niemand kommt zurück. Hänsch schlottert am ganzen Leib. Er fängt an zu Halluzinieren. Die Regentropfen, die im Lampenlicht glänzen, wirken wie kleine Engel. Hänsch bekommt Angst und will nach Hause. Einige Stunden später steht er vor der Tür der Oase, von Entzugserscheinungen geschüttelt. Das erste Mal seit Jahren ist er nicht völlig betäubt vom Alkohol. In diesem Zustand sagt er den wohl wichtigsten Satz seines Lebens: „Ab morgen trink ich keinen Alkohol mehr.“

Das hält der Seemann bis heute so. Der Oase ist er treu geblieben. Dort unterstützt er jetzt andere wohnungslose und bedürftige Menschen. Seinen Freund Otto hat er nie wieder gesehen.

Von Deborah Manavi

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