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9. Oktober 1989 - Der Tag der Entscheidung

9. Oktober 1989 - Der Tag der Entscheidung

Leipzig. Die Bilder von der Friedlichen Revolution in der DDR gingen um die ganze Welt. Der 9. Oktober 1989  gilt als Tag der Entscheidung.

Bei der bislang größten Montagsdemonstration zogen 70.000 Menschen um den Ring in der Leipziger Innenstadt mit dem Ruf auf den Lippen: „Wir sind das Volk.“ Ein Blick zurück auf die Ereignisse dieses historischen Tages.

Seit den frühen Morgenstunden hängen Bettlaken an der Nikolaikirche. "Leute, keine sinnlose Gewalt, reißt euch zusammen", ist darauf zu lesen. Bürgerrechtsgruppen um Pfarrer Christoph Wonneberger haben einen Appell verfasst, der 25 000 Mal mühsam vervielfältigt und später verteilt wurde. Darin wird zum Verzicht auf Gewalt aufgerufen.

Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer ist bewusst, dass an diesem Montag trotz aller staatlichen Drohungen mit einem großen Ansturm zum Friedensgebet zu rechnen ist. Auch Drohungen per Telefon gibt es. An Schulen und in Betrieben sind offiziell Warnungen ausgesprochen worden, auf keinen Fall in die Innenstadt zu gehen, weil dies gefährlich werden könnte. Gerüchte kursieren, dass Krankenhäuser bereits Blutkonserven bereitstellen müssen.

Auch bei den Mitarbeitern staatlicher Organe liegen die Nerven blank. Nach vorherigen Demonstrationen, etwa am 7. Oktober 1989, will die Staatsmacht in Leipzig den "Spuk ein für alle Mal beenden". "Auch mit dem Einsatz von Schusswaffen wird offen gedroht", so Tobias Hollitzer, Chef des Museums in der Runden Ecke.

Die Bezirkseinsatzleitung der SED stellt am frühen Morgen fest, dass Demonstrationen nicht mehr zu verhindern sind. Um "mögliche Provokationen im Keim zu ersticken", werden 3000 bewaffnete sowie 5000 so genannte gesellschaftliche Kräfte mobilisiert. SED-Mitglieder erhalten den Auftrag, sich zum Friedensgebet in der Nikolaikirche zu versammeln, die nach 14 Uhr voll besetzt ist. Christian Führer begrüßt die Genossen: "Ich freue mich, dass Sie da sind, ich wundere mich nur, dass Sie so zeitig gekommen sind, denn das arbeitende Proletariat hat erst nach 16 Uhr Zeit."

Kurz vor 16 Uhr versammeln sich vor der bereits überfüllten Nikolaikirche mehrere hundert Menschen, die nicht mehr eingelassen werden. In der ganzen Stadt ist Polizei mit Hunden präsent, auch Lastkraftwagen mit Gittern stehen bereit. Geschäfte und Restaurants in der City sind geschlossen. Um 17 Uhr beginnt dann das Friedensgebet, das von Pfarrer Weidel und der Arbeitsgruppe Frieden aus Gohlis gestaltet wurde. Gottesdienste finden zeitgleich auch in der Reformierten Kirche, der Michaeliskirche sowie in der Thomaskirche statt, die ebenfalls überfüllt sind.

Ab 17.30 Uhr wird im Leipziger Stadtfunk der Aufruf der Leipziger Sechs verlesen: Kurt Masur, Bernd-Lutz Lange, Peter Zimmermann, die SED-Sekretäre Roland Wötzel, Jochen Pommert und Kurt Meyer hat die gemeinsame Sorge zusammengeführt. "Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen eine gemeinsame Lösung", heißt es darin. Sie bitten um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Der Aufruf wird vom Uni-Theologen Peter Zimmermann auch beim Friedensgebet in der Nikolaikirche übergeben. Als später etwa 2000 Menschen die Kirche verlassen, treffen sie draußen auf Zehntausende. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung.

Es kommt zur bislang größten Massendemonstrationen mit mehr als 70 000 Menschen, die vom Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) über den Ring ziehen. Rufe wie "Gorbi, Gorbi" und vor allem "Wir sind das Volk" werden laut. Es wird aber auch gefordert, das Neue Forum zuzulassen. Beteiligt waren nicht nur Einwohner Leipzigs. Tausende waren aus der ganzen DDR angereist. Die Angst, ob es zu einer "chinesischen Lösung" kommt, sitzt tief. Neben der Polizei ist auch die bewaffnete Kampfgruppe aufmarschiert. Die Menschen rücken mit Kerzen zusammen. Ein Ruf eint sie: "Keine Gewalt".

Gegen 18.30 Uhr ruft Helmut Hackenberg, der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung, bei Egon Krenz an. Er erwartet eine Entscheidung "von oben". "Egon Krenz hat das erste Mal was richtig gemacht. Denn er hat nichts gemacht", sagt Pfarrer Führer heute.

Gegen 19.25 Uhr wird es noch einmal besonders brenzlig. Der Demonstrationszug erreicht die Runde Ecke, den Sitz der Stasi-Bezirksverwaltung. Die Polizei, die vor dem Gebäude postiert worden war, lässt den Zug passieren. Doch die Unsicherheit, dass es zu Provokationen kommt, die die Situation eskalieren lassen, ist auf beiden Seiten groß. Jubel macht sich unter den Demonstranten breit, als die Bezirksbehörde der Stasi passiert wird, ohne dass es zu Zwischenfällen oder Ausschreitungen kommt. "Wir sind das Volk!" wird erneut zur Losung des Tages. "Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete" soll Stasi-Chef Mielke später gesagt haben.

Gegen halb neun löst sich der Demonstrationszug auf. Im Westfernsehen laufen später die ersten Filmberichte über den Tag der Entscheidung in Leipzig. Angesichts der Massen auf dem Ring ziehen sich die Sicherheitskräfte zurück. An diesem Tag muss die schwer bewaffnete Diktatur vor dem Mut und dem Veränderungswillen Zehntausender gewaltlos kapitulieren. Die DDR hat sich verändert. Der Anfang vom Ende ist eingeläutet.

Mathias Orbeck

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