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Adieu Härtelstraße - ein Leipziger Traditionsgeschäft muss umziehen

Adieu Härtelstraße - ein Leipziger Traditionsgeschäft muss umziehen

Die Härtelstraße in Leipzig ist nicht gerade der "Durchgangsklassiker", der Kundenströme in ein Geschäft zieht. Doch das ist für Holger Günther jetzt nicht der Grund, sein Lädchen nach 16 Jahren aufzugeben.

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Holger Günther - hier noch an seinem "Friemelplatz" im Laden in der Härtelstraße.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Günthers Familienbetrieb nährte sich bislang eher von Insidertipps. Er verkauft Spielzeug aller Art. Zwei Minijobberinnen helfen. Mutter Ingeborg (84!) bereichert das Angebot mit Kostümverleih samt Faschingsaccessoires und Kreativangebot. Vor allem aber: Günther hat ein Händchen für alles, was daheim flöten geht. Halb Leipzig und Kunden aus allen Ecken Deutschlands laden bei ihm defekte kleine Haushaltgeräte vom Mixer bis zum DDR-Kaffeeboy, von Spieluhren über Poly- und Grammophone bis hin zu Schwibbögen und Weihnachtspyramiden ab. Und viel kaputtes Spielzeug aus der Alt- wie Neuzeit. Selbst für Modelleisenbahnfreunde ist der 56-Jährige Helfer in der Not. "Auf die richtig gute Beratung und sein Bemühen, selbst ausgefallenste Wünsche zu erfüllen", mögen Stammkunden wie Andreas Schnabel nicht mehr verzichten. Reich, sagt Günther gutmütig, mache einen die zeitaufwändige Piepelei nicht. "Aber" - ein Strahlen huscht übers Gesicht - "sie macht die Kunden glücklich!" Viele, die sich wie Günther mit derlei Reparaturen abgeben, birgt die Wegwerfgesellschaft hier zu Lande nicht mehr. Doch für ihn ist es ein Stück Lebensinhalt.

Zu DDR-Zeiten hatte Günther BMSR-Mechaniker gelernt. Und sich zum Elektromechanikmeister qualifiziert. Was nötig war, "um sich selbstständig machen zu können". Kurz bevor die DDR unterging, ging es mit ihm aufwärts: Er eröffnete eine Werkstatt. "Unter anderem als Vertragswerkstatt für ein Leipziger Elektrogerätewerk, für das ich etwa den Kaffeeboy reparierte. Oder für den VEB Anker Mechanik Eisfeld, wenn deren ferngesteuerte Autos kaputte Bowdenzüge hatten." Allein: Das alles hatte sich dann auch schon schnell wieder erledigt, als die politische Wende kam. "Niemand wollte mehr ferngesteuerte DDR-Spielzeugautos und -Kaffeema- schinen. Ich war augen- blicklich arbeitslos", sagt Günther. Die überdachte Lage mündete in der Eröffnung eines Spielzeughandels in seinem damaligen Gewerberaum in der Münzgasse 16. "Da kam plötzlich so viel Spielzeug auf den Markt, was man nicht kannte", sinniert er rückblickend. An liebgewonnenen DDR-Stücken - an Pico etwa oder den Holz- und Stöpselspielen aus Tabarz - hielt er dennoch fest. Und am Reparieren.

Vor 16 Jahren verlagerte er das alles in den seinerzeit etwas zweckmäßigeren Laden in der Härtelstraße. Doch ein Hinweis im Schaufenster kündigte dieser Tage den Auszug an. Zudem drückte sich über dem Eingang ein kleines Transparent tief in die Mauernischen des alten Gründerzeithauses, erkennbar erst auf den dritten Blick: "Treibjagd auf Gewerbetreibende! Bezahlbare Reparaturen sowie Spielwaren und Kostüme wird es hier bald nicht mehr geben." Eine Botschaft, diktiert von viel Verbitterung. "Naja", bekennt Günther, "wir waren halt verärgert. Jahrelang haben wir brav Miete gezahlt. Und Ende Oktober dann - wie aus dem Nichts - kam die Kündigung. Erst auf Nachfrage wurde klar, dass der private Eigentümer mehr Miete wollte."

Um weit mehr als ein Drittel sollte sich der monatliche Kaltbetrag plötzlich erhöhen (von 7,66 auf 10,64 Euro pro Quadratmeter). "Finanziell unser Aus", sagt Günther, der überdies im Austausch mit anderen Geschäftsinhabern fürs Vorjahr einen "Ruck in der hiesigen Mietlandschaft" ausgemacht haben will. "Was man da so beobachten konnte, haben sich ja Ströme von Wohn- und Gewerbemietern in nicht so kostenintensive Stadtteile verzogen. Und uns erwischte es nun eben auch", sagt Günther. Zwar habe er noch das Gespräch mit dem Vermieter gesucht. "Doch das brachte nichts. Mitte November war klar, dass wir wirklich einpacken müssen. Drei Monate Kündigungsfrist - Sie ahnen gar nicht, wie wir seither wirbeln."

Freunde, Kunden, selbst andere Leipziger Vermieter halfen zunächst bei der Suche nach einem neuen Domizil. In der Nürnberger Straße fand sich bei der kommunalen LWB ein ausgedienter Bäckerladen. In der Platte. Die Miete? "Moderat. Ich komme nun sogar monatlich etwas günstiger weg." Nur renovierungsbedürftig sei alles gewesen, seit DDR-Zeiten kaum auf Vordermann gebracht. Und um Handwerker zu kriegen und alles Behördliche zu regeln, sei die Zeit um Weihnachten und Neujahr suboptimal gewesen. Glücklicherweise konnte er auch hier auf helfende Hände von Freunden bauen.

Am 1. Februar eröffnet Günther den neuen Standort, ab heute wird seine Mutter nur noch einen Notdienst in der Härtelstraße verrichten. "Falls noch Kunden kommen, die ausgeliehene Kostüme zurückgeben wollen." Mittlerweile, sagt er, falle ihm der Abschied aus der Härtelstraße auch nicht mehr schwer. "Die bauliche Umgestaltung des Peterssteinweges macht es mir leichter. Durch die mittig eingebaute ,Sprungschanze' dort wird die Härtelstraße für Kunden ja noch unzugänglicher und unattraktiver als bisher", findet er.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.01.2015

Angelika Raulien

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