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Kronjuwel der DDR: Olympiasiegerin Katarina Witt wird 50

Eiskunstläuferin Kronjuwel der DDR: Olympiasiegerin Katarina Witt wird 50

Ihr Auftritt hat die Welt verändert. Wenn Katarina Witt Olympia-Gold gewann, konnten sogar Westdeutsche jubeln. Obwohl sie ihren Erfolg als Eiskunstläuferin vor allem dem System DDR verdankte. Am Donnerstag wird die Königin der Kufen 50.

Katarina Witt wird am Donnerstag 50 Jahre alt. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Berlin. Rechtzeitig zu ihrem 50.  Geburtstag ist ein Bildband über Katarina Witt erschienen. Eine Bilderschau ihres Lebens. Mit 300 Fotos vom kleinen Mädchen mit der Schultüte bis zum Covergirl des „Playboy“. „So viel Leben“ heißt das Buch. Und in ihrem Vorwort dazu schreibt Katarina Witt, dass sie dem „so“ noch Hunderte „Os“ hätte dranhängen können.

So viel Leben? Eigentlich sind es (nur) zwei Leben, die Katarina Witt gelebt hat. Aber zwei Leben, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die ersten 25 Jahre dieses Lebens sind fremdbestimmt und beginnen in einer Zweieinhalbraumwohnung in Karl-Marx-Stadt, in der ein kleines Mädchen mit seinen Eltern und seinem Bruder lebt – und auch oft zusammen mit der Großmutter. Kindheit, die auch sonst keinen Freiraum kennt. Jeden Tag nach der Schule fünf Stunden Arbeit auf dem Eis. Jeden Tag bis an die eigenen Grenzen trainiert und oft darüber hinaus.

Zwei Mal in ihrer Karriere als Eiskunstläuferin hat Katarina Witt olympisches Gold gewonnen. Auch danach stand sie ettliche Male auf dem Eis und noch häufiger vor Kameras. Auch zu ihrem 50. Geburtstag ist sie regelmäßig in der Öffentlichkeit präsent.

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„Die einzige Fantasiewelt, in die ich mich flüchten konnte“, wird Katarina Witt später einmal sagen, ist die Märchenwelt eines der beliebtesten Kinderbücher der DDR: „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ – die Geschichte des kleinen Mädchens Elli und seiner Freunde: der Vogelscheuche, die so gerne Verstand hätte, dem eisernen Holzfäller, der sehnsüchtig auf ein Herz hofft, und dem zaghaften Löwen, der sich Mut wünscht …

Mit neun Jahren hat Katarina Witt noch nicht gewusst, dass „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ die russische Adaption des amerikanischen Märchens „Der Zauberer von Oz“ ist. Und was die junge Katarina zu dieser Zeit auch nicht weiß, ist, dass die Staatssicherheit bereits eine Akte über sie angelegt hat, in der sie den Durchschnitt ihrer Schulnoten und ihr Gesamtverhalten auf der Kinder- und Jugendsportschule festhält. Der Staat hat noch viel vor mit ihr. Das kleine Mädchen ist schon längst Bestandteil eines großen Masterplans.

Seit den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko ist die DDR mit einer eigenen Mannschaft am Start. Was ihr politisch immer noch verwehrt ist, die Anerkennung als eigenständiger souveräner deutscher Staat, hat sie auf sportlichem Feld endlich erreicht. Und seitdem gilt: Jeder sportliche Triumph, jede Medaille ist auch ein Sieg über den Klassenfeind.

Der Plan geht auf. Von Olympiade zu Olympiade hängt die DDR die BRD im Medaillenspiegel weiter ab. Und im Westen sitzen sie mit schmalen Lippen auf dem Sofa und schalten den Fernseher stumm, wenn zur Siegerehrung die Becher-Hymne gespielt wird. „Eh alle gedopt!“, fluchen sie. „Schau dir doch bloß die an, die sieht doch aus wie ein Mann!“ Bis Katarina Witt die Bühne betritt.

Selbst eingefleischte Kommunistenfresser können sich dem Charme dieser jungen Prinzessin auf dem Eis nicht entziehen, ihrem Lachen, ihrer Herzlichkeit. Sexy, glamourös, „das schönste Gesicht des Sozialismus!“, jubelt das „Time Magazine“. Und weiter: „Wenn Kati Witt das wahre Gesicht des Sozialismus ist, dann kann Amerika gern sozialistisch werden.“ Mehr geht nicht. Selbst in der Bundesrepublik fliegen Katarina Witt die Herzen zu.

