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Lokales Absturz von Unister-Chef Wagner: Viele Fragen sind bis heute offen
Leipzig Lokales Absturz von Unister-Chef Wagner: Viele Fragen sind bis heute offen
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19:00 13.07.2018
Thomas Wagner wenige Wochen vor seinem Absturz. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Am Ende geht es rasend schnell. Innerhalb von 16 Sekunden sackt die Piper PA32-301T fast 700 Meter in die Tiefe. So zeichnet es das Radar der slowenischen Fluglotsen am 14. Juli 2016 auf. Der Pilot und seine drei Passagiere aus Deutschland haben keine Chance mehr. Letztmals taucht die Maschine um 10.51 Uhr und 19 Sekunden auf dem Überwachungsbildschirm auf. Wenige Augenblicke später zerschellt sie in einem Wald in der Nähe des kleinen Ortes Predmejas, eine gute Autostunde westlich von der Hauptstadt Ljubljana entfernt und brennt aus.

Die abgestürzte Piper in Slowenien. Quelle: dpa

An Bord befinden sich die Unister-Gründer Thomas Wagner (38) und Oliver Schilling (39), ein 65 Jahre alter Finanzberater und der 73-jährige alte Pilot. Ihre Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die slowenischen Ermittler vermerken: 100 Prozent des Flugzeuginhalts sind vernichtet. Nicht ganz: Später wird ein Rucksack mit Bargeld gefunden.

Zwei Jahre ist dieses Horrorszenario jetzt her. Es folgen die Insolvenz des einstigen Leipziger Internetriesen Unister mit Portalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de, zwei aufsehenerregende Strafprozesse, ein Neuanfang mit einem Investor aus Tschechien und zahlreichen bis heute offenen Fragen.

Abschlussbericht fehlt noch immer

Noch immer ist nicht zweifelsfrei geklärt, warum die Piper damals abstürzte. „Der Abschlussbericht aus Slowenien liegt uns bisher nicht vor“, sagt Jana Friedrich, Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Leipzig. Ohne die Expertise von Chefermittler Toni Stojcevski und seinen Kollegen aus dem slowenischen Luftfahrtministerium lässt sich die Akte um Thomas Wagner und Unister nicht schließen. Bei der Staatsanwaltschaft in Leipzig läuft deshalb weiter ein Todesermittlungserfahren um die beiden ehemaligen Manager.

Gleich nach dem Absturz machen Verschwörungstheorien die Runde. Zwei der am häufigsten zu hörenden Varianten: Wagner sei einem Anschlag zum Opfer gefallen oder der Unister-Chef habe seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Für beide Theorien fehlen bis heute die Beweise.

Die letzten Tage im Leben des gebürtigen Dessauers Wagner denkt sich kein Krimiautor aus. Der Stoff würde zu aufgetragen wirken. Ein monatelanger Strafprozess gegen Wilfried Sch. (70) bringt Anfang vergangenen Jahres immer neue Details ans Tageslicht.

Falschgeld in Venedig

Die Kurzform: Sch. vermittelt über Zwischenleute den Kontakt zum angeblichen Israeli Levy Vass. Der Diamantenhändler, wie es sich selbst bezeichnet, will Wagner einen Kredit über 15 Millionen Euro gewähren, verlangt dafür aber im Gegenzug 1,5 Millionen Euro in bar für eine Ausfallversicherung. Die Geschäftsleute treffen sich am 13. Juli 2016 in Venedig. Wagner übergibt seinen Anteil und erhält einen Koffer mit vier Millionen Schweizer Franken in bar als Anzahlung. Später bemerkt er, nur die oberste Lage mit 20.000 Schweizer Franken ist echt, der Rest Falschgeld. Die vereinbarte Übergabe der Restsumme bei einer Bank platzt. Vass ist untergetaucht und hat Wagner übers Ohr gehauen.

Wilfried Sch. (links) mit seinem Verteidiger Martin Habig am Landgericht Leipzig. Quelle: Kempner

Den Ermittlern liegen ein Phantombild und Aufzeichnungen von Telefongesprächen vor. Die Stimme von Vass ist auch im Prozess gegen Wilfried Sch. als Beweismittel zu hören. Sie klingt mit dem gebrochenen Deutsch keinesfalls wie die eines Israelis. Der starke Akzent weist den Weg eher in Richtung Balkan.

Eine heiße Spur zu ihm fehlt allerdings bis heute. „Wir ermitteln weltweit“, sagt Wolfgang Klein, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden. Seine Behörde arbeite aktiv an dem Fall und tausche sich auch mit Kollegen in anderen Ländern aus. „Wir geben nicht auf“, so Klein.

