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Männliche Wolllust - Häkeln und Stricken beenden ihr Schattendasein

Männliche Wolllust - Häkeln und Stricken beenden ihr Schattendasein

"Da mache ich mir nichts draus. Ich bastle gern und möchte mal etwas Neues probieren. Das Häkeln wird eine Herausforderung, weil es nun mal keine Männer-Domäne ist", sagt Nils Schneider mit dem Anflug eines Lächelns und setzt sich die Lesebrille auf die Nase.

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Florian Gaebler (19) häkelt sich seine Mützen selbst.

Quelle: André Kempner

Schließlich sind in den nächsten drei Stunden nicht nur Fingerspitzengefühl und ruhige Hände gefragt, sondern auch ein klarer Blick.

Der Installateur Nils Schneider ist mit seinen 48 Jahren der Älteste in einer Runde, die sich in Leipzig gesucht und letztlich auch gefunden hat: eine Männer-Häkel-Gruppe. Der Jüngste ist 19 Jahre und Zerspanungsmechaniker-Azubi, die anderen sind noch keine 30 Jahre. Fünf Männer, denen die gängigen Vorurteile nichts anhaben können. Fünf Männer, die eine scheinbar fossile Kulturtechnik für sich entdeckt haben. Auf den beiden Sofas, zwischen denen Kaffeetassen, Sektgläser und Partyspieße auf einem Tisch aufgereiht sind, wird dem Begriff der männlichen Wolllust eine neue Bedeutung eingehaucht. Hier trifft sich das männliche Häkel-Kränzchen.

Angestaubtes Image

Früher, als es für Mädchen und Jungen in den ersten Klassen noch Handarbeitsunterricht gab, wurde Häkeln in der Schule gelehrt. Es entstanden Millionen gehäkelter Topflappen und Deckchen, die häufig als weihnachtliche Verlegenheitsgeschenke für Mütter, Omas oder Tanten dienten. Die Zahl der Menschen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch häkelten, lag nicht mal im Prozentbereich. "Zu DDR-Zeiten haben sich viele Menschen durch die Handarbeiten selbst eingekleidet - nach der Wende ist das eingeschlafen. Nur absolute Enthusiasten haben ihr Können an Kinder oder Enkel weitergeben. Das Häkeln war verloren gegangen. Doch jetzt geht es wieder richtig los", sagt Mona-Petra Hohberg. Die 55-jährige Leipzigerin muss es wissen: Sie ist sozusagen der Indikator für die immer größere Nachfrage. Denn Mona-Petra Hohberg betreibt im Paunsdorf Center einen Kreativ-Laden und leitet entsprechende Kurse. Nun zum ersten Mal auch für Männer. "Wenn Männer bei mir Wolle gekauft haben, dachte ich zunächst, die bringen sie ihren Frauen mit. Als ich aber nachgefragt habe, stellte sich heraus, dass die Männer selbst häkeln." Da ist beispielsweise der LKW-Fahrer, der in seinen Ruhepausen abseits der Autobahnen Dutzende bunte Mützen und Schals häkelt. Oder der Schuh-Center-Manager, der mit dem Wollfaden und der gebogenen Nadel, die einem Miniatur-Enterhaken ähnelt, am besten entspannen kann.

Das Häkeln hat lange ein piefiges Schattendasein gefristet. Nun ist es erwacht. Als Auslöser dürfen die beiden Oberfranken Thomas Jaenisch und Felix Rohland (siehe nebenstehenden Beitrag "Der Häkel-Hype") gelten. Doch dieses Phänomen könnte kaum Erfolg haben, wenn es nicht auf fruchtbare Hände treffen würde.

Entspannende Handarbeit

Das Geheimnis des Häkelns liegt heutzutage darin, dass der Weg das Ziel ist: Es geht weniger um das Tragen als um das Herstellen. Häkeln, und auch Stricken, entspannen - mittlerweile heißt es sogar, Häkeln sei das neue Yoga. Mit dem Öko- oder Hausmütterchen-Image hat das nichts mehr gemein.

