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Von Waffelduft und Höhengaudi: Leipzigs Kleinmesse am Cottaweg

Von Waffelduft und Höhengaudi: Leipzigs Kleinmesse am Cottaweg

Leipzigs Kleinmesse am Cottaweg. 108 Jahre schon. Und - wie sich am Wochenende zum Frühjahrsauftakt zeigte - offenbar immer noch ein Ort, wo man zu gern mit Kind und Kegel, mit Oma und Opa hinzieht; wo sich verliebte Teenager die Zuckerwatte teilen, Studenten Freunde treffen; wo sich gleich eingangs selbst bei Erwachsenen Gesichtszüge entspannen und in einen schier kindhaften Spaßmodus wechseln.

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Fahrgeschaeft "Freddy´s Company" auf der Leipziger Kleinmesse am Cottaweg.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Das alles trotz Neuzeit-Konkurrenz großer Vergnügungsparks wie Belantis. "Tja, bei unseren zwei Messen im Jahr zahlst du eben keinen Eintritt, erlebst stets wechselnde Attraktionen, findest für jeden Geldbeutel was", so ein bestgelaunter Vize-Geschäftsführer Fred Hofmann angesichts des Zustroms aufs Gelände.

Die neueste Attraktion diesmal: die Monster-Schaukel. Im Flug rotierend. Beamt Mutige 45 Meter hoch (glücklicherweise ohne Überschlag). "Es gibt davon nur vier baugleiche Typen in ganz Deutschland", betont Matthias Schubert. Der Magdeburger hat das große Stahl-Spaßteil erst im Vorjahr gekauft und nun mit vier Leuten zwei Tage lang hier aufgebaut. Schubert ist 27, Geschäftsführer, Techniker, und als Ticketverkäufer bis weit in die Rummelnacht hinein auch Entertainer. "Also, anstrengend ist das alles schon. Macht aber Spaß", versichert er. Zumal "das Leipziger Publikum ein sehr angenehmes" sei. Fünf Euro kostet der Adrenalinkick, der gut vier Minuten währt.

"Das Leipziger Publikum" verharrt indes noch vielfach skeptisch-abwägend zu Fuße. "Uns kriegt da keiner rauf", stellen die treuen Kleinmesse-Fans Thomas (37) und Heike (45) aus Altenburg klar. Den Familiennamen rückt das Paar nicht raus. Mag sich wohl nicht als "von der Angsthasenfraktion" outen? Wäre immerhin nicht allein damit. "Oh Gott! Niemals!!!" beschwören auch Swen Güttner (41) und Tochter Vanessa (9). Letztere ist auch so schon happy: Kaum auf der Messe angelangt, kassiert sie die Trophäe, die Papa an der Ballwurfbude erzielte - eine dieser in Mädchenkreisen äußerst angesagten Plastikpüppchen. Ganz in Blau. Mit Flügeln! Und zudem soll es gleich noch duftend-warme Kräppelchen geben.

Andere hingegen würden zu gern ins Monster klettern. Leon (6) zieht eine Fleppe. Doch mit darf nur, wer 1,40 Zentimeter misst. Leon fehlen ein paar. Voll Mama-betreut bleibt er am Boden, während Schwester Michelle (18) und Vater Mike Scharf (44) Gaudi pur haben. "Absolut toll!", schwärmen sie, als sie gut durchgeschaukelt und -gekreiselt festen Beines dem Monster entsteigen. Kein bisschen "kotzrig" sei ihnen, versichern beide. Und: "Man hat von oben einen Superblick über die Stadt."

Es gibt aber auch Rummelgeschäfte, die sind so alt, dass sie hier zu Lande schon wieder unter Denkmalschutz müssten. Weil "wir mittlerweile einmalig sind", wie etwa Chefin Bettina Jacobi (38) vom "Hurican" sagt. Einem Karussell-Typ, an dessen langen Arm-Enden man höhensteuerbare, kleine Raketen entern kann. Das Teil habe 53 Lenze auf der Achse, erzählt Jacobi. "Und ist viel besser als alles Neumodische", beteuert ein 33-jähriger Leipziger mit Sohnemann an der Hand. "Ich muss nix haben, wo ich ein Schleudertrauma davontrage und der Rest des Ausflugs hier mangels Wohlbefindens gelaufen ist." Mit dem "Hurican" sei schon er als Kind gefahren. "Das alles muss Spaß machen, aber auch im Rahmen bleiben", merkt er an. Vor allem: "Hier kann ich als Elternteil mit dem Kind zusammen fahren, zusammen Freude haben. Denn schauen Sie sich doch mal um. Bei vielen Fahrgeschäften von heute setzt man das Kind alleine rein. Oder ich darf fahren, aber das Kind darf noch nicht mit", gerät er über den Aspekt einer glücklichen Eltern-Kind-Beziehung durch gemeinsames Ausüben von Freizeit ein Müh ins Philosophieren. Die folgenden Raketen-Runden von Vater und Sohn - berieselt vom Schlageroldie "Du kannst nicht immer 17 sein" - genießt der Sechsjährige sichtbar.

Das freudige Quietschen und Kreischen von hier mischt sich dann gleich um die Ecke mit jenem von "Freddys Company Fabrik", die musikalisch eher einschlägige Egon-Olsen-Kracher über den Platz ergießt und wo man sich beispielsweise durch zwei rotierende originale Autowaschanlagenwalzen den Staub aus dem Fell wedeln lassen kann. (Es feixt zunächst der Zuschauer. Der Betroffene eher hinterher.)

Zum Glück ist aber auch an allen Enden Stärkung in Sicht. Verkauft wird bei Weitem nicht nur der Klassiker Pfefferkuchenherz, Modell "Ich liebe dich".Verkauft wird vor allem auch mit viel Herz. Waffeln etwa. "Ich bin 40 und ich bin seit 40 Jahren auf dem Platz und ich habe nie etwas anderes gemacht, als Waffeln verkauft", lacht Silvana Seiferth, eine Tochter der großen hiesigen Seiferth'schen Schaustellerdynastie. "Es ist irre, aber die Leipziger bestehen nach wie vor auf Waffeln mit Vanillecreme nach DDR-Rezeptur. Obwohl es heute welche mit Nougat, Konfitüre, Sahne und und und gibt." Aktuell erwartet sie gar Stammkunden. "Zwei Hamburger, die kommen immer für einen Tag her, essen zwei Waffeln, drehen hier 'ne Runde und fahren wieder heim. Muss man sich mal überlegen! 500 Kilometer an einem Tag! Nur wegen 'ner Waffel?!" Ob bei all dem fröhlichen Treiben und Tun auf der Schaustellerzunft 2015 ein Schatten laste? Schließlich schielt, wie berichtet, RB Leipzig auf ihren Platz. "Ich denke nicht", sagt Waffel-Bäckerin Silvana. "Macht uns nicht Bange", sagt Vize-Chef Hofmann. "OBM Jung hat das Schild ,Kleinmesseplatz' selbst an unser Tor geschraubt." Ein Mann, ein Wort. So sehe er das. Hofmann hebt die Augenbraue. "Zudem wird doch Sportdirektor Rangnick 800 bis 1000 Arbeitsplätze, die wir pro Veranstaltung haben, nicht vernichten wollen."

Die Frühjahrskleinmesse am Cottaweg ist bis 17. Mai täglich ab 14 Uhr geöffnet, mittwochs ist Familientag.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.04.2015

Angelika Raulin

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