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Wie ein Querschnittsgelähmter in Leipzig wieder laufen lernte

Zurück im Beruf Wie ein Querschnittsgelähmter in Leipzig wieder laufen lernte

Rico Rau war nach einem Badeunfall querschnittsgelähmt – jetzt arbeitet er wieder als Krankenpfleger im St. Elisabeth-Krankenhaus. Er hat geschafft, was niemand für möglich hielt.

Krankenpfleger Rico Rau vor dem Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig

Quelle: André Kempner

Leipzig. Rico Rau hat seinen Traumberuf: Der 26-jährige Markkleeberger wollte schon immer Krankenpfleger sein, am Besten auf einer Intensivstation. Das war er auch im Krankenhaus St. Elisabeth, bis er vor zwei Jahren selber in einer Intensivstation aufgenommen werden musste – weil er nach einem Unfall querschnittsgelähmt war. Ärzte sagte ihm damals, er habe keine Chance, wieder in seinen Beruf zurückzukehren. Doch seit diesem Monat arbeitet Rau wieder als Krankenpfleger auf der Intensivstation des St. Elisabeth-Krankenhauses. Er hat geschafft, was niemand für möglich hielt.

Den 7. September 2013 wird Rau trotzdem nie vergessen. „Ich war Rettungsschwimmer und wir hatten im Freibad Klingenthal die Saisonabschlussfeier“, berichtet er. Als die Veranstaltung vorbei war, kam er auf die Idee, vom Fünf-Meter-Turm zu springen. „Ich wusste ja, das Wasser ist tief genug. Und der Sprungturm war vom Tüv abgenommen.“

Dass auf der Wasseroberfläche ein Luftkissen schwamm – auf dem vorher Leute sprangen – sah er. Was er nicht sah war das Seil, mit dem das Luftkissen am Rand des Freibades befestigt war. Denn es verlief dicht unter der etwas trüben Wasseroberfläche des Naturbades. „Ich sprang und als ich im Wasser war merkte ich, dass ich meine Beine, Arme und den Rumpf nicht mehr bewegen konnte“ – weil er auf das Seil getroffen war.

Die anderen Rettungsschwimmer bargen und versorgten ihn nach allen Regeln der Kunst; anschließend wurde er mit einem Hubschrauber zur Intensivstation des Heinrich-Braun-Krankenhauses nach Zwickau geflogen, wo ihn die Ärzte 14 Tage in ein künstliches Koma versetzten. Die Diagnose hätte kaum schlimmer ausfallen können. „Wenn wir Glück haben, wird er eigenständig atmen können“, sagte ein Mediziner seiner Frau. Denn der Körper des Markkleebergers war vom vierten Halswirbel abwärts gelähmt. „Nicht mehr als Pfleger arbeiten zu können, war für mich ein Wahnsinns-Einschnitt“, erinnert sich Rau.

Einen Monat später kam er ins Klinikum Bergmannstrost nach Halle – die einzige Spezialklinik für Querschnittsgelähmte in Ostdeutschland. Die Ärzte vollbringen dort kleine Wunder: Bei Rau begannen einzelne Fasern und Muskeln wieder zu funktionieren. „Angefangen hat es mit meinen Zehen“, erinnert er sich. „Als Pfleger weiß ich: Wenn es dort ganz unten wieder funktioniert, muss es darüber auch ein wenig funktionieren“.

Nach vier Wochen konnte er in einem Rollstuhl sitzen. „Meine Arme funktionierten nicht, aber mit meinen Füßen habe ich den Rollstuhl in Tippel-Schritten sitzend nach vorn bewegt.“ Danach ging es mit einer Lauflernhilfe weiter – bis er wieder zu seiner Frau nach Hause durfte.

Doch Rau wusste: An eine Rückkehr in seinen Beruf war nur zu denken, wenn er wieder seine Arme bewegen konnte - nicht irgendwie, sondern optimal. „Für einen Krankenpfleger sind feinmotorische Fähigkeiten sehr wichtig“, erzählt er. „Ich muss ja zum Beispiel Blut abnehmen können.“ Alleine konnte er seinen noch immer bewegungslosen rechten Arm nicht so weit bringen - dafür brauchte er professionelle Hilfe.

