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Leipzig Kühe und Sneaker: Neue Produktion in der Stadt
Leipzig Kühe und Sneaker: Neue Produktion in der Stadt
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19:12 05.10.2018
Rent a cow: Ottonie von Roeder mit ihrer Installation „Cow & Co.“, die sie gemeinsam mit Anastasia Eggers entwickelt hat – zu sehen in Halle 14 in der Spinnerei. Quelle: André Kempner
Leipzig

Halle 14 ist so wie die gesamte Spinnerei ein gewaltiges Denkmal urbaner Produktion. Auf fast 250 Tausend Spindeln wurde hier vor einem Jahrhundert Garn hergestellt. Wenn nun von Neuer Urbaner Produktion die Rede ist, muss etwas anderes gemeint sein als ein Wiederaufleben dieser Tradition. Die englische Variante „urban manufacturing“ drückt es besser aus. Handarbeit spielt eine vordergründige Rolle. Eine Fortschreibung der gerade gestorbenen Plattform Dawanda also? Auch das nicht. Der fast totgerittene Begriff Nachhaltigkeit wird in den Texten zur Ausstellung bewusst vermieden, auch wenn der Gedanke überall mitschwingt. Im Vordergrund aber steht die Überwindung der Entfremdung moderner Massenfertigung. Da kann es helfen, nochmal bei Marx nachzuschlagen, was denn mit Entfremdung gemeint ist. Das spezifisch Urbane dabei ist die angestrebte kleinteilige Rückeroberung der Städte für die materielle Produktion.

Im Kontext der Ausstellung geht es vor allem um Langsamkeit, Sparsamkeit und Individualität. Recycling ist eine Schlüsseltechnologie dabei. So sammelt die Berlinerin Stefanie Rittler in den Straßen großer Städte eines der Hauptübel heutigen Konsumierens ein – Plastiktüten. Mit einer mobilen Apparatur macht sie daraus – Plastiktüten. Diese sind aber mehrlagig, damit stabiler als die ursprünglichen und zudem Unikate durch das Collagieren. Der Kunde kann bei der Entstehung zusehen und wird ein klein wenig zum Nichtwegwerfen erzogen.

Gebrauchsobjekte aus Getränkedosen

Ähnlich gelagert ist das Projekt „Can City“ der Japanerin Azusa Murakami und des Briten Alexander Groves, die gemeinsam unter dem Namen Studio Swine firmieren. Sie ziehen mit einer Minigießerei, die selbst aus Abfällen konstruiert wird, durch die Superstadt São Paulo. Aus weggeworfenen Getränkedosen gießen sie Gebrauchsobjekte. Die Formen dafür entstehen ebenfalls aus Fundstücken. So sieht man einem ausgestellten Hocker an, dass seiner Sitzfläche der Deckel eines geflochtenen Korbes als Vorlage diente.

Auf andere Weise gewinnt Benno Bruksch seine Werkstoffe. An verschiedenen Orten, nicht nur Deutschlands, gräbt er nach Erde mit differenzierten Farbtönen. Daraus stellt er in einem selbst entwickelten Verfahren Wachsmalstifte in einer natürlich sehr spezifischen Palette her.

Bei anderen Beteiligten ist der Prozess noch wichtiger als das Produkt. So hat Daniel de Bruin einen analogen 3D-Drucker konstruiert, der von seiner Körperkraft betrieben wird. Statt von einer Software wird die Form der entstehenden Vasen durch einen entsprechend gebogenen Draht gesteuert. Ebenso archaisch wirkt die Schleuderguss-Apparatur, mit welcher der Israeli Itay Ohaly an menschliche Organe erinnernde Gefäße in ausgehöhlten Styroporblöcken herstellt. Der Käufer kann dann selbst entscheiden, wie viel er von der Schablone abschält oder stehen lässt. Beim Duo Mischer’Traxler aus Wien werden Lampenschirme und andere Dinge aus Baumwollfäden, getränkt in Klebstoff, gefertigt. Da die Maschine von der wechselhaften Sonnenenergie angetrieben wird, haben die Objekte so etwas ähnliches wie Jahresringe.

Handwerklich ist die Anfertigung von Sneakern bei Leon Kucharski. Die mehr wie Sandalen aussehenden Fußbekleidungen werden unter Anwesenheit des Kunden und im Dialog mit ihn fertiggestellt. Viel kommerzieller wirkt der Granby Workshop aus Liverpool. Eine Kooperative von Aktivisten hat einige Straßenzüge eines verkommenen Viertels vor dem Abriss gerettet, stellt dort Keramiken in relativ großer Stückzahl her.

Ungebunden umherschweifende Stadtkühe

Aus dem Rahmen fällt „Cow & Co.“, erfunden von Ottonie von Roeder und Anastasia Eggers, weil es bei der frei schwebenden Utopie bleibt. Ungebunden umherschweifende Stadtkühe haben eine Community gegründet. Wenn menschliche Mitbürger Milch wollen, können sie nach dem Prinzip „rent a cow“ auf ihrer App den stets bereiten Melkroboter, angetrieben durch das Methan aus den Kuheingeweiden, schon mal zur Arbeit veranlassen.

Ein Novum für Halle 14 ist, dass eine Firma als Kurator fungierte, die nur mittelbar mit Kunst zu tun hat. Das Raumplanungs-Büro Tri:polis arbeitet nach eigener Darstellung an der Schnittstelle von Stadtentwicklung, Design und urbaner Kulturproduktion. Solch eine Außensicht kann nützlich sein, Denkstrukturen aufzubrechen. Allerdings hat die Schau mit früheren in Halle 14 gemein, dass man nach dem Kunstcharakter des Gezeigten fragen kann und muss. Bei manchen der Produkte wie Vasen, Fliesen oder Lampenschirme wäre zumindest die Bezeichnung Design, oder etwas unfreundlicher ausgedrückt: Kunstgewerbe, angebracht. Doch eigentlich geht es ja um den Weg dahin, nicht so sehr um das Ziel. In einem anderen Umfeld würde man dafür ein anderes Etikett als Kunst finden, auch wenn der Granby Workshop 2015 den renommierten Turner-Kunstpreis erhielt. Beispielsweise gab es vergleichbare Projekte früher bei Designers Open, als diese Veranstaltung noch nicht unter Regie der Messe GmbH stand, dort experimentelle Ansätze noch Platz fanden. Vielleicht erreicht man aber gerade durch diese Trift des Präsentationsortes andere Besucherschichten für das gesellschaftlich völlig berechtigte Anliegen.

Neue Urbane Produktion: Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Spinnereistr. 7; bis 8. Dezember, Di-So 11-18 Uhr

Von Jens Kassner

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