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Tochter von Nikolaipfarrer Führer: "Eigentlich lebe ich immer noch aus diesem 89er-Impuls"

Tochter von Nikolaipfarrer Führer: "Eigentlich lebe ich immer noch aus diesem 89er-Impuls"

Als das Friedensgebet und die Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 Geschichte schrieben, war Katharina Köhler, geborene Führer, die Tochter des am 30. Juni verstorbenen früheren Nikolaipfarrers Christian Führer, 20 Jahre alt und studierte evangelische Theologie.

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Quelle: Nicole Nocon Lausitzer Rundschau

Inzwischen ist sie Pfarrerin der Kirchengemeinde von Dissen in Brandenburg und blickt 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution im Interview auf dieses historische Ereignis zurück. Spricht über ihre Emotionen und darüber, wie sie damals ihren Vater wahrgenommen hat.

Was haben Sie am 9. Oktober 1989 gemacht - an dem Tag als 70 000 Menschen um den Leipziger Ring zogen, um gegen die DDR-Mächtigen und ihr Regime zu protestieren?

Ich habe ihn quasi verpennt, war an diesem Tag gar nicht in Leipzig, sondern in Berlin. An dem Montag begann das neue Semester, ich war gerade von der Universität Jena an die Humboldt-Uni gewechselt. Da musste ich hin als brave Studentin.

Sie haben wirklich nichts davon mitbekommen?

So sieht das leider aus. An den Montagen zuvor war ich bei den Friedensgebeten noch dabei, da hatte ich ja Semesterferien.

Seit September zeichnete sich ab, dass die Friedensgebete und die ersten Demonstrationen die Staatsmacht auf eine neue, auf eine martialische Weise herausfordern würden. Am 11. September 1989 hatte es Massenverhaftungen gegeben, am 7. Oktober wurde geknüppelt. Wie haben Sie diese Phase des Umbruchs wahrgenommen?

Ich habe mein erstes politisches Erdbeben im Sommer während eines Ungarn-Urlaubs erlebt. In Budapest gab es eine Demonstration, eine Sitzblockade, bei der an den Mauerbau erinnert und ein Ende des Eisernen Vorhangs gefordert wurde. Die Ungarn waren ja gerade dabei, ihre Grenze zu Österreich zu öffnen. Das Erstaunliche, ja Unfassbare für mich: Gegenüber befand sich eine Polizeiwache. Die Polizisten behandelten die Demonstranten geradezu höflich, boten ihnen an, sich in der Wache etwas zu Trinken zu holen oder dort auf die Toilette zu gehen. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Es liegt etwas in der Luft.

Wie standen Sie zu dieser Zeit zu Ihrem Heimatland?

Ich sage es ganz offen: In mir waren durchaus Züge einer braven DDR-Bürgerin. Ich mag es, Sprachen zu lernen, wollte einst Dolmetscherin für slawische Sprachen werden, wurde aber abgelehnt. Neben Englisch waren mir auch immer Tschechisch und Russisch wichtig. Ich war in meiner Schule vermutlich die einzige, die gern Russisch gelernt hat. Ich stand damals auf dem Standpunkt: Erst wenn du die sogenannten sozialistischen Bruderländer einmal alle bereist hast und dich dort ein bisschen auskennst, wenn du dir ein Bild von den Möglichkeiten dort gemacht hast, dann kannst du immer noch sagen: "Ich will in den Westen." Deshalb war es für mich ein Schock, als die DDR nach der Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge die Grenze zur CSSR dichtmachte. Ab diesem Moment fühlte ich mich eingesperrt.

Zurück zum 9. Oktober '89: Wie ist die Kunde von den besonderen Ereignissen in Leipzig zu Ihnen nach Berlin gedrungen?

Per Telefon. Ein Freund hat mich angerufen und mir im Überschwang der Gefühle die Szenerie geschildert. "Mensch, Katharina, hier geht gerade die Post ab." So ähnlich waren seine Worte. Zehntausende auf dem Ring, wir alle einmal rundherum, niemand hat geschossen, Wahnsinn - mit wem ich danach auch sprach, alle haben nur gestammelt, nur Satzfetzen herausgebracht. Die Leute waren überwältigt vom Unfassbaren. Und vor allem: Sie waren zutiefst erleichtert, dass es kein Blutvergießen gegeben hatte. Ich selbst hatte ja auch gelesen, was der Kampfgruppenkommandeur in der LVZ den Konterrevolutionären wenige Tage zuvor angedroht hatte. Man werde das Erreichte verteidigen, "wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand". Das war eindeutig und so noch nie dagewesen. Wer auf die Straße ging, musste ab diesem Zeitpunkt auf das Schlimmste gefasst sein.

Was hat dieses Bedrohungsszenario für Ihre Familie bedeutet?

Mein Vater hat damit gerechnet, verhaftet zu werden.

Darüber hat er offen gesprochen?

Nicht mit uns Kindern, aber sicher mit meiner Mutter. Ich erinnere mich daran, dass Leute aus dem Kirchenvorstand und Mitglieder von oppositionellen Gruppen im Umfeld der Friedensgebete im Tresor der Pfarrkanzlei Vollmachten hinterlegt haben für den Fall, dass sie verhaftet werden. Das Thema war präsent.