Der graue Arbeiter-und-Bauern-Staat ist plötzlich im Besitz eines funkelnden Kronjuwels. Aber er hält einen Schatz in Händen, der mehr und mehr Begehrlichkeiten weckt: Millionenschwere Angebote für Kosmetikwerbung, Film- und Fernsehrollen gehen in Ost-Berlin ein, „Holiday on Ice“ lockt mit einem Profivertrag, eine amerikanische Agentur mit einer Karriere als Model.

Wird Katarina Witt den Verlockungen des kapitalistischen Westens widerstehen? Was, wenn sie plötzlich die Seiten wechselt? Aus dem größtmöglichen Propagandaerfolg kann von einer Sekunde zur anderen der Super-GAU werden. Die Paranoia in der DDR-Führung geht so weit, dass selbst die Interviewanfrage eines US-Eislaufmagazins wie ein drohender Militärschlag analysiert wird. Nein! Dieser Schatz muss unter allen Umständen bewacht werden. Was das bedeutet, wird Katarina Witt erst nach dem Ende der DDR richtig klar werden. Als sie zum ersten Mal in ihre Stasi-Akten schauen kann: Rund um die Uhr steht sie unter Beobachtung. Ein dicht gesponnenes Netz von Spitzeln aus ihrem Freundeskreis und sportlichem Umfeld notiert jeden Eisbecher, den sie bestellt, jedes Kilo zu viel, das sie auf die Waage bringt. Selbst der Wunsch, einmal ein Ragout fin zu essen, findet den Weg in ihre Akte. Und als sie bei der WM in Tokio auf dem Siegerpodest weint, diskutieren Stasi-Offiziere stundenlang darüber, was ihre Tränen wohl zu bedeuten haben.

Eiskunstläuferin Katarina Witt holte bei den Olympischen Spielen 1998 in Sarajevo Gold. (Archivfoto)

Eiskunstläuferin Katarina Witt holte bei den Olympischen Spielen 1998 in Sarajevo Gold. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Aus Katarina Witt ist der „Operative Vorgang Flop“ geworden. Im Stasi-Deutsch wird aus der „Genossin Witt“ nur noch „die Witt“. Doch was die Stasi nicht glauben kann oder will, ist, dass Katarina Witt überhaupt nicht daran denkt, der DDR den Rücken zu kehren. Sie wäre sich als Verräterin vorgekommen. Sie ist diesem Staat (bis heute) dankbar dafür, dass er ihr diese Karriere ermöglicht hat. Das Einzige, was sie will und auch versteht auszureizen, sind ein paar Vergünstigungen. Einen roten Golf etwa, einen Geschirrspüler – oder das Versprechen, das sie den Sportfunktionären vor den Winterspielen 1988 in Calgary abringt: Wenn ich noch einmal Gold hole, müsst ihr mir auch einige Profishows im Ausland genehmigen.

Vergünstigungen, die ihr nach dem Ende der DDR fast zum Verhängnis werden. Plötzlich muss sie sich kritischen Fragen stellen. Plötzlich wird sie als die „Stasi-Ziege“ tituliert. Und plötzlich flammt eine öffentliche Diskussion über ihre Rolle in der DDR auf: War sie nur Opfer der Stasi oder hat sie vom Unrechtssystem auch profitiert?

Wer auch immer noch heute solche Fragen stellen will, der möge einen Blick in ihre Akten werfen. Selbst vor ihrem Schlafzimmer hat die Staatssicherheit damals nicht haltgemacht: „Ab 20 Uhr gab es Intimverkehr zwischen den beiden Personen, der um 20.07 Uhr beendet wurde“, steht in ihrer Akte über einen Hotelaufenthalt.

Wie furchtbar ist es, einen solchen Satz über sich zu lesen? „Vor allem furchtbar schnell“, antwortete Katarina Witt vor Kurzem in einem Interview des „Stern“ auf diese Frage und hat sich dabei gebogen vor Lachen. Eine typische Witt-Antwort wie auch auf so viele andere Fragen nach ihrem „ersten Leben“.

