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Boulevard Null Punkte: Das deutsche Debakel beim ESC
Leipzig Boulevard Null Punkte: Das deutsche Debakel beim ESC
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14:13 24.05.2015
Ann Sophie ging beim ESC mit ihrem Beitrag für Deutschland leer aus. Quelle: dpa
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Wien

Da schleichen sie ins Pressezentrum, nachts um zwei Uhr, um das Unerklärliche zu erklären. Das Debakel von Wien. Null Punkte für „Black Smoke“. Letzter Platz für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2015. Im Elend vereint mit dem Gastgeberland Österreich. Die deutschen Hoffnungen – aufgelöst in schwarzen Rauch. Die Delegation ist konsterniert. „Ich bin natürlich traurig, klar. Null Punkte sind halt null Punkte“, sagt Ann Sophie Dürmeyer vor einer Wand aus Kameras und Mikrofonen. Die Ohrringe hat sie abgenommen, den schwarzen Jumpsuit vom Auftritt trägt sie noch. „Was soll ich dazu sagen? Ich glaube nicht, dass ich dieses Ergebnis erklären kann. Dazu habe ich zu wenig Vorstellungskraft.“ Oben auf einem Großbildschirm ist gleichzeitig der Schwede Mans Zelmerlöw zu sehen. Siegerpressekonferenz. Er feiert, er jubelt. 365 Punkte, Platz eins. Favoritensieg.

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Performance der Vorjahresgewinnerin und ESC-Ikone Conchita Wurst. Foto: dpa

In die Top Ten wollte die 24-jährige Hamburgerin. Nun steht sie auf Platz 27. Letzte. Trotz eines starken Auftritts, einer poppigen Nummer. Aber was nützt der Trost, als es darauf ankam die beste Show der ganzen Woche hingelegt zu haben, wenn man derart untergeht? Sie gibt sich tapfer, aber sie wird ahnen, dass dieser Makel an ihr haften wird. „Ich habe noch immer Leute, die hinter mir stehen“, sagt sie. „Für mich als Künstlerin, die wirklich niemand kannte, ist das alles hier ein riesiger Fortschritt, trotz allem. Ich werde weiter Musik machen, weil ich das liebe.“

„Null Punkte sind bitter und enttäuschend für Ann Sophie und für uns“, sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. „Der Song und die Performance waren besser als null Punkte. Es war ein großartiger Auftritt, deswegen stehen wir auch hinter Ann Sophie und werden weiter mit ihr arbeiten.“ Man könne ihr keinen Vorwurf machen, sagt auch ARD-Kommentator Peter Urban nach der Livesendung. „Sie hat das großartig gemacht. Aber offensichtlich hat der Song einfach nicht den Nerv von 120 Millionen Europäern getroffen.“ Auch der hannoversche ESC-Experte Irving Wolther, der zum Song Contest promoviert hat, nahm die 24-jährige Hamburgerin in Schutz. „Es sind nicht die schlechtesten Songs, die Letzter werden, sondern die Unauffälligsten. Dieser Titel gab einfach keine große Inszenierung her.“

Am Ende war es eine Reihe von Gründen, die zum katastrophalen Ergebnis geführt haben:

Erstens: Die Unaufdringlichkeit des Songs

In einem Meer von bombastischen Inszenierungen und großer theatralischer Pose blieb „Black Smoke“ einfach nicht hängen. „Zu unauffällig“ - diese Worte waren oft zu hören in der ESC-Gemeinde nach der Show. Der glatte Popsong „Black Smoke“ eignet sich einfach nicht für die große Geste, die Larger-than-life-Attitüde, die für einen Erfolg beim ESC einfach unerlässlich ist. Er hatte nichts Zwingendes, Soghaftes an sich. Das zeigt schon seine Platzierung in diversen Charts, wo er zwischen Platz 40 und 60 hängen blieb.

Zweitens: Die Vorgeschichte

Deutschland hat in dem Moment den ESC verloren, als Andreas Kümmert beim deutschen Vorentscheid einen Rückzieher machte. Nicht wegen mangelnder Fähigkeiten der Zweitplatzierten Ann Sophie, sondern weil von diesem Moment an ohne ihr eigenes Zutun ein Stigma an ihr haftete, gegen das niemand etwas unternehmen konnte. Praktisch jeder europäische ESC-Kommentator wies vor ihrem Auftritt darauf hin, dass sie als Zweitplatzierte ins Rennen ging. Dagegen ist kein Ankommen.

Drittens: Die Konkurrenz 2015

Der ESC-Jahrgang 2015 war zwar unterm Strich nicht der stärkste. Am Ende aber kristallisierten sich mit Russland, Italien und dem späteren Sieger Schweden drei klare Favoriten heraus, die die Punkte unter sich aufteilten. Für das untere Drittel der Tabelle blieben daher nicht mal Brosamen übrig. Beim aktuellen ESC-Wertungssystem bekommen nun mal nur die jeweils zehn Besten Punkte. Ann Sophie hätte in den europaweiten Jury- und Publikumsvotings 40-mal auf Platz elf oder zwölf stehen können – und hätte trotzdem nicht einen einzigen Punkt bekommen. Hinzu kommt: Vom alten Blockvoting kann zwar keine Rede sein, aber Osteuropa setzte in der Tendenz schon deutlich auf Russland, der Westen dagegen war gespalten zwischen Schweden und Italien. Die besondere Konstellation dieses Jahrgangs verhinderte, dass es auch nur ein paar westliche Mitleidspünktchen für Ann Sophie gab. Nicht mal die Schweiz und die Niederlande ließen Gnade walten.

Eine historische Niederlage? Nicht ganz. Die letzte komplette Pleite ist exakt ein halbes Jahrhundert her. Deutschland ging im Jahr 1965 leer aus, als Ulla Wiesner mit dem Titel „Paradies, wo bist du?" antrat. 1964 hatte Nora Nova mit „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne" ebenfalls nicht einen einzigen Punkt geholt.

Selbstverständlich wird ARD-intern nun die Suche nach Schuldigen beginnen. Die zu finden jedoch wird nicht einfach werden. Denn die Gemengelage ist so komplex, dass einzelne Fehlentscheidungen einfach nicht auszumachen sind. Der ausschlaggebendste Faktor war der Fall Kümmert. Zusätzlich muss man wohl an den Mut der Plattenfirmen appellieren, auch mal ins Risiko zu gehen, auch mal hoch moderne, irritierende, originelle Acts jenseits des Mainstreams ins Rennen zu schicken. Der Erfolg des Popexperiments „Love Injected“ von Aminata aus Lettland (186 Punkte, Platz 6) und des seltsam faszinierenden „Rythm Inside“ von Loic Nottet aus Belgien (217 Punkte, Platz 4) zeigen, dass sich Courage und eine konsequent umgesetzte künstlerische Vision am Ende auszahlen können. 8,11 Millionen Zuschauer verfolgten die Show am Sonnabend im Schnitt in der ARD, womit das Erste einen äußerst guten Marktanteil von 34 Prozent holte. Der ESC bewegte sich damit auf dem Niveau der letzten Jahre – trotz des Debakel.

Und jetzt, Ann Sophie? Sie und die österreichischen Makemakes, die trotz brennenden Klaviers ebenfalls komplett leer ausgingen, wollen jetzt eine Allianz der Verlierer bilden. Schon die ganze Woche über hatten sie sich blendend verstanden. Jetzt wollen sie zusammen Musik machen, sagt Ann Sophie. „Mal sehen, wohin uns das führt.“

Imre Grimm

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