Wie reagiert eine 20-Jährige darauf?

Ich habe erst kürzlich mit einer Praktikantin über das Thema Friedliche Revolution diskutiert. Dabei ist mir klar geworden, dass ich die DDR nicht ganz so schlimm erlebt habe wie andere. Ich war jung. Mir war zwar bekannt, dass es Repressalien gegen Andersdenkende, gegen Kirchenleute gab, dass Mitglieder von Jungen Gemeinden im Gefängnis saßen. Aber mir fehlte damals einfach der Horizont, um mir vorstellen zu können, dass es für die Staatsmacht ein Leichtes war, es auf die Spitze zu treiben.

Ihr Vater gilt als ein Held der Revolution, wenngleich er diesen Begriff nie mochte. Welchen Anteil hat er am Herbst '89?

Für mich ist die Wende die Folge einer Entwicklung, die mit den ersten Friedensgebeten lange vorher begann. Es musste alles so kommen. Für uns als Familie waren die Gebete Normalität. In der Jungen Gemeinde haben wir sie als Kinder hin und wieder mit vorbereitet. Erst waren wir ein ganz kleiner Kreis, dann kamen immer mehr dazu. Mein Vater war einer unter vielen. Und er war im Gegensatz zu anderen kein politisch handelnder Mensch, jedenfalls nicht in erster Linie. Für ihn stand bekanntlich über allem die Frage: Was würde Jesus dazu sagen, welchen Weg würde Jesus jetzt gehen? Für meinen Vater gab es in dieser aufregenden Zeit nur die eine Antwort: Jesus würde jetzt bei den Menschen sein, die eine Stimme und eine offene Tür brauchen. Dem ist er mit all seiner Kraft nachgegangen, das war sein Beitrag: Türen öffnen und Missstände zur Sprache bringen vor Gott und den Menschen.

Christian Führer hat den 9. Oktober 1989 stets als ein "Wunder biblischen Ausmaßes" bezeichnet. Wie wunderbar war dieser Tag wirklich?

Wenn wir auf die Kriege und Konflikte von heute schauen, dann wird der 9. Oktober '89 immer mehr zum Wunder. Was geschieht gerade zwischen Russland und der Ukraine, was ist in Syrien los, was im Irak, was im Nahen Osten? Es herrscht Gewalt, es spielen sich grauenvolle Szenen ab. Damals ist ein Konflikt zwischen dem Volk und der Staatsmacht ohne Blutvergießen beigelegt worden. Mein Vater würde jetzt daran erinnern, dass es nicht mal eine zerbrochene Schaufensterscheibe gegeben hat.

Der Vater hat auch immer davon gesprochen, die Friedliche Revolution sei letztlich so lange unvollendet, so lange in diesem Land soziale Ungerechtigkeit herrscht. Wie viel Revolution brauchen wir also noch?

Um es biblisch zu formulieren: Das Paradies auf Erden, das gibt es nicht. Wir können dankbar sein, dass wir in Frieden leben. Dass wir sagen dürfen, was wir denken. Dass uns viele Freiheiten gestattet werden. Dass wir uns viele persönliche Freiräume schaffen können. Das alles ist sehr schön. Und gegen das, was nicht so schön ist, können wir nur weiter kämpfen. Deshalb sollte die Revolution weitergehen. Nur muss sich unser Blick ändern. Wir haben damals vor allem auf uns, die Opfer des Ost-West-Konfliktes geschaut. Die heutige Zeit verlangt ein Lernen über den Tellerrand hinaus. Wir müssen global denken. Der Konflikt spielt sich jetzt zwischen Nord und Süd, zwischen den reichen und den armen Kontinenten ab. Die Flüchtlingsproblematik ist also auch unser Problem.

Welche Erfahrung aus dem Herbst '89 wollen Sie nicht missen?

Eigentlich lebe ich immer noch aus diesem 89er-Impuls. Es kommt ja oft genug vor, dass wir sagen: "Ich kann ja doch nichts machen. Ich bin viel zu klein." In solchen Resignationsmomenten fällt mir 1989 ein. Wir Ossis haben die Erfahrung schon gemacht, dass sich etwas ändert, wenn wir es nur wollen. Das hilft.

Sie haben drei Söhne im Alter von 21, 11 und 9 Jahren. Was wissen die über die Friedliche Revolution?

Sie wissen schon so einiges, wir haben das Buch "Fritzi war dabei - eine Wendewundergeschichte" von Hanna Schott gelesen. Dass 1989 die Mauer gefallen ist und dass Opa sie mit den Friedensgebeten mit zum Einsturz gebracht hat, wie es unser Elfjähriger zuletzt formuliert hat, das macht sie stolz.

Damals saßen Sie in Berlin. Was werden Sie am 25. Jahrestag der entscheidenden Montagsdemo anstellen?

Ich gehe früh ins Altersheim und feiere mit den Bewohnern Gottesdienst. Mittags werde ich mich dann mit 15 Konfirmanden in den Zug setzen und - jawohl - nach Leipzig fahren. Wir wollen um 17 Uhr am Friedensgebet teilnehmen. Vom Lichtfest werden wir vielleicht auch noch etwas mitbekommen. Aber wir müssen ja am Abend wieder zurück.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.10.2014

Welters Dominic

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