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Sonderzug zur großen Party - Leipzigs Szenewirte glänzen beim Neujahrssingen

Sonderzug zur großen Party - Leipzigs Szenewirte glänzen beim Neujahrssingen

Seit vier Jahren gibt es jeden Januar einen Abend, an dem der Betrieb in den Kneipen und Restaurants der Stadt ein wenig eingeschränkt ist. Statt zu kochen, zu servieren und zu zapfen geben die Kneipiers große Lieder aus vergangenen Zeiten zum Besten.

Die Belegschaft und Gäste jubeln ihnen zu: Gewagte Kostüme, ungeahnte Showtalente und verschollen geglaubte Klassiker der Pop-Geschichte läuten das Jahr ein.

Souverän zelebriert Tonelli Santanas "Smooth", seinen bejubelten Auftritt mit leidenschaftlichen Hüftschwüngen untermalend. Zwei weitere einzelne Herren scheinen an diesem Abend im Werk II ihre eigentliche Bestimmung auf der Bühne zu finden: Von der Theaterkneipe Pilot kommt Joe Cocker alias Andreas Hahn, der sich intensiv mit den zu seinem Song gehörigen Woodstock-Videos beschäftigt zu haben scheint: Ein knappes Batik-Hemdchen und die ungelenk getanzte Gitarrenspur erzeugen eine Menge Ähnlichkeit mit dem Idol.

Einen der größten Coups landet Andreas Bürger, der das Volkshaus und das Rizz Karli leitet. Eher unscheinbar schleicht er oft durch die Südvorstadt, immense Bühnenqualitäten lässt das kaum vermuten. Bei Edwyn Collins' "A Girl Like You" aber findet expressive Akrobatik mit dem Mikrofonständer statt, eine schneidige Sonnenbrille und wilde Frisur unterstützen die hervorragende One-Man-Show.

Doch die Konkurrenz schläft nicht - sehr weit vorn mischen die Abgesandten der Moritzbastei mit. Als Synthie-Popper von Depeche Mode geben sie "Never Let Me Down Again" und huldigen so ungestüm den 80ern. Das gelingt gesanglich erstaunlich gut. Frontmann Rick Barkawitz trägt ein Feinripphemd unter der schwarzen Lederjacke; sein Kollege Torsten Reitler gibt ein perfektes Double von Martin Gore ab - mit purer Brust und bestechend kurzem Leder-Beinkleid.

Mit lauter Vorfreude heißt das sehr gemischte Publikum auch Udo Lindenberg willkommen. Unter Perücke, Hut und Sonnenbrille verbirgt sich Vodkaria-Chef und Udo-Fan Torsten Junghans, der voller Elan den "Sonderzug nach Pankow" interpretiert. In seinen Refrain mischt sich wie von selbst ein "Hallo Paul, kannste uns hör'n?"

Gemeint ist Entertainer Paul Fröhlich, der das Neujahrssingen bis 2009 in einzigartigem Stil moderierte. Eine ergreifende Foto-Show und die uniformen Shirts der Band verdeutlichen noch einmal, welch wichtige Größe die Leipziger Szene bei dem Unfall im letzten Sommer verlor. Krampfhaft wirkt bloß, dass nach dem aufrichtigen Gedenken von Neujahrssingen-Produzentin Maike Beilschmidt auch noch das neue Moderatoren-Duo versucht, mit Fröhlich verbindende Anekdoten heraus zu kramen.

Dass Andrea Höhn und Stefan Ebeling mit der Ausgestaltung der Gala kein leichtes Erbe antreten, wussten alle Beteiligten. Als ungleiches Paar führen sie in aufwändigem Glitzer-Dress und Smoking durch den Abend. Er verkörpert den ruhigen Part, sie den exaltierten. Mit Sanitär-Performances wurde die Chansoniere Höhn bekannt und überschaut daher auch die Örtlichkeiten der antretenden Kneipen. Kurzweilig sind diese Betrachtungen schon, eine abendfüllende Moderation vermögen sie aber nicht zu tragen. Auch die kabarettistischen Spielbälle kullern zwischen beiden eher träge, als dass sie munter fliegen.

Dabei wären solche Verrenkungen gar nicht nötig, situative Komik ergibt sich schließlich genug. Zum Beispiel, als die Mitarbeiter des Kreuzer "Always Look On The Bright Side Of Life" aus dem Monty-Python-Filmklassiker "Das Leben des Brian" geben. Gemäß der Anweisung "Jeder nur ein Kreuz!" schnallen sie sich Holzbalken auf den Rücken, ein Blumenmädchen streut Optimismus ins Publikum.

Sehr erheiternd stellt sich auch der Auftritt der werten Kollegen dieser Zeitung dar, deren Village-People-Kracher "YMCA" den bunten Reigen der Unterhaltung eröffnete. Ein wenig zu früh wird der Hit verbraten, als die Möglichkeit der direkt angedockten Zugabe noch nicht ins kollektive Bewusstsein gedrungen ist. Dabei wäre die wegen ausgefeilter Choreographie von der engagierten Fankurve sicher gefordert worden. So bleibt es bei einer kurzen, aufwühlenden Nummer, bei der einem als Indianer im Eifer des Gefechts schon mal die Federn vom Kopf gleiten.

Über zwei Stunden füllt ein Szene-Team nach dem anderen die Bühne. Das Café Cantona kuschelt sich durch ein anspruchsvolles Duett, Feuerzeuge flammen auf. Die Kneipe des Geyserhauses gibt Jackson Five, der Krystallpalast Elton John mit Drag-Queen, und das UT Connewitz hält sich an Karel Gott mit Darinka. Killiwilly-Chefin Gabi Smole präsentiert eine rührende Schlager-Dalida, das Café Schiller lässt sich beim großen Spice-Girls-Hit "Spice Up Your Life" von Breakdancern unterstützen.

Bei allem stilistischen Querfeldein der Leipziger Gastrophonie hält die Band Paratox samt Chor beharrlich ihre instrumentale Qualität. Sie greift den Akteuren nach Kräften unter die Arme, ohne auffällig dominant zu wirken. Auch deshalb läuft an diesem Abend verhältnismäßig wenig Gesangliches schief.

Eigentlich geht es Teilnehmern wie Gästen aber darum, im Enthusiasmus der Musik vereint ein neues Jahr zu eröffnen. So findet das diesjährige Neujahrssingen in einem Regen von blitzendem Konfetti, mit Gelächter und sichtlichen Emotionen sein Ende. Das Milieu war wieder zu Gast bei Freunden und erst jetzt kann es wirklich anfangen, das Jahr 2010 in Leipzig.

Theresa Wiedemann

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