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Boulevard „Graffiti hat mir noch mal ein Stück Jugend geschenkt“
Leipzig Boulevard „Graffiti hat mir noch mal ein Stück Jugend geschenkt“
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16:57 17.08.2016
Die Hälfte seines Lebens hat Tasso mit dem Sprühen von Bildern verbracht. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Im Ausland wird er gefeiert wie ein Star und von Autogrammjägern belagert – in der Heimat ist er nur in der Szene bekannt. Seine großen bunten Bilder hängen in Mexiko und Moskau, China und São Paulo, Athen, Abu Dhabi, Beirut und Johannesburg. Insgesamt in 30 Ländern. Und auch in sehr vielen Städten Deutschlands – nur in Leipzig so gut wie nicht. Hier haben andere Platzhirsche das Sagen. Den einzigen originalen „Tasso“ gibt es an der Subway-Filiale am Waldplatz zu bestaunen. Das gesprühte Bild zeigt wirklichkeitsnah wie auf einem Foto, wie’s drinnen aussieht. Fotorealismus – das ist Tassos Markenzeichen.

Der Streetart-Künstler aus Meerane, der eigentlich Jens Müller heißt, gehört zu den international am stärksten gefragten Graffiti-Sprayern aus Sachsen. Er arbeitet in einer Liga mit „Bond“ aus Leipzig und der weiblichen Kollegin „MadC“ aus Bautzen. Wie eigentlich alle in seiner Branche, hatte er zur Wendezeit in der Illegalität angefangen. Der Film „Beat Street“ animierte ihn zum Breakdancen, aber mehr noch zum Bildersprühen. Um die Jahrtausendwende stieg der gelernte Fleischer, der auch als Bauarbeiter und im Großhandelslager gearbeitet hat, dann auf bezahlte Auftragskunst um. Und er kann davon leben.

Ein „Oldie“ auf dem Baugerüst

Mittlerweile 50 Jahre alt, ist Tasso einer der Älteren in dieser vergleichsweise jungen Branche, aber noch immer mit der Dose auf Achse. „Graffiti hat mir noch mal ein Stück Jugend geschenkt“, erzählt der Autodidakt, der in der Schule im Zeichnen eine Vier hatte, weil er nicht im Rhythmus des Stundenplans kreativ sein konnte. „Als alle meine Freunde anfingen, zu heiraten und Kinder zu kriegen, bin ich mit 15-Jährigen durch die Straßen gezogen.“ Zeit für eine eigene Familie und für Kinder sei nie geblieben. Einer der Meeraner Jugendlichen von damals ist Steve Uhlig (37), der heute die Galerie Active Art in der Tschaikowskistraße betreibt. „Früher habe ich als Handlanger bei Tasso die Schriftzüge ausgemalt“, erinnert sich der Diplom-Kaufmann mit leuchtenden Augen. Und nun hat er im Waldstraßenviertel gerade eine Einzelausstellung seines Jugendidols eröffnet.

Der Wanderkünstler und Vielreisende kann es sich heute erlauben, keine Jobs mehr anzunehmen, bei denen er in einer Jugendherberge schlafen muss. Von den jahrelangen großflächigen Bewegungen des rechten Arms hat er neuerdings Schulterprobleme. Auch die Bandscheiben melden sich, und das Klettern aufs Baugerüst bereitet Beschwerden. „Vor dem Nachwuchs will ich mir natürlich keine Blöße geben. Die Jungen sind aber auch locker drauf und geben mir nicht das Gefühl, deplatziert zu sein.“

Das einzige Leipziger Graffito von Tasso befindet sich an der Subway-Filiale am Waldplatz. Quelle: André Kempner

Als Künstler sieht er sich erst spät

Von sich zu sagen, „ich bin ein Künstler“, das ist ihm lange sehr schwer gefallen. Erst seit etwa fünf Jahren akzeptiert Jens Müller diesen Begriff für sich. Zwischendurch hat er sich auch mal eine Auszeit genommen, weil er sich ausgebrannt fühlte. Hat die Sprühdose weggelegt und zum Pinsel gegriffen. „Aber dafür bin ich zu detailverliebt.“ In dieser Zeit hat er sich auch mit Kunstgeschichte befasst. Was „akademische Maler“ wie die Großen der Leipziger Schule im Studium lernen, hatte den Straßenkünstler bis dato nicht interessiert. Und was wäre, wenn er einen Neo Rauch oder einen anderen dieser Spielklasse treffen würde? „Ich wäre ehrfürchtig. Aber ich glaube, die realisieren uns überhaupt nicht.“

Seine Auftraggeber sind Privatleute und ansonsten Unternehmen wie Stadtwerke, Wohnungsbaugesellschaften oder die Deutsche Bahn. Nicht alles, was seine Auftraggeber von ihm wollen, findet Tasso persönlich gut. „Zur Expo 2010 in China wusste ich, das Motiv wird richtig scheiße aussehen. Aber wenn die es so haben wollen... dann ziehst du es durch, schreibst die Rechnung und wendest dich anderen Sachen zu.“ Nachdem er mehrmals um sein Honorar geprellt wurde, arbeitet Tasso mit 50 Prozent Vorkasse.

Buchautor per Smartphone

Zum 50. Geburtstag Ende Juli hat der Künstler, der auch Kunstsammler ist, sich selbst beschenkt – mit seinem ersten Buch „Am Ende fehlt doch immer was“. Es ist eine Art Reisetagebuch der vergangenen 25 Jahre. „Als die Smartphones aufkamen, habe ich Wartezeiten wie auf dem Flughafen genutzt, um mir den Frust über Dinge vom Herzen zu schreiben, die ich gerade erlebt hatte.“ Das Schreiben fällt ihm leicht: „Man braucht keine Wand, kein Material, und man kann überall schreiben.“ Vielleicht wird das ja sogar sein Ding für die Zukunft.

Ausstellung bis 14. Oktober in der KTR Galerie „Active Art“, Tschaikowskistraße 21.

Von Kerstin Decker

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