Bei seiner Suche danach stieß der Markkleeberger auf die Leipziger Physiotherapeuten des Neuroorthopädischen Zentrums für Physiotherapie, das in den vergangenen zehn Jahren im Alten Amtshof 2-4 entstanden ist. Dort sitzt unter anderem eine Physiotherapiepraxis, die sich auf die Betreuung von Querschnittsgelähmten spezialisiert hat. Solche Physiotherapien sind selten, weil dafür speziell geschultes Personal und eine entsprechende Infrastruktur nötig ist. Die Krankenkassen honorieren das aber nicht mit höheren Behandlungssätze. Da die Physiotherapie und das angeschlossene Fortbildungszentrum für Therapieberufe jedoch eine Einheit bilden, ist so eine komplexe Therapie trotzdem möglich.

Für Rau hatte dies enorme Vorteile: Statt einem konnten sich häufig sogar zwei Therapeuten gleichzeitig um ihn kümmern – auf höchstem Niveau. Denn im Fortbildungszentrum unterrichten ständig hochkarätige Dozenten jährlich 4500 Lehrgangsteilnehmer, die das Gelernte an Probanden wie Rico Rau unter Anleitung umsetzen. Dadurch werden auch die Mitarbeiter der angeschlossenen Physiotherapie ständig mit modernstem Know how versorgt.

„Lange Zeit war das Drehen der Ellenbogen und der Handgelenke ein Problem“, schildert Rau. Zunächst hätten die Therapeuten versucht, die Beweglichkeit mit dem Bedienen von Fenstergriffen zu trainieren, aber das habe nicht funktioniert. Schließlich sei man darauf gekommen, es mit Tischtennis zu versuchen. „Ein halbes Jahr lang wurde in den ersten zehn Minuten der Therapie Tischtennis gespielt“, erzählt Rau. „Auf einmal gingen auch diese Bewegungen wieder.“ Inzwischen kann er sogar wieder Rückhand spielen. „Die Motorik ist wie ein kleines Kind“, weiß der Pfleger. „Sie muss trainiert werden.“

Auch sein alter Arbeitgeber half: Rau konnte im St. Elisabeth-Krankenhaus auf einer Bürostelle im Sozialdienst arbeiten, später ein Praktikum auf der Intensivstation absolvieren und war von dem Ergebnis selber überrascht. „Es war ein unheimliches Hochgefühl“, erinnert er sich. Als evangelischer Christ glaube er an Wunder und Bewahrung. „Ich denke, dass Gott seine Hand über mich gehalten hat.“

Das kleine medizinische Zentrum im Alten Amtshof wird weiter ausgebaut. Dort zieht seit zehn Jahren der Physiotherapeut Stefan Srugies die Fäden. Der gebürtige Naumburger hat nicht nur die Physiotherapie und das Fortbildungszentrum etabliert, sondern auch einen niedergelassenen Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin bewogen, sich anzusiedeln Dieser hat selbst längere Zeit im Rückenmarkzentrum Bergmannstrost gearbeitet und kennt somit die komplexen Anforderungen an die Therapie dieser Patienten.

 Seit Monatsbeginn ist dort auch der Hilfsmittelversorger Rehability konstant vor Ort und versorgt die Patienten mit Hilfsmitteln, etwa mit speziellen Rollstühlen. „Das Anpassen von Rollstühlen oder speziellen Schienen zum Gehen ist sehr aufwendig“, schildert der leitende Physiotherapeut Thomas Mischker. „Da es Maßanfertigungen sind, die zu hundert Prozent sitzen müssen, sind immer mindestens zwei bis drei Anpassungen vor Ort erforderlich. Bei uns geschieht dies immer in enger Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Rehatechnikern, was leider nicht überall Standard ist.“

Inzwischen kommen sogar Patienten aus Berlin in das kleine Zentrum im Kolonnadenviertel. „Zwischen Dresden und Halle gibt es keine weiteren Praxen und keine Ambulanzen mit diesem Fokus“, sagt der 38-jährige Srugies. Als nächstes will er jetzt seinen Patienten Bogenschießen ermöglichen und eine Kletterwand aufstellen. Beides sei hervorragend für die Fitness und Koordination. Nicht nur für Querschnittsgelähmte, sonder auch für Hochleistungssportler, die den Alten Amtshof entdeckt haben.

Von Andreas Tappert

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