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Lokales Abbiege-Assistenten: Leipzig will Radfahrer-Unfällen mit Lastern vorbeugen
Leipzig Lokales Abbiege-Assistenten: Leipzig will Radfahrer-Unfällen mit Lastern vorbeugen
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00:21 16.07.2018
Wie hier in der Prager Straße/Ecke Kommandant-Prendel-Allee erinnern Blumen und weiße Fahrräder an mehreren Stellen in Leipzig an tödliche Radfahrer-Unfälle, die sich beim Abbiegen von Lastern ereigneten. Die Laster-Fahrer konnten die Radler nicht sehen, weil sie sich im sogenannten toten Winkel befanden. Moderne Abbiege-Assistenzsysteme könnten die Radfahrer trotzdem erfassen und so schwere Unfälle verhindern. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Stadt Leipzig will die wachsende Zahl von Abbiege-Unfällen minimieren: Sobald Anbieter von Feuerwehrfahrzeugen und anderen Lastern funktionierende Abbiege-Assistenzsysteme anbieten, sollen nur noch Fahrzeuge mit dieser Technik gekauft werden. Auch die städtischen Eigenbetriebe und deren Tochtergesellschaften wollen künftig solche Abbiege-Assistenten als Bestandteil der gewünschten Fahrzeugausstattung aufnehmen. Dies teilte das Rathaus jetzt auf eine Anfrage der SPD-Ratsfraktion mit.

Trotzdem wird es noch dauern. Denn bislang gibt es auf dem Markt keine praxistauglichen Systeme. Das Rathaus verweist auf eine Antwort der Bundesregierung vom März zu diesem Thema. Danach verwenden die aktuell verfügbaren Nachrüstsysteme „in der Regel Sensorik, die nicht hinreichend zwischen bewegten und statischen Objekten unterscheiden kann und daher anfällig für Fehlwarnungen ist“.

Systeme sind noch nicht praxistauglich

Aus diesem Grund hat die Stadtverwaltung bei ihrer letzten Großausschreibung für 25 Löschfahrzeuge darauf verzichtet, Abbiege-Assistenten zu fordern. Als die Ausschreibung im August 2017 veröffentlicht wurde, seien solche Systeme noch nicht angeboten worden, heißt es in der Antwort an die SPD. Darüber hinaus würden Einsatzfahrzeuge der Branddirektion „zu 95 Prozent mit einem Beifahrer besetzt“, der „alle Bedingungen erfüllt, andere Verkehrsteilnehmer zu sehen – gerade beim Rechtsabbiegen mit kreuzenden Fahrradfahrern“.

Auch andere Betreiber von Lasterflotten machen ihre Fahrzeuge inzwischen sicherer – auch Laster, die auf Leipzigs Straßen eingesetzt werden. So hat der Lebensmittelhändler Edeka begonnen, seine Lkw mit selbst entwickelten Abbiege-Assistenten auszustatten. Bei diesem System schaltet sich ein Monitor an der Beifahrerseite ein, sobald der Fahrer nach rechts lenkt oder den rechten Blinker setzt. Außerdem ertönt ein akustisches Signal, wenn neben dem Fahrzeug ein Hindernis auftaucht. Fachleute halten solche Töne für besonders wichtig, weil der Fahrer seinen Blick ständig überall haben muss und den Monitor übersehen könnte.

Edeka prescht nach vorn

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, hat die Regionalgesellschaft Edeka Südbayern inzwischen alle 300 Lkw mit diesem System ausgestattet und bietet auch externen Interessenten die neu entwickelte Technik an – etwa Kommunen für die Müllabfuhr oder Bauunternehmen. Weil Edeka mit diesem Gerät keinen Gewinn erzielen wolle, koste das System rund 600 Euro, ist zu lesen.

In die Offensive gegangen ist auch der Discounter Netto. Er hat angekündigt, bis 2019 alle eigenen Laster mit einem Abbiege-Assistenten auszustatten. Netto schafft deshalb momentan ausschließlich Mercedes-Benz-Lasters des Modells Actros der neuesten Baureihe an, heißt es. Eingebaut würden die Assistenten in den Neufahrzeugen schon seit 2017 – und zwar vom Fahrzeugbauspezialisten Rohr.

Unfallforscher: 200 Radfahrer-Unfälle wären vermeidbar

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) geht davon von, dass deutschlandweit jährlich rund 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden könnten, wenn alle Lastwagen entsprechend ausgerüstet werden. Dies wäre aber nur möglich, wenn die EU dafür einheitliche Reglungen für ganz Europa erlässt. Weil sich viele Länder wegen der hohen Kosten für ihre Spediteure gegen diesen Vorstoß wenden, rechnen optimistische Experten frühestens im November oder Dezember 2019 mit einer entsprechenden EU-Verordnung. Von dieser würde Leipzig profitieren, weil dann auch ausländische Laster mit der neuen Technik ausgestattet sein müssten.

Erwartet wird allerdings, dass die neue Verordnung auch Übergangsfristen für die Spediteure enthalten wird. Die Rede ist derzeit von fünf Jahren oder länger. Bis sämtliche Lastwagen besser gegen Abbiege-Unfälle geschützt sind, könnten deshalb bis zu zehn Jahre vergehen.

Fußgänger-Verein will flankierende Maßnahmen

Der Verein „Leipziger Fuß“ fordert deshalb von der Verwaltung weitere Schritte. Fußgänger sollten an den Ampeln früher als die Kraftfahrzeuge Grün erhalten. Dann seien sie bereits vor den Lastern auf der Fahrbahn und für die Lasterfahrer gut sichtbar. An den Kreuzungen sollten sogenannte „freie Rechtsabbieger“ und fahrdynamisch optimierte Kurven umgebaut und entschleunigt werden. Diese Eingriffe würden auch bei Fahrern wirken, die durch die Reizüberflutung der Abbiege-Assistenten überfordert sind oder meinen, dank der Sicherheitstechnik riskanter fahren zu können, argumentiert Stefan Lieb, Geschäftsführer des Vereins.

Von Andreas Tappert

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