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Leipziger Dichter Werner Heiduczek wird 88: "Die Tragik des Alters ist das Überleben"

Leipziger Dichter Werner Heiduczek wird 88: "Die Tragik des Alters ist das Überleben"

"Zum Hinausschreien der Wahrheit - und was ist Wahrheit? - mag zweifellos Mut gehören. Wer aber dürfte aufstehen und behaupten, dass Schweigen immer Feigheit ist.

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Der Leipziger Dichter Werner Heiduczek und seine Partnerin Traudel Thalheim. (Archivfoto)

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Freilich, der Grat zwischen Opportunismus und moralischem Exhibitionismus ist nicht weniger schmal als der zwischen Wahnsinn und Genie, Mut und Leichtfertigkeit, Wahrheit und Irrtum. Wir sind befangen im Guten wie im Bösen, im Wissen wie im Unwissen." Diese Sätze stammen aus Werner Heiduczeks unsterblichem Roman "Tod am Meer", der Mitte der 70er-Jahre hätte ein Welterfolg werden können. Doch die "Freunde" aus Bulgarien und der Sowjetunion intervenierten - und auch manch Oberer des kleinen Landes fühlte sich nicht wohl beim Lesen dieser skeptischen Lebensbilanz eines DDR-Künstlers. Und so wurde das Buch viele Jahre nicht mehr publiziert.

Doch die eingangs erwähnten Worte bleiben aktuell. Bei Gesprächen mit dem Dichter, der am Montag 88 Jahre alt wird, tauchen sie - wenn auch abgewandelt - immer wieder auf. Doch da Geburtstage für Werner Heiduczek ein Graus sind, floh er mit seiner Gefährtin aus Leipzig. "Ich will mich ein paar Tage erholen, vor allem viel schwimmen. Denn das Laufen wird doch manchmal etwas beschwerlich. Ein Glück, dass Traudel mir oft beim Gehen eine Stütze ist", erzählt er mit etwas ironischem Blick.

Wie schrieb er doch in seiner über den Sinn des Lebens reflektierenden Autobiographie "Die Schatten meiner Toten": "Als die Weimarer Republik starb, war ich ein Kind. Als das ,Tausendjährige Reich' zu Ende ging, war ich ein Jüngling. Als der DDR-Sozialismus zusammmenbrach, war ich ein Mann. Wenn das Gegenwärtige sterben wird, werde ich nicht mehr sein. Die Tragik des Alters ist das Überleben." Dabei ist der Schriftsteller partout kein Pessimist, aber immer skeptisch, und er hat viel Tragisches erlebt: den seelischen Infarkt einer seiner drei Töchter und den Krebstod seiner Frau Dorothée. Mit ihr hatte er nicht nur Goldene Hochzeit gefeiert hat, sondern sie stand auch in schweren Zeiten, als er bei der Obrigkeit in "Verschiss" geraten war, fest zu ihm. Außerdem war sie seine Lektorin und kritische Ratgeberin. Er hat ihr Ringen mit dem Tod miterlebt. "Nur wer derartiges Leid durchlebt hat, weiß, dass in der heftigen Ablehnung einer aktiven Sterbehilfe ein gerüttelt Maß an Heuchelei steckt. Zwischen der Gefühlswelt eines Betrachters und der Gefühlswelt eines Betroffenen klaffen Welten."

Der Schriftsteller ist immer noch ein Mann klarer Worte und Sätze, wenngleich er sich etwas aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. "Ich bin um die Welt gereist, habe aufgeschrieben, was mich bewegt. Dieser Drang zum Schreiben ist langsam verebbt. Wenn es mir einst nach Diskussionen um Gegenwartsromane schlecht ging, habe ich mich dem Mythos zugewandt und dabei die Warnung des Mobaden an Sijawusch verinnerlicht: Die Sonne des Glücks wird über dir stehen. Doch hüte dich, Deinen Schatten wachsen zu lassen, dass er anderen das Licht nimmt." Und so freut er sich heute über die Arbeit der jüngeren Generation, schätzt zum Beispiel Clemens Meyer.

Wer Werner H. fragt, woran er gerade arbeite, trifft auf Schweigen. Dabei sitzt er doch tagtäglich am Computer und schreibt. Vielleicht "rumort" in ihm wieder eine phantasievolle Geschichte? Seine Märchen gehören jedenfalls zum Besten, was er erdacht hat. Einige davon wurden jüngst ins Arabische übersetzt.

Und was hält der Romancier und Essayist vom Märchenerzähler Werner Heiduczek? "Wälder, Flüsse, Wüsten sind heute von Industrie, Tourismus, Krieg befallen wie einstmals die Menschen von der Pest. Größeres Wissen gibt der Menschheit eine andere Wirklichkeit. Ob eine bessere, weiß ich nicht. Aber der Geist drängt nach Erkenntnis, und es wäre töricht, sich dem zu widersetzen. Auch der Märchenerzähler darf sich dieser neuen Wirklichkeit nicht entziehen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.11.2014

Rolf Richter

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