Selbst die Wissenschaft beschäftigt sich nun mit dem Thema und hat bereits Erstaunliches entdeckt: Wer öfter mal die Nadel klappern lässt, kann Stress bekämpfen und tut möglicherweise auch etwas für sein Erinnerungsvermögen. Die Idee dahinter: "Wenn man eine Tätigkeit immer wieder ausübt, kommt man in einen Zustand vollkommener Entspannung wie bei Meditation oder Yoga", erklärt Herbert Benson von der renommierten Universität in Harvard. So senkt Handarbeit ebenso wie die fernöstlichen Entspannungstechniken etwa die Pulsrate und den Blutdruck, zeigten Studien seines Instituts. Nicht umsonst haben selbst Hollywood-Stars wie Julia Roberts und Catherine Zeta-Jones oder Pop-Queen Madonna das Häkeln und Stricken für sich entdeckt. Die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Iris Kolhoff-Kahl erklärt: "Häufigkeit, Relevanz und Ähnlichkeit einer Tätigkeit, wie es beim Handarbeiten der Fall ist, sind wichtig für die Vernetzung im Gehirn." Sprich: Handarbeit entspannt und hält gleichzeitig die Synapsen auf Trab.

Diese Entspannung ist der Leipziger Männer-Runde bei ihrem ersten Treffen noch nicht anzusehen. Im Gegenteil. Der eine scheint mit der Zunge zu häkeln, die beharrlich im rechten Mundwinkel klemmt; der andere blinzelt prüfend über den Brillenrand zum Nachbarn. Wollene Fäden schlingen sich um kleine Finger. Die Zeigefinger der lernwilligen Männer strecken sich kerzengerade in Richtung Decke. "Das sieht schon sehr gut aus", lobt Mona-Petra Hohberg, die Lehrerin, "schlagt die Maschen aus, und zieht dann die Schlinge durch." Vor den Häkel-Männern liegen Anleitungen im A4-Format: Der kurze Weg zur selbst angefertigten Mütze führt 18 Maschenrunden, von denen manche doppelt, andere wiederum dreifach genommen werden müssen. Die Kursleiterin wird schließlich kategorisch: "Geht nicht, gibt's nicht. Jeder kann häkeln. Am Anfang nehmen sich Frauen und Männer nichts, beide Geschlechter haben die gleichen Probleme - und am Ende oft den gleichen Spaß." Nur in einem, da unterscheiden sich die häkelnden Männer dann doch von den häkelnden Frauen, gibt Mona-Petra Hohberg preis: Männer sind viel ehrgeiziger als Frauen, wollen schnell möglichst viel lernen und schaffen.

Eines fällt beim grassierenden Häkel-Boom besonders auf: Der Anteil der unter 30-Jährigen ist immens, macht das Gros der Begeisterungswelle aus. Daneben findet zwar auch die ältere Generation, die in den vergangenen Jahren nicht mehr viel Handarbeit gemacht hat, die Lust am Häkeln wieder - doch als chic und trendy gilt die Wolle in erster Linie bei jenen, die die so traditionelle wie einfache Technik nicht mehr von ihren Müttern oder Omas gelernt haben. Dahinter steckt eine schlichte Erklärung: Selbstgemachtes hat Konjunktur. Experten sprechen inzwischen vom "Do-it-yourself-Boom". "Die jungen Menschen versuchen in der kommerzialisierten Welt, wieder etwas selber zu machen", analysiert der Trendforscher Peter Wippermann, "sie stricken sich ihre eigene Welt, um autonomer zu sein."

Ein Motiv, von dem sich auch die fünf Leipziger antreiben lassen. So kreiert Nils Schneider mit steifen Fingern eine blaue-gelbe Mütze, die er demnächst bei einem Heimspiel des Fußball-Regionalligisten Lok Leipzig im Bruno-Plache-Stadion ausführen will. Florian Gaebler, der 19-jährige Azubi, entscheidet sich für eine knallgrüne, großmaschige Kopfbedeckung: "Meine Freundin häkelt seit einem halben Jahr - das wollte ich unbedingt auch können, weil es einfach cool aussieht, ein Unikat ist und man stolz auf seine Arbeit sein kann."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..
Andreas Debski

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