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Lokales 1918: Kriegsende und Revolution
Leipzig Lokales 1918: Kriegsende und Revolution
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11:47 12.11.2018
15. Dezember 1918 - Empfang der Reste des Infanterieregiments 107 auf dem Markt in Leipzig. Quelle: Atelier Hermann Walter/ Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Leipzig

Nach dem Vorspiel in Kiel mit dem Matrosenaufstand bricht die Revolution am 7. November 1918 in München aus. Die Regierung in Berlin hatte vier Jahre lang nur von Siegen gesprochen und von großen Gewinnen, die durch Eroberungen zu erwarten seien, doch die Realität im Lande sieht anders aus: „Der Krieg hatte Münchens charakteristische, bürgerlich-ländlich-künstlerische Atmosphäre, seine ruhige anspruchslose Gemütlichkeit und Toleranz zerstört“, erinnert sich der Schriftsteller Egon Larsen in seinem Augenzeugenbericht „Die Weimarer Republik“.

Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten

In München, wie auch in anderen Teilen Deutschlands, ist die von der SPD abgespaltene Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) die linke treibende Kraft, die die Niederlage im ersten Weltkrieg zum revolutionären Umsturz nutzt. Bei einer Massenversammlung auf der Theresienwiese ruft der aus Berlin stammende jüdische Intellektuelle Kurt Eisner die Menge auf, Arbeiter- und Soldatenräte zu gründen und die Macht zu ergreifen. Die Demonstranten besetzen darauf hin Regierungsgebäude, das Rathaus und Zeitungsverlage. König Ludwig III. ist gerade beim Nachmittagsspaziergang, als ein Adjutant mit wehenden Rockschößen herbeieilt und atemlos ruft: „Majestät, genga S´ hoam, Revolution is.“

Mit der roten Fahne zum Volkshaus

Einen Tag später titelt die Leipziger Volkszeitung: „Die Rote Fahne in Leipzig“ und in der Unterzeile heißt es: „Ausrufung der Republik in Bayern“. Das Blatt, das damals noch am Nachmittag herauskommt, berichtet, dass etwa 500 Soldaten am Mittag „gegen 1 Uhr“ mit der roten Fahne zum Leipziger Volkshaus, dem Sitz der Gewerkschaften, gezogen seien und dort eine Kundgebung abgehalten hätten, der sich „immer größere Massen“ anschlossen. An anderer Stelle schreibt die Zeitung, die zu der Zeit schon von der USPD gesteuert wird, wie sich der Aufstand durch das Reich frisst: Kiel, Hamburg, Hannover – „und jetzt Bayern“. Euphorisch: „Deutschland wird zur sozialistischen Republik!“

So titelte die LVZ am Ende des Kaiserreichs

Die beiden USPD-Führer Richard Lipinski und Curt Geyer, beide auch Redakteure der LVZ, treiben den Umsturz in Leipzig voran. Auch hier werden die Schaltstellen der Macht, wie die Hauptpost, das Telegrafen- und das Polizeiamt von den Räten besetzt. Die LVZ-Nachmittagausgabe vom 11. November titelt schließlich: „Wilhelm II. auf der Flucht“; Unterzeile: „Die Waffenstillstandsbedingungen angenommen“.

„Schmach der Kapitulation“ begleitet

Der Krieg ist zu Ende, Deutschland liegt am Boden, in Berlin ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus. Doch „das Schweigen der Kanonen wird von der Schmach der Kapitulation, den Kompensationsforderungen der Sieger, Gebietsverlusten und dem Ende der kaiserlichen Herrschaft begleitet“, schreibt die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright in ihrem neuen Buch „Faschismus – Eine Warnung“.

Die neue Mehrparteiendemokratie unter Führung der SPD, die wegen anhaltender Unruhen statt in Berlin in Weimar aus der Taufe gehoben wird, muss die harten Auflagen des Versailler Vertrages schultern. Reparationszahlungen, die nur bei völliger Verarmung des eigenen Landes zu leisten sind, bilden das argumentative Fundament für reaktionäre Kräfte, die auf ein Comeback der Monarchie oder eine Diktatur Kurs nehmen. Hinzu kommt die zum Teil bis heute zu beobachtende zögerliche Haltung der SPD, die zwar revolutionieren will, aber bitte mit Vernunft. Während die LVZ in Leipzig schon am 12. November 1918 im Titel die „Ausbreitung der Weltrevolution“ herbeischreibt, warnt das SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ in Berlin vor „Unbesonnenheiten“. Die Sozialdemokraten haben den größten Rückhalt in der Arbeitschaft, könnten der Treibriemen der Revolution sein, sind aber zögerlich, haben sich „zu Vernunftmonarchisten entwickelt“, wie der „Spiegel“ in seiner Analyse zum Jahr 1918 schreibt. „Es ist Revolution, aber es soll auch fast alles so bleiben, wie es ist.“

Angst vor russischen Verhältnissen

Getrieben von der Angst vor russischen Verhältnissen, stützt sich die SPD auf alles, was Stabilität verspricht, auch auf rechtsradikale Freikorps, in denen ehemalige Frontsoldaten eine neue Heimat finden. Der SPD-Reichswehrminister Gustav Noske – „einer muss den Bluthund machen“ – geht landesweit gegen die Räte vor, so auch in Bayern. Am 21. Februar wird der neue bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner, an den in Leipzig bis heute eine große Straße erinnert, erschossen, und im April schlägt Noske die Räterepublik Bayern nieder, die zuletzt von Ernst Toller und Erich Mühsam geführt worden war.

Leipziger Räte bis Mai 1919

Schon am 15. Januar 1919 waren in Berlin die KPD-Gründer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die auf eine sozialistische Räterepublik drängten, von Freikorpssoldaten ermordet worden. Der SPD-Führung um Friedrich Ebert (Präsident) und Philipp Scheidemann (Kanzler) gelingt es, auch mit Hilfe der alten Eliten, Deutschland von der Räte- zur Weimarer Republik zu bewegen. Am längsten hält sich die Räteherrschaft noch in Leipzig, doch im Mai 1919 ist auch hier Schluss. Der Weltkriegsgeneral Georg Ludwig Rudolf Maercker rückt mit etwa 15.000 Soldaten in Leipzig ein. Die führenden Köpfe der USPD und des Arbeiter- und Soldatenrates werden verhaftet, der „Große Arbeiterrat“ wird offiziell aufgelöst.

Das Modell Weimar setzt sich durch, ist aber zu schwach konstruiert, um den Angriff der Diktatur abwehren zu können. Im Januar 1933 ergreift Hitler mit Hilfe eines greisen Weltkriegsgenerals die Macht...

Von Jan Emendörfer

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