Vass ist nicht zu greifen

Vass ist allerdings wie ein Phantom. Das berichtet auch eine Zeugin im Prozess gegen Wilfried Sch. Die Architektin aus dem Sauerland fällt kurz vor Wagner ebenfalls auf den Mittsechziger herein. Als sie den Schwindel bei der Übergabe auf einem Parkplatz bemerkt, ist es zu spät. „Es ging alles ganz schnell, als wir uns umdrehten, war Vass mit seinem Auto verschwunden“, berichtet die Geschäftsfrau. Wilfried S. wird vom Landgericht Leipzig zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Er sitzt seine Haft inzwischen in einem Gefängnis in Nordrhein-Westfalen ab, in der Nähe seiner Heimat Unna.

Viele Weggefährten und Beobachter fragen sich bis heute: Wie konnte es soweit kommen? Die schlüssigste Antwort: Wagner wollte mit einem letzten Manöver seinen ins Schlingern geratenen Unister-Konzern retten und brauchte dafür frisches Geld. Von Banken bekam er es nicht mehr. Wagners Plan: Er will die Reisesparte mit den bekannten Reise-Portalen an der Börse platzieren und wieder auf Kurs bringen. Projekt Epsilon heißt das Vorhaben intern. Wegen des Absturzes und eines Streits zwischen den in Leipzig zurückgebliebenen Gesellschaftern kommt es nicht mehr dazu. Keine Woche nach dem Tod von Wagner und Schilling stellt Unister einen Insolvenzantrag.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther aus Halle übernimmt die Abwicklung. Er muss ein Geflecht aus mehr als 50 Gesellschaften durchleuchten. Dabei sind die Reiseportale auch nach der Zahlungsunfähigkeit durchaus erfolgreich. Das erkennt Flöther an. „Ich war von der Stärke der Marke beeindruckt. Obwohl wir die Marketingausgaben radikal heruntergefahren haben, wurden die Portale wie fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de weiter gut genutzt und die Kunden haben weiter gebucht“, sagt er später in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Investor Invia startet durch

Diese Treue der Nutzer macht den Unister-Bereich auch für Investoren interessant. Im März 2017 steigt der tschechische Investor Invia ein und startet neu durch. Die Mitarbeiterzahl liegt in Ostdeutschland derzeit bei 600, der Großteil ist in Leipzig tätig. Fachkräfte aus IT-Branche und Kundenbetreuer werden händeringend gesucht. Und die Portale sind wieder sichtbar. Invia wirbt im TV und auf der Bande im Stadion von RB Leipzig. Im Winter gehen mehr Wintersportler denn je mit den Skier von fluege.de auf die Sprungschanze, teilt das Unternehmen mit.

Allerdings befasst sich das Leipziger Landgericht auch mit der Praxis im Reisebereich von Unister. Ein Hauptvorwurf: Unister hat nach den Buchungen die Preise nachträglich optimiert, die Ersparnisse aber nicht an die Kunden weitergegeben. Im Fachjargon heißt diese Praxis runterbuchen. Der ehemalige Gesellschafter Daniel Kirchhof und der frühere Leiter der Flugsparte Holger Friedrich werden deshalb zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. Friedrich will das bitte heute nicht hinnehmen. Er hat Revision eingelegt. Jetzt muss der Bundesgerichtshof über seinen Fall entscheiden.

Holger Friedrich (vorn) zieht bis vor den BGH. Hinten: Daniel Kirchhof. Quelle: Kempner

Notruf: „Mayday, Mayday“

Zurück nach Slowenien. Am Absturztag regnet und stürmt es. Die Sicht ist schlecht. In einer Höhe von 2800 Metern rutscht die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Die Piper PA32-301T erreicht um 10.45 Uhr in 3700 Metern Höhe den slowenischen Luftraum, der Pilot meldet sich über Funk bei den Fluglotsen an. Kurz darauf verändert die Maschine die vereinbarte Route, um mögliche Vereisungen zu vermeiden. Offenbar zu spät. Um 10.51 Uhr geht der Notruf „Mayday, Mayday“ ein. Danach bricht der Kontakt ab.

Das Wetter am 14.7. 2016 in der Nähe des Absturzortes. Eine Aufnahme der Wetterstation Otlica. Quelle: Luftfahrtministerium Slowenien

Die Suchmannschaften finden später den Rucksack von Thomas Wagner mit 10.000 Schweizer Franken. Wo die andere Hälfte des Geldes aus Venedig geblieben ist, bleibt für die Ermittler bisher ebenso ein Rätsel, wie die Tatsache, dass die Banknoten nicht auch verbrannt sind. Und auch das abgerissene Höhenruder der Piper gibt Fragen auf. Es wurde erst drei Monate später rund 700 Meter von der Absturzstelle im Wald gefunden. Ermittler und Angehörige warten deshalb seit rund zwei Jahren ungeduldig auf den Abschlussbericht von Toni Stojcevski.

Mitarbeit: Elena Boshkovska

Von Matthias Roth

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