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17. Juni 1953 - So war das damals: Geigenspiel und Kettenrasseln

17. Juni 1953 - So war das damals: Geigenspiel und Kettenrasseln

Frühjahr 1951: Max-Planck-Straße, 43. Grundschule (aktuell Sportmittelschule). Pünktlich ertönte die Schulglocke. Endlich große Pause. 40 Jungen der 2 b sprangen aus ihren Holzbänken.

Unsere Klassenlehrerin, Frau Brünner, konnte die lebhafte Bande kaum bändigen. Fast überschlug sich ihre Stimme, als sie versuchte, das sich im Raum ausbreitende Sprachgewirr zu durchbrechen: "Bernd Friedrich, Fridjoff König und Eberhard Ziehn kommt bitte zu mir."

Dieser Aufruf schlug ein wie ein Blitz. Ich zuckte zusammen. Wieso rief sie meinen Namen? Wüste Gedanken jagten mir durch den Kopf. Hatte mich etwa ein Schulkamerad verpfiffen, weil ich ihn während der üblichen Klassenkämpfe in der Pause in den Schwitzkasten genommen hatte? Im Gegenzug schlug er mir seinen leeren Suppentopf auf den Kopf. Die Platzwunde blutete.

Mich schauderte, wenn ich an den Strafkatalog dachte, den sich das Lehrerkollegium ausgedacht hatte. Kürzlich hatte es den Achim schwer erwischt. Die Erdkundelehrerin hatte ihn bei einer rückseitigen Kreidezeichnung auf der Wandtafel erwischt. Nur wenige Pädogogen sind Fans ihrer eigenen Karikatur. Das beleidigte Fräulein verhängte gegen den Klienten die Höchststrafe. Am nächsten Tag trat er den schweren Gang in die 2 c an. Ein Alptraum, wenn ich, wie er, 6 Tage als einziger Junge in einer Mädchenklasse sitzen müsste!

Hoffnung trieb die dunklen Wolken meines schlechten Gewissens zur Seite. Frau Brünner war von einem anderen Schlag. Ihr traute ich solch eine pädagogische Folter nicht zu. Ich dachte mit Hochachtung an ihr Verhalten bei der letzten Klassenfahrt. Nein, kein hysterisches Gezeter drang aus ihrem Mund, als unsere Jungs eine Völkerschlacht am Monarchenhügel simulierten. Unerschrocken beteiligte sie sich an den Kämpfen, die mit lehmigen Erdklumpen ausgefochten wurden. Ja, sie hatte unsere Horde im Griff. Oh, wie schrecklich, wenn ich an das zurückliegende Schuljahr denke.

Die Klassenleiterin in der ersten Klasse war von einem anderen Kaliber. Wehe dem Buben, der bei einer Schreibübung seinen Kopf in Richtung des Banknachbarn drehte! Bumms! Schon spürte er die Folgen seines Betrugsversuches auf seinem Hinterkopf. Allzu gerne verteilte das unerfahrene, junge Fräulein "Hörnchen" an ihre lieben Pennäler.

"Beeilt euch. Ihr werdet im Lehrerzimmer erwartet." Damit zerstoben meine düsteren Gedanken. "Eberhard, wieso blutet dein Kopf?" Gedankenschnell fiel mir eine Ausrede ein - Petzen war nicht erlaubt. Mit mütterlicher Routine klebte Frau Brünner ein Pflaster auf die Wunde.

Zwei Herren begrüßten uns im Refugium der Lehrer. Sie teilten uns mit, dass in Leipzig eine Musikschule gegründet werden sollte. Ein Schulgebäude, ein Direktor und ein Lehrkörper waren schon vorhanden. Es fehlten nur noch die Schüler. Ein wenig wunderte ich mich schon über diese Kandidatur. Erleichtert folgte ich den Neulehrern. Zögernd schlossen sich die zwei anderen an. Das "Casting" verlief für mich erfolgreich. Bernd und Fritjoff schafften es leider nicht.

