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Boulevard Ex-Opern-Bauleiter Klaus Kempe: "Wer guckt schon an die Decke?"
Leipzig Boulevard Ex-Opern-Bauleiter Klaus Kempe: "Wer guckt schon an die Decke?"
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01:00 26.10.2013
Zeitzeuge: Der Architekt Klaus Kempe war im Alter von 21 Jahren einer der Bauleiter am Neubau des Opernhauses Leipzig. Quelle: André Kempner

"Was wir damals erlebten, können sich heute die meisten kaum noch vorstellen." Einige Episoden, gewissermaßen aus der Baubude am damaligen Karl-Marx-Platz, will der inzwischen 76-Jährige unbedingt noch loswerden, denn: "Es gibt nicht mehr viele, die damals mit am Tisch saßen", wie er sagt.

Junger Dachs: Als Klaus Kempe sein Studium beendete, war er Anfang 20. "Ich gehörte zu den ersten Zehn-Klassen-Schülern, die mit diesem Abschluss zugleich die Studienreife erlangten. Ich besuchte in Leipzig die Ingenieurschule für Bauwesen." Seine erste Baustelle war dann das Kreiskrankenhaus Borna. Als im Januar 1956 der Neubau der Oper begann, wurde Kempe bereits einer der Bauleiter. "Das war reizvoll, bescherte mir aber auch manch schlaflose Nacht und chronische Gastritis." Er sei halt "verdammt jung" gewesen. "Und es war überhaupt nicht befriedigend, von vielem keine Ahnung zu haben. Wie hätte ich denn zum Beispiel wissen können, wann der Vergolder Wirth anrücken kann und wie lange der brauchen soll? Immer hieß es nur: Das schaffst du schon!"

Verschwundenes Denkmal: "Als das neue Opernhaus gebaut werden sollte, brauchten wir rundum Baufreiheit, auch auf dem Platz davor, wo der bis dahin hochverehrte Josef Stalin auf dem Sockel stand", so Kempe. Das Denkmal sei zunächst zu seinem Schutz hinter einem Zaun am damaligen Bildermuseum eingelagert worden und, nachdem seit 1956 Stalins Stern sank, "im Großgrün eingewachsen".

Hölzernes Gerüst: Hinter einem riesigen abgebundenen Gerüst aus unzähligen Kanthölzern wurde das Bauwerk hochgezogen. "Da war mehr Holz verbaut worden, als in der gesamten DDR in einem Jahr eingeschlagen wurde."

Grünes Licht: Weil der Leipziger Neubau den Anforderungen des sozialistischen Realismus gerecht werden sollte, "wobei keiner wusste wie", gab die Bauakademie in Berlin, "die dazu immer wieder nach Moskau schaute", die Linie vor, erinnert sich Kempe, der bis vor zwei Jahren noch freischaffend als Architekt tätig war. "Über den ständigen Änderungswünschen lief uns damals aber die Zeit davon. Dabei stand eines felsenfest: der Eröffnungstermin am 8. Oktober 1960.

Hoher Gast: Walter Ulbricht ließ es sich nicht nehmen, zweimal die Baustelle in seiner Heimatstadt zu besuchen. In Kempes Gedächtnis haften geblieben war dessen Kommentar zum Furnier der Saalwände. Die seien ihm zu braun gewesen. "'Rot ist die Farbe der Arbeiterklasse', monierte Ulbricht."

Filigraner Zaun: Das 350 Meter langes Attikageländer, das an den Gebäudeecken mit Friedenstauben geschmückt ist, kam aus den Dresdner Flugzeugwerken. Die mussten sich nach dem Absturz einer neuen Regierungsmaschine anderem zuwenden. "Das Geländer wurde dann immer noch mit einer derartigen Präzision gefertigt, als wäre das Aluminium für ein Flugzeug gedacht.

Dicke Bohlen: Hohe Standsicherheit für die Kulissen und das fortwährende Schraub-rein-Schraub-raus verlangten extrem dicke Bohlen für den Bühnenboden. "Ein findiger Zimmermann nutzte dafür seine Kontakte zur Roten Armee und bot als Gegenleistung Hochprozentiges."

Begehrtes Material: Nicht nur Baustellen dieser Größe waren Orte, an denen gern mal was verschwand. Vom Berliner Kunstschmied Fritz Kühn stammten beispielsweise sämtliche Schmiedearbeiten von den Toren bis zum Aschenbecher. Letzterer war nach einem Tag bereits verschwunden. Ein ähnliches Schicksal erfuhren die Fliesen. Auf der Fahrt in der Bauhexe nach oben wurden es immer weniger.

Tödlicher Unfall: Kurz vor Weihnachten 1959 ereignete sich ein schwerer Arbeitsunfall auf der Baustelle. "Ein Monteur wurde erschlagen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Ein Oberbauleiter musste ins Gefängnis."

Vergeblicher Versuch: Die in fünf große Felder geteilte Decke des Foyers sollte ursprünglich von einem Dresdner Kunstmaler gestaltet werden. Zwei der Felder wurden auch mit Motiven aus der griechischen Mythologie und des Mittelalters versehen. "Beim dritten Feld ging Auftraggebern und Künstler aber die Luft aus. Alles wurde überstrichen. Jetzt sind dort Friedenstauben. Und das ist auch besser so. Wer guckt im Opernfoyer auch schon an die Decke?", betrachtet es Kempe rückblickend realistisch.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.10.2013

Cornelia Lachmann

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