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Boulevard Ein Sonnenkönig hält wieder Hof - Harry ist zurück in Leipzig und sitzt über Memoiren
Leipzig Boulevard Ein Sonnenkönig hält wieder Hof - Harry ist zurück in Leipzig und sitzt über Memoiren
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19:01 17.01.2013
Lebemann Harry König ist zurück in Leipzig und hat noch immer nicht genug. Quelle: Christian Nitsche
Leipzig

Schwätzer, die vor allem eines nicht können: Dichtung und Wahrheit auseinanderhalten.

Harry König ist kein Schwätzer. Der Mann ist ein Leibhaftiger des Jetsets der 60er und 70er Jahre. Wenn der 70-jährige Lebemann im Leipziger In-Laden Fürst im Barfußgässchen Hof hält, wird er fast schon genötigt, aus seinem Leben zu erzählen.

Hast du wirklich mit Brigitte Bardot und Romy Schneider, Harry? Und wie war das mit den 60 Porsche, die du 1968 mit deiner Gang in Paris in einer Nacht geklaut hast, Harry? Wie hast du den Fußballer Bittencourt 1993 vom Zuckerhut weg und zum VfB Leipzig bekommen, Harry? Und wie bist du auf die wahnwitzige Idee gekommen, deine Disco U2 in die Leipziger Stasi-Zentrale zu pflanzen, Harry?

Dann erzählt Harry. Mit einer gebogen-krächzenden Stimmgabel. Whiskey, Rum, Zigarren haben ihre Wirkung hinterlassen. "Ich wundere mich auch, dass ich noch da bin, habe immer auf der Überholspur gelebt." Zuweilen hat er rechts geblinkt und ist links abgebogen.

Nach Jahren der Wanderschaft in München, auf Kuba und in Rio ist der Lebenskünstler zurück in Leipzig. "Ich liebe die Stadt." Hier hat der gebürtige Berliner einen Großteil seiner Jugend verbracht, war er Thälmann-Pionier, wurde nach der Wende zum König des Boulevards. König ist auch zurück im Immobiliengeschäft, das ihn einst zum x-fachen Millionär, Disco-Besitzer, Party-König, Rolls-Royce-Fahrer und Fußball-Mäzen gemacht hat.

Mittags um zwölf darf es auch mal Schampus sein: Rückkehrer Harry König (r.) und Fürst-Chef Matthias Hopf. Quelle: Christian Nitsche

Wer mit Harry unterwegs war, konnte in den wilden Nachwendezeiten die Brieftasche daheim lassen, sich den Wind of Change durch die Fönfrisur wehen lassen. "Ich konnte nie mit Geld umgehen, hatte zehn Autos in meiner Garage stehen, war immer großzügig. In meinen Glanzzeiten hat mir mal jemand aus Versehen 800 000 Mark überwiesen. Ich habe die Kohle zurücküberwiesen." Reich ist er heute nicht mehr. Und mit der 800 000-Mark-Nummer würde er heute vielleicht anders umgehen.

König ist dabei, alte Kontakte glühen zu lassen, Investoren nach Leipzig zu holen, Geld zu verdienen. Und er sortiert Erinnerungen für seine Memoiren. Der Titel steht schon fest: "Ein Leben ist nicht genug". Der Lebensbejahende ist ausnahmsweise verzweifelt. "Ich habe schon über 1000 Buchseiten zusammen und nicht mal die Hälfte erzählt." Sein Verlag wird ihm erzählen, wie die hohe Kunst des Weglassens funktioniert.

Mit dem Begriff Legende muss man sparsam umgehen. König ist eine. Seine Vita sprengt jedes Normalmaß. 1961 flüchtet er in der Pankower Brehmstraße über die Mauer, wird angeschossen. "Eine Kalaschnikow, bin in den Westteil gefallen. Gott sei Dank." Im gelobten Land bleibt er keiner Frau und auch dem Gesetz nicht ganz treu.

1968 lässt Königs Gang in einem Pariser Nobel-Autohaus 60 Porsche mitgehen. Die Polizei glaubt an eine Rallye, eskortiert die Boliden auf den Champs-Élysées. Harry wird verraten, fliegt auf, wird festgenommen. Der 11,3-Sekunden-Sprinter flüchtet im Laufschritt und in Handschellen von der Polizeiwache, wird wieder festgenommen, wandert fünf Jahre in den Bau. Im Pariser Knast schreibt er die ersten Seiten seiner - nomen est omen - Auto-Biografie. Die wird 1979 verfilmt. "Car Napping" sehen weltweit 38 Millionen Zuschauer. König berät den Regisseur, huscht in Alfred-Hitchcock-Manier ein paar Mal durchs Bild. Die Millionen aus dem Porsche-Deal tauchen nie auf.

Nach seinem Knastaufenthalt geht es Harry nicht schlecht. Man könnte auch sagen: auffallend gut. Nicht nur die Medien reißen sich um den Mann, der wie der britische Posträuber Ronnie Biggs als Gentleman-Gangster durchgeht. Ein schlauer Mensch hat einmal geschrieben: "Die Menschen verabscheuen die Gaunerei, lieben aber den Gauner, wenn dieser seine Taten mit Verve und Fantasie und nicht zum Schaden des kleinen Mannes durchgeführt hat." Passt wie die Faust aufs Auge auf die Herren Biggs und König.

Aus Harry König wird der Sonnenkönig, der Jetsetter, der jede Menge Affären hat. Auch mit Brigitte Bardot und Romy Schneider. "Romy war die tollste Frau, die mir je begegnet ist. Eine verrückte Zeit", sagt König, der nach der Wende nach Leipzig kommt, Geld im Immobiliengeschäft macht, eine Discothek ausgerechnet in der früheren Stasi-Zentrale eröffnet. "Ich wollte die Leipziger Jugend irgendwie mit der Stasi versöhnen." Ging irgendwie nicht so ganz auf.

1993 greift König dem notleidenden VfB Leipzig unter die Arme, lässt den Brasilianer Franklin Bittencourt einfliegen. Der ist Stürmer und soll die Angriffsprobleme beim Zweitligisten lösen. Weil VfB-Trainer Jürgen Sundermann nicht voll und ganz vom feingliedrigen Ballartisten überzeugt ist und in Bittencourt einen Ersatzspieler sieht, setzt sich König mit auf die Trainerbank. "Jürgen, bring' endlich den Franklin", insistiert König beim Heimspiel am 7. Mai 1993 gegen den SC Freiburg. In der 57. Minute hat Sundermann genug, holt Matthias Liebers runter, bringt Königs Dribbler. Der trifft in der 89. Minute zum 2:0-Sieg, fährt nach dem Bundesliga-Aufstieg mit einem roten BMW-Cabrio über die Tartanbahn des Zentralstadions. König: "Franklins BMW ist über meine Leasing gelaufen."

1994 lässt König Leipzig hinter sich, vergnügt sich in Havanna. 1995 Ausweisung durch Raul Castro, Bruder des damals noch fidelen Fidel. König war raus aus Kuba, hatte viel Geld in Immobilien und Grundstücken versenkt.

Danach: Rio, Zeugung zweier Söhne. München und Paris, Modebranche. Jetzt Leipzig, der Sonnenkönig ist zurück. Die Sonne scheint nicht mehr ganz so grell. Und falls sie das demnächst wieder tut, zieht König seine schwarze Ray-Ban-Brille ins Gesicht. Wie einst in Cannes mit Brigitte und Romy.

Guido Schäfer

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