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Boulevard LVZ-Familienserie: Zwei Mamas und drei Mädels sind die Scholls in Breitenfeld
Leipzig Boulevard LVZ-Familienserie: Zwei Mamas und drei Mädels sind die Scholls in Breitenfeld
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01:00 26.10.2013
Nicole (links) und Susan Scholl mit den Kindern Mathea (links), Lotta und Theresa. Susan hat Nicols Zwillinge adoptiert, Nicole die kleine Lotta. Quelle: André Kempner

"Musik und Sport ist schön", sagt Theresa. "Ich mag Musik und Sachkunde", sagt Mathea. Beide finden an ihrer neuen Wirkungsstätte wiederum nicht so toll, dass sie jetzt schon 6 Uhr aus den Federn müssen. In der Kindergartenzeit ließ sich der Tag entspannter an. Schwester Lotta etwa lässt sich noch gemütlich gegen 8 Uhr in der örtlichen Kita "abliefern".

Und dennoch: Als sich Nicole (38) und Susan (32) Scholl jetzt einen Kopf gemacht hatten, wie sie sich Zeit schaffen und ihrer quirlige Bande die Ferien von der Schule "richtig schön" gestalten könnten, gab es Widerspruch: "Warum können wir nicht zu den anderen Kindern in den Hort?"

Ob nun so oder so: Das familiäre Management ist für die zwei Frauen eine Herausforderung. "Zugute kommt uns, dass wir abwechselnd in Früh- und Spätschichten arbeiten", sagt Nicole. "So ist immer eine von uns bei den Kindern." Was natürlich für beide selbst bedeutet, sich pausenlos die Klinke in die Hand zu geben. Und unverzichtbare Erledigungen einander per Zettel zu kommunizieren. - "Die Mamas sind Krankenschwestern!", erklärt Theresa gewichtig. "Wenn ich Frühdienst habe, ziehe ich schon um 5 los. Und Susan deichselt hier das Morgengeschäft", erklärt Nicole. "Habe ich 14.30 Uhr Schluss, hole ich die Zwillinge aus der Schule, und zusammen geht es in den Kindergarten Lotta holen." Sie lächelt und winkt ab: "Naja - und dann folgt das übliche Programm. Hausaufgaben machen, üben, Ranzen packen, zwischendurch Lotta bespaßen, die Hausaufgaben langweilig findet. Ganz normal also."

Wegen der Arbeit im Krankenhaus bleibt auch monatlich meist nur ein einziges Wochenende, wo alle fünf Scholl-Frauen gleichzeitig vorrätig sind. "Da machen wir dann aber auch alle zusammen was", betont Nicole. "Uno und Schwarzer Peter spielen. Radfahren. In den Wildpark gehen, in den Zoo, zum Schwimmen. Auch die Gemeinde oder das benachbarte Lindenthal bieten viel für Kinder."

Die Frauen hatten sich auf Arbeit im Uni-Klinikum kennengelernt. Dass sie mehr für einander empfanden als Freundschaft, war für Nicoles Eltern schwer verdaulich. "Ich komme aus einer Kleinstadt vor den Toren Leipzigs. Dort ist man weniger tolerant eingestellt. Und mit meinen Eltern war es dann auch ein langer Weg, auf dem wir uns jetzt gerade wieder etwas nähern", erzählt sie. Anders bei Susan, die in Schleußig aufwuchs. "Keine Probleme mit den Eltern", sagt sie. Im Gegenteil, Oma Evelyn und Opa Joachim sind die Stütze ihres "Weiberhaushaltes". Auch als Susan und Nicole 2006 nach Breitenfeld zogen, hat es höchstens mal ein gemütliches "Ach? Da kommen zwei Frauen? Na warum nicht" gegeben.

"Ich glaube, wenn man offensiv mit so einem ,Familienmodell' umgeht, wird man auch akzeptiert wie man ist. Die Nachbarn jedenfalls sind nett. Wir haben ganz liebe Freunde, die uns gern helfen", sagt Nicole. Vor kurzem hatte Susan ihre Tochter Mathea mal gefragt, ob sie traurig sei, dass sie keinen Vati hat. "Nein! Wieso?", meinte sie. "Ich habe zwei Mamis, das ist doch etwas Besonderes!"

2007, im Oktober, hatten Susan und Nicole den Bund fürs Leben geschlossen, für den das Amtsdeutsch in ihrem Fall das Wort "verpartnert" vorhält. Susans Nachname wurde Familienname. Zuvor, im Februar, hatte Nicole die Zwillinge entbunden. "Offizielle Väter haben sie nicht - ebenso wie später Lotta. Wir konnten auf eine Samenbank zurückgreifen", berichtet Nicole. Das sei für die behördliche Bürokratie schon schwer zu verstehen gewesen. "Die Spalte ,Leiblicher Vater'! Die sollten wir unbedingt ausfüllen. Das hat Debatten gekostet! Auch manch lauten Anruf", schmunzelt sie.

"Aufregend war für uns dann auch die so genannte Stiefkindadoption, als ich Theresa und Mathea adoptieren wollte. Ein Behördenmarathon!", hakt Susan ein. Ihre kleine Lotta wurde inzwischen wiederum von Nicole adoptiert. Die Zwei loben bei all dem auch ihre "sehr liebe Bearbeiterin" beim Jugendamt.

Für gleichgeschlechtliche Paare sei es nach wie vor schwer, ihren Kinderwunsch erfüllt zu bekommen. "Mitte 2007 wurde ja per Gesetz lesbischen und alleinstehenden Frauen kein Zugang mehr zu deutschen Samenbanken gewährt. Ein totaler Rückschritt. Durch diese gesetzlichen Hürden werden bei Medizinern viele unnötige Ängste aufgebaut. Während wir uns damals bei Theresa und Mathea noch an eine große deutsche Samenbank wenden konnten, blieb uns später bei Lotta nur noch eine dänische. Es war dadurch auch viel komplizierter, einen Arzt zu finden, der uns unterstützte."

Eine Hilfe war ihnen in jener Zeit "queerkids", die Gruppe für Lesben und Schwule mit Kindern und Kinderwunsch beim Verein RosaLinde. "Die haben uns in jeder Phase unterstützt", sagt Nicole. Noch heute treffen sie sich da gelegentlich mit anderen Regenbogenfamilien. "Es ist zugleich eine Möglichkeit für unsere Mädels zu sehen, dass es noch andere Kinder mit zwei Mamas gibt. Und wir so ,besonders' nun wiederum gar nicht sind", erzählen Frau und Frau Scholl.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.10.2013

Angelika Raulien

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