Ein wenig stolz war ich schon, als einziger der Klasse die Volksmusikschule besuchen zu dürfen. Die Frage war: "Welches Instrument sollte ich mir auswählen?" Für meinen Vater stand es fest: "Du lernst Geige spielen!" Er stieg auf den Dachboden und kramte aus einem Verschlag eine seit seiner Kindheit dort schlummernde 3/4-Geige hervor. Als Kind hatte er mehr oder weniger erfolgreich dem hölzernen Hohlkörper wohltemperierte Töne entlockt. Der Vorteil: keine großen Ausgaben für unsere schmale Familienkasse.

Frau Michael unterrichtete mich an diesem schwierigen Instrument. Es war eine junge, hübsche Geigenlehrerin. Ich glaube, ich hatte mich ein bisschen in sie verliebt. Dies erwiderte sie leider nicht. Sympathie war für sie nicht ausschlaggebend. Fleiß und Hingabe zur Musik war gefragt. Mir mangelte es an beidem.

Ich spielte in meiner Freizeit lieber Fußball in der Schulmannschaft, beteiligte mich an Schnitzeljagden mit der Pioniergruppe im Rosental, zog als Trapper oder Indianer verkleidet zu Tauchschern um die Häuserblöcke. Wo blieb da die Zeit für das tägliche Üben mit der Geige? Trotzdem besuchte ich drei weitere Jahre die Musikschule. Ich ahnte nicht, dass mich 1953 auch hier ein aufregendes Ereignis erwarten würde.

Mittwochs hatte ich Geigenunterricht.An einem solchen Wochentag im Juni packte ich mein Instrument, lief einen Kilometer bis zum Waldplatz und fuhr mit der Straßenbahn gen Westen. Mein Ziel: die Musikschule in der Demmeringstraße. Kaum hatte ich das Pflaster des altehrwürdigen Lindenauer Markts betreten, ließ ich vor Schreck beinahe meinen Geigenkasten fallen. Ein riesiges Gewimmel empfing mich. Es war kein Markttag.

Menschen unterschiedlicher Couleur riefen wild durcheinander. Einige trugen Plakate mit seltsamen Aufschriften wie: "Spitzbart, Bauch und Brille ist nicht des Volkes Wille". Einige empörten sich über neue Normen, die ihnen Walter Ulbricht aufzwingen wollte. Jetzt begriff ich. Es handelte sich offensichtlich um eine Demonstration. Plötzlich hörte ich ein lautes Poltern. Näher, immer näher kam der Lärm. Es klang, als ob Pflastersteine von stählernen Rädern zermahlen würden.

Jetzt sah ich es. Aus der Drei-Linden- Straße schoben sich langsam Geschützrohre aus der Deckung der Hausgiebel. Sowjetische Panzer nahmen Kurs auf die versammelte Menschenmenge. Schleunigst klemmte ich mein Instrument unter den Arm und lief so schnell ich konnte, am heutigen Theater der Jungen Welt vorbei in die Demmeringstraße. Gott sei Dank! Nach etwa 200 Metern Sprint erreichte ich die Schule. Ich öffnete die Zimmertür meiner Instrumentenklasse. Der Raum war leer. Auf dem Gang hörte ich lautes Rufen: "Bitte alle in den großen Vortragsraum kommen."

Schweißgebadet betrat ich den genannten, kleinen Saal. Musikschüler aller Altersgruppen und die Instrumentallehrer hatten sich hier versammelt. Hinter einem Tisch, der als Rednerpult diente, stand unser junger Musikschuldirekter. Er sprach von einer vom Westen gelenkten Konterrevolution, die unsere junge DDR vernichten will. "Unsere Musikschule kann nur im Sozialismus bestehen bleiben." Das waren die Worte an die ich mich heute noch erinnere.

Er hatte nicht recht. Die Musikschule in Leipzig lebt. Sie wird in diesem Jahr 63 Jahre alt. "Volksmusikschule" heißt sie nicht mehr. Ihr Name: Musikschule Johann Sebastian Bach. Gegenwärtig lernen etwa 3000 Schüler ein Instrument in ihrem Gemäuer. In meiner Kindheit füllten maximal 60 Kinder die angemieteten Musikräume. Natürlich gibt es noch einen Unterschied. Damals war das Erlernen eines Instrumentes für ausgewählte, begabte Kinder kostenlos.

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.06.2014

Eberhard Ziehn

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