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Lokales 1000 Therapeuten demonstrieren in der Leipziger Innenstadt
Leipzig Lokales 1000 Therapeuten demonstrieren in der Leipziger Innenstadt
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17:34 10.03.2019
Für eine bessere Vergütung und weniger Bürokratie: Thomas Etzmuß (Mitte, mit Megaphon) und rund 1000 Therapeuten-Kollegen bei der Demo in der Leipziger City. Quelle: Kempner
Leipzig

Die Dame an der Rezeption des Motel One hatte schon viele Demos vor der Haustür. Am Samstag waren es die Therapeuten, die sich am Nikolaikirchhof sammelten. „Worum geht’s denen denn?“, möchte sie wissen. – „Unter anderem um eine bessere Vergütung.“ – „Ach, ich dachte, die bekommen genug?“, wundert sie sich. Dass viele die prekären Arbeitsbedingungen der so genannten Heilmittelerbringer nicht kennen, ist einer der Gründe für den Protest in Leipzig. Rund 1000 Betroffene machen in der Innenstadt auf ihre Situation aufmerksam und unterstrichen in einer Kundgebung am Markt ihre Forderungen.

„Ich arbeite von 5 bis 22 Uhr“

Plakate wie „Therapieberufe sind kein Ehrenamt“ oder „Eigentlich brenne ich für meinen Beruf – die Politik lässt mich ausbrennen“ skizzieren das Empfinden geringer Wertschätzung, die sich Logopäden, Masseure, Physiotherapeuten, Podologen, Diätassistenten oder Ergotherapeuten nicht mehr bieten lassen wollen.

Ein anschauliches Beispiel liefert Andreas Flinner. „Für die Behandlung einer bettlägerigen Patientin fahre ich 37 Kilometer – und bekomme dafür zehn Euro“, sagt das Mitglied im Verband selbstständiger Podologen aus Bad Hersfeld.

Etwa 1000 Therapeuten haben am Samstag in Leipzig für eine bessere Bezahlung und weniger Bürokratie demonstriert.

Wie viele ist er Teilnehmer der am Samstag zu Ende gegangenen Messe Therapie Leipzig. Physiotherapeut Jesko Streeck aus Ludwigshafen betont, dass er seinen Beruf sehr möge, „aber ich arbeite fast immer von 5 bis 22 Uhr“, sagt der 40-Jährige. Auch eine Folge des Mangels an Nachwuchs. Denn für zu viele sind die Ausbildungsbedingungen im Gegensatz zu zahlreichen anderen Berufen regelrecht obszön: Wer Therapeut werden will, muss für seine Lehrzeit bezahlen. Eine Vergütung bekommt er nicht. „Ausbildungskosten von bis zu 30 000 Euro und ausufernde Bürokratie führen bereits jetzt zu Altersarmut und zur Flucht aus den Therapieberufen“, kritisiert die Interessenvertretung Vereinte Therapeuten.

Für eine Ausbildung müssen Therapeuten bezahlen

Deren Vorsitzender Thomas Etzmuß, Leiter der Demonstration, konstatiert, dass sich im Gesundheitswesen zwar etwas bewegt habe, „doch das reicht noch lange nicht“. Auf der kleinen Bühne vor dem Alten Rathaus fasst er die Forderungen zusammen: deutlich bessere Vergütung der Leistungen (1,50 Euro pro Minute statt bisher einem Euro), weniger Bürokratie, die bundesweite Abschaffung des Schulgeldes und flächendeckende Ausbildungsvergütung, einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss sowie die Abschaffung der Richtgrößen, Budgetierungen und Regresse.

Laut Etzmuß liegt die Zahl der Therapeuten bundesweit derzeit bei etwa 300 000 – Tendenz sinkend. „Wenn sich nicht bald etwas tut, werden die Therapie-Berufe aussterben“, bestätigt die Stuttgarter Ergotherapeutin Julia Seiler. „Viele von uns müssen sich eine Nebenbeschäftigung suchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.“

Verlierer sind auch die Patienten

Nach einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit bleiben Stellen in der Physiotherapie durchschnittlich 157 Tage lang unbesetzt. Verlierer dieser Entwicklung sind Therapeuten wie Patienten – durch Überlastung respektive immer länger werdende Wartezeiten. Dabei steigt die Zahl der Erkrankten durch die breiter werdende Alterspyramide konstant. Um der Politik Druck zu machen, organisieren die seit fünf Jahren bestehenden Vereinten Therapeuten regelmäßig Protestaktionen. „Stillstand war gestern!“, ruft ein Plakat.

Überwiegend junge Demo-Teilnehmer

Geführt von Etzmuß, ziehen die Heilmittelversorger durch die Ritterstraße Richtung Augustusplatz, über Martin-Luther- und Dittrichring über den Thomaskirchhof bis zum Markt. Überwiegend jung sind sie, lautstark beschallen sie die Route mit Trillerpfeifen und dem wiederkehrenden Ruf „Auf geht’s Therapeuten, lasst euch nicht ausbeuten!“. Die Stimmung ist gut, auch wenn die angepeilten 2500 Teilnehmer nicht erreicht werden. „Mit dem Verlauf der Demo und der Aufmerksamkeit, die wir geschaffen haben, bin ich sehr zufrieden“, resümiert Etzmuß. „Ich werde Leipzig in guter Erinnerung behalten.“

Am Montag früh ist der Logopäde zurück in seinem Zwölf-Stunden-Arbeitsalltag in Tönisvorst am Niederrhein: Der 44-Jährige betreibt dort eine eigene Praxis. Und wird nebenbei mit den Vereinten Therapeuten weiterkämpfen.

www.vereinte-therapeuten.de

Von Mark Daniel

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