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Die jüngste Ururgroßmutter Leipzigs

Die jüngste Ururgroßmutter Leipzigs

Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben LVZ-Leser über ihre Kindheit und Jugend.

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Quelle: Privat

In dieser Folge berichtet Andreas Felgentreff aus dem Leben seiner Mutter Erika, die am 25. Juni ihren 80. Geburtstag feiert. Er schreibt auch von der Vision auf ein dreifaches "Ur".

Wird eine Mutter 80 Jahre, so kann sie viel erzählen. Sie steht auf einem hohen Berg und blickt auf ihr Leben zurück. Aber auch ein Betrachter, in diesem Fall der Sohn der Jubilarin, verspürt Lust mit zu erzählen. Der Reihe nach. Erzählt wird das Leben von Erika Felgentreff, das eng mit der Geschichte einer Familie verbunden ist, eine Familie der Generationen.

Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben LVZ-Leser über ihre Kindheit und Jugend. In dieser Folge berichtet Andreas Felgentreff aus dem Leben seiner Mutter Erika, die am 25. Juni ihren 80. Geburtstag feiert. Er schreibt auch von der Vision auf ein dreifaches "Ur".

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1934 geboren und als Kind in Schlesien aufgewachsen keimten Hoffnungen und Wünsche eines noch jungen Lebens. Doch bereits als kleines Mädchen musste sie sich vom Vater verabschieden, der wie so viele deutsche Männer in einen sinnlosen Krieg ziehen musste. Allein mit ihrer Mutter, die eine strenge, aber herzensgute Frau war, brachte das Kriegsende vor allem den Verlust der Heimat und die Trennung von Familie und Freundinnen.

Dies und das Bild brennender Häuser brannten sich tief ins Gedächtnis ein. Es begann die Vertreibung aus ihrer Heimat - eine Odyssee augenscheinlich ohne Sinn und Ziel. Allein der Wunsch zu überleben, verloren war sonst alles, prägten den Sommer 1945. Im Glauben die Heimatstadt, Neusalz an der Oder, wiederzusehen, mussten sie sich schließlich in ein unbekanntes Schicksal fügen.

Leipzig war die Stadt, die sich den beiden zunächst als Bleibe und noch nicht als neue Heimat präsentierte. Ein Schicksal, was nur besser werden konnte. Dies gelang, wenn auch Kinderträume anders aussahen. Das tägliche Leben zu organisieren, sich in die neue Umgebung einzuleben, die Zuneigung und der Fleiß der eigenen Mutter prägten ihre Kindheit und Jugend in diesen Jahren. Traum war es, einmal Ärztin zu werden. Das Fehlen der Bildungsvoraussetzungen ließen diesen platzen. Nach der provisorischen Schulausbildung war lediglich eine Ausbildung als Buchbinderin möglich.

Nach der glücklichen Rückkehr des im Krieg schwer verwundeten Vaters, begann die kleine Familie, sich mit ihrem Schicksal abzufinden - mit nie endendem Willen und jeder Menge Fleiß. Fleißig war Mutter Erika auch in einem anderen Sinn. Mit 19 Jahren brachte sie mich zur Welt. Das Besondere: Es gibt noch zwei ältere Geschwister. Rekordverdächtig!

Wie war all das zu organisieren? Oma Klara sah offenbar eine Möglichkeit darin, öfter mal die Wohnung zu wechseln. Bis zu ihrem Ableben brachte sie es allein in Leipzig auf insgesamt 23 Umzüge. Erika nahm dies hin. Oma Klara war es auch, die alle Fäden knüpfte. Dies im übertragenden Sinne, da sie in eigener Heimmanufaktur für den Bestand sämtlicher Kleidungsstücke sorgte. Ebenso im tatsächlichen Sinne, indem sie Opa Erwin stets auf Trab hielt. Er hatte einen kleinen Garten als Futter- und Freizeitgrundlage zu organisieren. Zudem hatte er nie weniger als zwei Jobs zu erledigen - als Beitrag für einen bescheidenen Wohlstand der Familie.

Oma Klara hätte es nie verziehen, wenn das Prinzip Familie verletzt wurde. Unter diesen Vorzeichen gestalteten sich die 1960er- und die frühen 1970er-Jahre. Schon frühzeitig sorgten die Großeltern dafür, dass jeder der Familie seinen spezifischen Beitrag zu leisten hatte.

Was im Westen das Wirtschaftswunder war, war bei uns der sich entwickelnde materielle Wohlstand. Stellvertretend sei der Kauf einer Fernsehtruhe im Jahr 1963 für 3500 Mark der DDR genannt - durch die Großeltern Erwin und Klara und natürlich auf "Pump". Mit dieser Investition sicherten sich die Großeltern eine zusätzliche Gunst, da jetzt oft gemeinsam fernsehen angesagt war. Meine Mutti selbst sparte sich jeden Groschen zusammen, um jedes Jahr in die geliebte Sächsische Schweiz fahren zu können.

Tochter Gladys, meine Schwester, stand der eigenen Mutter nicht nach. Mit dem Facharbeiter in der Tasche verkündete sie: "Ich werde Mutti." Mit 17 Jahren. Und nun konnte sich Erika freuen, vielleicht die jüngste Oma von Leipzig zu sein, nämlich mit 34 Jahren. Auch diese Herausforderung wurde in der Familie mit Bravour gemeistert, weitere Umzüge folgte, aber darin hatte man ja Übung. Erika zog mit ihrem Mann nach Rostock. Oma Klara war die treibende Kraft, die immer die Familie zusammenhielt und jeder machte mit. Weihnachten war immer im wahrsten sinne heilig und das Fest der Familie. Leipzig war stets der Ort unserer Begegnungen.

Noch vor der Wende gab es im März 1989 eine weitere Zäsur im Leben von Oma Erika. Mit 54 Jahren wurde sie Urgroßmutter und Oma Klara mit 76 Jahren Ururgroßmutter. Enkelin Heike setzte die Tradition der jungen Mütter fort, was ihr mit 20 Jahren gelang. Fünf Generationen bildeten einen besonderen Farbtupfer in der Familie der Jubilarin.

Und das Leben ging weiter. Nach der Wende erkannte jeder in unserer Familie die persönlichen Chancen, das eigene Leben neu oder noch besser auszurichten. Oma Erika und Opa Fred richteten sich nach einigen Problemen in Rostock so gut wie möglich ein. Im Jahr 1997 eine neue Wende im familiären Sinn. Meine Frau und ich haben nicht wenig Schuld daran, dass Erika und Fred nach Leipzig zogen - mit "Zwischenstop" in Naunhof (man zieht ja gerne um).

Unweit von uns wohnt sie jetzt und feiert heute ihren 80. Geburtstag und dies jetzt als Ururoma. Denn Traditionen sind uns wichtig. Urenkelin Nicole brach nicht mit der Familientradition. Im August 2012 erblickte Enkel Angus das Licht der Welt und sorgt dafür, das Leipzig mit Oma Erika vielleicht die jüngste Ururgroßmutter hat. Was wir ihr wünschen? Natürlich Gesundheit, ein langes Leben und vielleicht die Vision auf ein dreifaches "Ur".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.06.2014

Felgentreff, Andreas

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