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Boulevard In völliger Dunkelheit: Sehbehinderte Kellnerin spricht über ihre Arbeit in Leipziger Restaurant
Leipzig Boulevard In völliger Dunkelheit: Sehbehinderte Kellnerin spricht über ihre Arbeit in Leipziger Restaurant
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15:38 17.07.2015
Die sehbehinderte Daniela Kretzmähr arbeitet im Restaurant Mondschein. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Wenn sie nicht gerade in der völligen Dunkelheit bedient, sieht sie auf dem linken Auge bei Tageslicht 30 Prozent. Auf dem rechten Auge ist Daniela Kretzmähr allerdings vollständig blind.

„Als ob man durch eine Klarsichtfolie schaut“, erklärt die aufgeschlossene junge Frau. „Es sieht halt alles ein bisschen verschwommen aus. Und was sich rechts von mir abspielt, sehe ich nicht. Das rechte Gesichtsfeld ist bei mir also nicht vorhanden, ab der Mitte ist Schluss.“

Daniela Kretzmähr ist eine von 3493 blinden und sehbehinderten Menschen in Leipzig. Seit ihrer Geburt lebt sie mit dieser Behinderung, verursacht durch die von Katzen übertragene Infektionskrankheit Toxoplasmose, die während der Schwangerschaft ihrer Mutter auftrat. „Ich hätte damals auch sterben können. Gleich nach der Geburt wurde die Krankheit bei mir festgestellt und behandelt“, erzählt sie.

Es hatte sich ebenso ein Tumor gebildet, der seitdem auf die Sehnerven drückt. „Der wurde operativ eingekapselt und bleibt hoffentlich auch so“, sagt die Leipzigerin. Denn so lange verschlechtert sich auch ihre Sehkraft nicht und sie kann ihrem Hobby nachgehen: dem Bücherlesen. „Ich liege förmlich auf dem Buch und klebe an jedem Wort“, sagt sie und fügt hinzu: „Dann nehme ich auch meine Kontaktlinsen heraus.“ So lese es sich schneller und strenge nicht so sehr an.

Sehlinsen trägt Daniela Kretzmähr seit ihrem 13. Lebensjahr. Nicht ohne Grund. „Ich wurde damals blöd angemacht und als Brillenschlange beschimpft.“ Auch wenn solche Situationen nicht oft vorkamen, schön sei der Moment nicht gewesen. „Minus 15 und minus 18 Dioptrin – das sind wahre Aschenbecher“, beschreibt sie die Stärke der Gläser.

Wunsch nach dem Traumberuf immer noch unerfüllt

Die sehbehinderte Daniela Kretzmähr arbeitet im Restaurant Mondschein als Kellnerin. Quelle: Dirk Knofe

Seit der Eröffnung des Restaurants Mondschein vergangenen Herbst bedient Daniela im Dunkeln ihre Gäste. Fünf Tage die Woche, insgesamt 40 Stunden. Sehen ist dort Fehlanzeige, vielmehr sind Hören, Riechen, Schmecken und Tasten angesagt. Gelernt hat sie allerdings etwas ganz anderes: Physiotherapeutin. Das ist auch nach wie vor ihr Traumberuf. Nach der abgeschlossenen, dreijährigen Ausbildung in Chemnitz folgte 2008 ein Jahr Arbeitslosigkeit. „Das war sehr deprimierend. Man weiß, was man kann und findet einfach nichts“, erinnert sich Daniela Kretzmähr nur ungern an die Zeit.

Endlich folgten sechs Monate Arbeit in Österreich als Physiotherapeutin. Danach befand sich Daniela Kretzmähr in derselben Misere wie zuvor. „In Deutschland habe ich einfach keine Stelle gefunden, weil ich als Therapeut einen Führerschein vorweisen muss. Und Auto fahren darf ich nicht“, bedauert und versteht sie zugleich. Auf eines verzichtet sie allerdings nicht. Auf das Radfahren, „auch wenn es mir die Ärzte verboten haben“.

Eingeschränkte Flexibilität lässt Wünsche offen

Das Problem eingeschränkter Flexibilität kennt auch Susann Haske, Diplom-Sozialarbeiterin vom Blinden- und Sehbehindertendienst der Diakonie Leipzig. Als Blinde berät und vermittelt Menschen seit elf Jahren. „Die Jobsuche ist dabei das größte Problem. Viele arbeiten als Telefonisten. Aber alles, was darüber hinaus geht, wird schwierig. Die Grenzen sind sehr schnell erreicht“, erklärt sie und fügt hinzu: „Man muss offen für diese Menschen sein und ihnen eine Chance geben.“ Für die Diakonie Leipzig sind rund 60 Ehrenamtliche im Einsatz, begleiten Hilfsbedürftige bei Einkäufen, zu Ärzten oder Behörden.

Auf diese Unterstützung ist Daniela Kretzmähr glücklicherweise nicht angewiesen. Sie genießt ihre Selbständigkeit und ihre eigene Wohnung in Lindenau. „Ich komme gut zurecht. Nur im Dunkeln habe ich meine Probleme, ich bin quasi nachtblind.“

Vor allem das Blindenleitsystem, Ansagen in Bussen und Straßenbahnen sowie Ampeln mit akustischen Signalen helfen viel. „Obwohl diese in Chemnitz weiterentwickelt sind, sicherlich aufgrund des großen Blindenzentrums vor Ort.“ Probleme hat sie nach wie vor bei zu kleinen Beschriftungen, wie im Supermarkt oder bei Fahrplänen. „Aber ich habe einen Mund und frag mich durch.“

Fotografisches Gedächtnis hilft in der Dunkelheit

Der Weg in die Dunkelheit: Ohne Probleme bedient die sehbehinderte Daniela Kretzmähr im Restaurant Mondschein ihre Gäste. Quelle: Dirk Knofe

Ihren Mund setzt die Kellnerin auch im Dunkelrestaurant geschickt ein, nimmt Bestellungen auf, führt Besucher zum Tisch oder auf die Toilette und ist anschließend auch noch für einen kleinen Plausch zu haben. „Die Gestik, die sonst eine große Rolle spielt, ist hier völlig außen vor. Umso wichtiger ist es, sich über die Sprache zu verständigen.“ Bis zu 20 Leute kann sie an einem Abend bedienen. „Anfangs habe ich mir den Raum bei Licht angeschaut, um zu wissen, wo Tisch und Stuhl stehen. Durch meine Sehbehinderung habe ich eine andere Wahrnehmung, mir hilft mein fotografisches Gedächtnis. Nach zwei Tagen hatte ich alles im Kopf.“ Übliche Fragen wie „Kochen denn die Köche auch im Dunkeln?“ oder „Zählst du die Schritte, um nirgendwo anzustoßen?“ hört sie öfters. Auch gibt es Leute, die durch die Dunkelheit panisch reagieren. „Ich versuche dann, sie mit Worten und der Atmung zu beruhigen. Das klappt ganz gut. Dabei hilft mir auch das Gelernte meiner Ausbildung.“

In zwei Wochen schauen ihre Eltern bei ihr im Restaurant vorbei und lassen sich auf das ungewohnte Dunkeldinner ein. „Ich werde zwar arbeiten müssen, aber vielleicht kann ich sie ja bedienen“, hofft die symphatische Leipzigerin und freut sich schon jetzt darauf, dass ihre Eltern einen Einblick in ihre Arbeit bekommen. Eins ist sicher: Die Stimmen am Tisch wird Daniela Kretzmähr dann hundertprozentig erkennen.

Annett Böhm

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