Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Boulevard Schulmuseum I: Lehrer Günther Hessenauer erzählt vom Spicken
Leipzig Boulevard Schulmuseum I: Lehrer Günther Hessenauer erzählt vom Spicken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:31 19.05.2015
Ex-Lehrer Günther Hessenauer. Quelle: Wolfgang Zeyen

Anlässlich der Ausstellung "Bloß nicht erwischen lassen! Spickzettel - Die verborgene Seite der Schule" erzählte der 72-Jährige von seiner beträchtlichen Sammlung und seinem ungewöhnlichen Hobby.

Etwa 3000 Zettel von Schülern hat Hessenauer in seinen fast vier Jahrzehnten als Lehrer gesammelt. Die allermeisten davon hat er sogar freiwillig zugesteckt bekommen, als sein Interesse die Runde machte. Bei seinen Schülern hat er die Diskussion um "unerlaubte Hilfsmittel", so die offizielle Bezeichnung, von der moralischen auf die persönliche Ebene geholt. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger zu drohen, appellierte er an das Mitgefühl der Schüler: "Das ist eine blöde Situation für mich, wenn ich das entdecke. Wer mein Freund sein will, der bringt mich einfach nicht in diese Lage." So zu reagieren, habe aber Zeit und Erfahrung gebraucht, sagte Hessenauer.

Die vielen Spickzettel hat er in Kategorien aufgeteilt: die "Klassischen", die "Last-Minute-Spicker", die "Gebastelten", die "Computer-Spicker" und die "Unauffälligen". Die Zettel finden sich in allen Formen und Farben: um Kugelschreiber gerollt, in die Mäppchen gesteckt, in Armbanduhren oder Zigarettenschachteln gesteckt. Hessenauer hatte eine Auswahl mitgebracht, die er liebevoll präsentierte. "Die Fanta-Flasche ist etwas Revolutionäres", zollte er der Arbeit eines Schülers größten Respekt. Der hatte das Etikett im Wasserbad abgelöst, eingescannt, die Schrift verändert und die Flasche mit neuem Etikett versehen - schon erzählte das Kleingedruckte nicht mehr die Inhaltsstoffe der Limo, sondern verriet etwas über die amerikanische Außenpolitik. "Das ist wirklich kreativ", lobte der pensionierte Lehrer, der in seinem Leben viele Betrugsversuche erlebte.

Für "Last-Minute-Spickzettel" hat Hessenauer bis heute nicht viel übrig. Sie seien konfus, oft nicht zu Ende geschrieben und kaum zu lesen. Mit anderen Worten: "Pädagogisch überhaupt nicht wertvoll." Den "Klassikern" kann Hessenauer aber durchaus etwas abgewinnen. Sie seien mehr eine moralische Stütze, denn der Schüler brauche den Zettel im Test meist gar nicht. Mit den Schützlingen ein paar Tage vor der Arbeit gemeinsam einen Spicker zu schreiben, sei eine gute Art der Vorbereitung.

"Am Anfang habe ich nicht geglaubt, dass dieses Thema so wichtig ist", betonte Hessenauer. Ein Gebiet, auf dem es sehr viel zu hinterfragen gebe. "Schulische Subkultur ist wissenschaftlich bisher leider völlig unerforscht." Dabei böten die Zettel einen einzigartigen Einblick in die Welt der Schüler, spiegelten Gedanken und Probleme wider. Entgegen allen Vermutungen zeigte sich Hessenauer trotz der Generation Smartphone am Ende überzeugt: "Spickzettel werden nicht aussterben."

Die Wanderausstellung "Bloß nicht erwischen lassen!" ist noch bis 13. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: montags bis sonnabends, jeweils von 9 bis 16 Uhr, dienstags von 9 bis 18 Uhr; Schulmuseum, Goerdelerring 20, Tel. 0341 2130568; am 10. Juli ab 17 Uhr wird Privatdozentin Brigitte Latzko von der Leipziger Universität das Spicken aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.07.2013

Dreisbach, Sofia

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit 40 Kilo über Leipzig zu Lenin. So lässt sich grob die Reiseroute von Christian Vettermann und seinen beiden Kompagnons zusammenfassen, die das Trio ab kommender Woche nach zwei Wochen weiterem Training in der Schweiz in den Pamir nach Kirgistan führt.

19.05.2015

Auf dem Tandem sechs Monate durch Südamerika rollen - diesen Traum haben sich Daniel Balke und Alice Mertin soeben erfüllt. Doch auch nach der Traumreise spüren die Leipziger weiter Sehnsucht, die Welt zu erkunden und die Freiheit zu genießen.

02.07.2013

Der Verein Brotzeit von Schauspielerin Uschi Glas hat am Dienstag in der Ernst-Zinna-Schule in Leipzig Jubiläum gefeiert. Die Bildungseinrichtung ist der 100. Partner, den  das soziale Projekt fortan mit kostenlosem Frühstück versorgt.

02.07.2013
Anzeige