Sie hat es einfach abgeschüttelt. Ganz so, wie sie es als Mädchen auf dem Eis gelernt hat: sich aufrappeln nach einem Sturz, Misserfolge wegstecken, nie zurück, immer nach vorne schauen. Nur dass Katarina Witt nach 25 Jahren ihr Leben selbst in die Hand nimmt: Dem „Operativen Vorgang Flop“ folgt der „Operative Vorgang Top“:

Engagiert fürs Leipziger Sportmuseum

Ihr berühmtes Carmen-Kostüm kann im Olympischen Museum in Lausanne bewundert werden. Doch auch das Leipziger Sportmuseum besitzt extravagante Stücke von Eiskönigin Katarina Witt. Dazu gehört das Mozart-Outfit, das Europameisterin „Kati“ bei ihrer Kurzkür 1983 in Dortmund trug. Zudem ziert ein Cowboyhut (exakt: Smithbilt White Hat) des Gold-Girls – ein Gastgeschenk zu den Olympischen Spielen in Calgary 1988 – die imposante Leipziger Sammlung. Diese ist allerdings seit 1991 in der „Versenkung“ verschwunden, das Sportmuseum hat keine eigene Ausstellung mehr und fristet ein Kellerdasein. Zwar hatte 2007 der Stadtrat ein neues Domizil in der denkmalgeschützten Nordtribüne des abgerissenen Schwimmstadions beschlossen, doch bis heute hat sich fast nichts getan.

„Katarina hat uns immer geholfen, sei es mit Leihgaben oder persönlichen Worten“, weiß Museumschefin Gerlinde Rohr den Einsatz der Eis-Ikone in Sachen Traditionspflege zu schätzen. Dafür gab es für die Grande Dame unlängst auf der Veranstaltung „Wirtschaft trifft Sport“ im LVZ-Verlagsgebäude einen der sechs erstmals verliehenen Preise, Glaspokale in Form einer Flamme. Mit Leipzig verbindet die Berlinerin aber noch weitaus mehr. Sie war Botschafterin fürs Deutsche Turnfest 2002 und findet es cool, dass eine neue Bewerbung für 2021 auf dem Weg ist. Kerstin Förster

Zehn Jahre tourt sie mit Riesenerfolg in den großen Eisrevuen in den USA und produziert selbst zahlreiche Eiskunstlaufshows fürs Fernsehen. Die „Devisen“, die sie nun verdient, landen nicht mehr beim Staat, sondern auf ihrem eigenen Konto. Doch auch die Glitzerwelt des Showbiz hat ihre Schattenseiten. Immer wieder scheitern ihre Beziehungen mit Musikern oder Schauspielern. Vielleicht mit ein Grund, warum sie doch noch einmal zurück will in die eigene Vergangenheit – in die „heile Welt“ der Wettkämpfe und Medaillen?

Für die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer lässt sich Katarina Witt re-amateurisieren, trainiert wieder bei ihrer alten Trainerin Jutta Müller und stellt sich einer Herausforderung, von der wahrscheinlich auch sie weiß, dass sie sie nicht mehr gewinnen kann. Am Ende wird sie siebte. Aber elf Millionen Menschen in Deutschland sind bis spät in die Nacht aufgeblieben, um zu sehen, wie Kati Witt die letzte große Kür ihres Lebens läuft.

Danach wird es peu à peu ruhiger um sie. Genauso wie sie selbst. Was nicht heißt, dass sie untätig in ihrer Berliner Wohnung sitzt. Sie ist immer noch eine erfolgreiche Geschäftsfrau, kümmert sich um ihre Stiftung für behinderte Kinder, kämpfte für die Bewerbung Münchens um die Winterspiele 2018 – und provoziert immer noch mit dem Lachen, Kichern und Dauerstrahlen, das ihr so eigen ist. Manche unterstellen Katarina Witt deshalb einen gewissen Mangel an Tiefe, werfen ihr vor zu verdrängen, statt sich ernsthaft mit ihrem Leben und ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Andere wiederum deuten ihr Lachen, ihre manchmal flapsigen Antworten, als Maske, hinter der sich eine verletzte Seele versteckt.

Nichts von dem, sagen fast alle, die ihr schon einmal persönlich begegnet sind: Katarina Witt ist neben dem Talent zum Eislaufen noch eine andere Gabe in die Wiege gelegt worden: ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben. Sie sieht in allem erst einmal das Positive. Und sie hat – wie sie selbst sagt – das Glück erfahren, ihren Traum gelebt haben zu können. Mit Herz, Mut und Verstand.

Genauso wie die Märchenfiguren ihrer Kindheit.

Von Udo Röbel

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