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Lokales 850 Jahre Leipziger Nikolaikirche: Bischof Bohl trifft auf Bischof Nikolaus
Leipzig Lokales 850 Jahre Leipziger Nikolaikirche: Bischof Bohl trifft auf Bischof Nikolaus
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00:59 08.12.2014
Freundliche Oberhirten: Bischof Nikolaus (links) - im wahren Leben Matthias Müller - und Landesbischof Jochen Bohl mit jungen Gliedern der Nikolaikirchgemeinde nach der Jubiläumsjahr-Eröffnung, bei der die Jüngsten beschert wurden. Quelle: André Kempner

Diese Kirche ist "offen für alle". Und von ihr gingen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder entscheidende Impulse aus. Beispielsweise 1539: erster offizieller evangelischer Gottesdienst in Leipzig und damit Einführung der Reformation. Beispielsweise 1723: Amtsantritt von Johann Sebastian Bach als städtischer Director musices (Musikdirektor). Beispielsweise 1989: Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution, die Deutschland und Europa verändern sollte.

Am Sonnabend hat in diesem Gotteshaus das Festjahr "850 Jahre Nikolaikirche - Suchet der Stadt Bestes" begonnen. Da Leipzigs ältestes bestehendes Gebäude nach dem Heiligen Nikolaus benannt ist, im 4. Jahrhundert Bischof von Myra (heutige Türkei) und bis in die Gegenwart hinein Schutzpatron der Händler und Seefahrer, konnte der Jubiläumsauftakt nur auf ein ganz bestimmtes Datum fallen. Und so feierte die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde im Herzen der Messestadt mit vielen prominenten Gästen und vergleichsweise wenigen angestammten Gliedern an diesem 6. Dezember 2014 Geburtstag und Namenstag in einem.

850 Jahre Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai - klar, dass bei einem solch seltenen Ereignis wenigstens ein Bischof anwesend sein muss. Am Ende kamen sogar zwei: der sächsische Landesbischof Jochen Bohl als Prediger und der Nikolaus in Person von Küster Matthias Müller. Der Darsteller des legendären Kinder-Freundes hatte auf einen weißen Rauschebart verzichtet, nicht aber auf unzählige leckere Lebkuchen-Nikoläuse aus dem Backhaus Göbecke. Nach Gottesdienst und Empfang verteilte Matthias Nikolaus Müller die köstlichen Exemplare auch an brave Erwachsene.

Quelle: André Kempner

Den reiferen Jahrgängen unter dem anwesenden Kirchenvolk hatte der richtige Bischof - in Anbetracht der herausragenden Bedeutung des Gotteshauses - zuvor in Erinnerung gerufen, dass das Motto des Festjahres "Suchet der Stadt Bestes" für Christen unmöglich bedeuten könne, "sich in das kleine private Leben zurückzuziehen", sondern sich vielmehr "mit den je eigenen Kräften zum Wohle der Gemeinschaft einzubringen, das Gute zu suchen und das Gute zu tun". 25 Jahre nach dem Herbst '89, in dem "die Zeit der Freiheit anbrach", so Bohl in seiner Predigt, biete die globale Lage genügend Anlass zum Verzweifeln. Die furchtbaren Verbrechen des IS, der gewaltsame Konflikt im Heiligen Land, die drohende militärische Auseinandersetzung in der Ost-Ukraine: "Das alles geht auch uns an", betonte der 64-Jährige. Die Kirche wolle die Welt nicht regieren, aber die Politik komme ohne das Evangelium nicht aus. Dem Wort Gottes in den Auseinandersetzungen des Alltags eine Stimme zu geben und die Entscheidungsträger des Staates "in kritischer Solidarität" zu begleiten, sei auch fürderhin der Auftrag der Nikolai- und aller Gemeinden. "Ein Strom des Segens ist von diesem Ort ausgegangen. Nichts symbolisiert dies besser als die Nikolaisäule auf dem Nikolaikirchhof", sagte Bohl.

Dann war von einer anderen Stimme die Rede: vom Klang der Glocken. Superintendent Martin Henker, zugleich erster Pfarrer der Nikolaigemeinde, bezeichnete das dreistimmige Geläut des Gotteshauses als "nicht mehr gleichmäßig und nicht mehr klar". Mit anderen Worten: Die Glocken bräuchten dringend neue (Holz-)Joche und das Ensemble benötige einen vierten Klangkörper. Den gab es bis 1917 in Form der "Großen Osanna". Doch das fünf Tonnen schwere Stück wurde im Ersten Weltkrieg vom Turm gehievt, um aus ihm eine Kanone zu machen. Ziel sei es, am 31. Oktober 2017, dem 500. Jahrestag der Reformation, Glockenweihe zu feiern, kündigte Henker an. Quasi als verspätetes Geburtstagsgeschenk. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ging später - beim Glas Sekt im Gemeindesaal - auf die Stimmprobleme ein und versprach für das Sanierungsprojekt Geläut die Unterstützung der Kommune.

Doch die Christenmenschen von St. Nikolai wollen in naher Zukunft noch andere Aufgaben angehen. "Ein Thema wird immer dringlicher: die Flüchtlingsarbeit", sagte das Kirchenvorstandsmitglied Monika Kölsch. ", Nikolaikirche offen für alle' - daraus ergibt sich für uns ein diakonischer Auftrag." Vor einem knappen Jahrzehnt wurde aus der Katholikin Kölsch eine Protestantin. "Mir hat immer die Geisteshaltung dieser Gemeinde imponiert." Der Nikolai-Kindergarten, den vier der fünf Sprösslinge besucht hätten und den sie als "Insel der Glückseligkeit" empfunden habe, sei die Brücke zu ihrer neuen kirchlichen Heimat gewesen. Und noch einer gab den Anstoß zur Veränderung: der damalige Nikolaipfarrer Christian Führer.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.12.2014

Dominic Welters

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