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Lokales Alice Merton: viel Sound, wenig Seele
Leipzig Lokales Alice Merton: viel Sound, wenig Seele
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00:32 25.02.2018
Seele hat ihre Live-Show nichtt, aber Alice Merton bietet im Werk 2 ein paar schöne Songs. Quelle: Foto: Christian Modla
Leipzig

„Guten Aben. This is my first Time in Leipsich“, grüßt Sion Hill in den Saal. Ob das so richtig ausgesprochen sei. Ja, wir lassen das durchgehen. Denn der Ire macht von Anfang an das, was Alice Merton später im Konzert am Mittwochabend im Werk 2 vermissen lässt: Nähe zum Publikum aufbauen. Wenn da einer von weit her „Now she’s gone / She moved on to Saxony“ trällert, freut sich unsereins hier in der Provinz natürlich ein bisschen.

Das Kratzen in der Stimme von Sion Hill

Sein Deutsch sei nicht so gut, dafür scheint aber sein Englisch recht gut. Die Hemdsärmel trägt der ehemalige Straßenmusiker gerade so kurz, dass man „definierte“ Oberarme sieht, wie nur Gitarristen und Bassisten sie haben. Hill hat dieses cluesohaft weiche Kratzen in der Stimme. Aber selbst wenn er „You are the Reason I can never sleep alone“ singt, erinnert es nicht an Singer/Seichtwriter, sondern bleibt groovende Bandmusik, nur eben auf Gitarre’n’Stimme eingedampft.

Sein vierter Song beginnt mit so einer Basslinie, bei der einem das Herz in der Tasche aufgeht und man denkt: Das hat er doch geklaut (eyo eyo)! Und tatsächlich, das erste Wort bestätigt’s: „Sunny“. Tausendfach gecovert, hier sehr selbstverständlich und unaufgeregt. Doch nicht genug, Hill verschränkt es mit „Skyfall“, also die Popmusik gewordene Fluffigkeit mit dieser 007 gewordenen Schwerfälligkeit von Adele. Ein Johnny-Cash-und-Rick-Rubin-Sound dient dabei als 1A-geschmiertes Scharnier, vor dem man den Cowboyhut ziehen muss. Guter Auftakt.

Gut gemachte Radiomusik

Kurz nach neun fliegen einem dann Schlagzeug und E-Gitarre um die Ohren, als ob sie, wie geplant, das ganze Haus Auensee beschallen müssten und nicht nur die gut gefüllte Halle D. Hierhin musste die Show nämlich umziehen. Federleicht hingegen hüpft ein schwarzweißes Wesen aus Hahnentrittmuster auf die Bühne, ist mit dem ersten Ton voll da und darf deshalb zurecht mit „Hit the Ground“ beginnen.

„What’s up, Leipziiig?“ Ein ordentliches Woohoo is up. Alice Merton singt ganz zart „Keeps / Awake“, aber die Bassdrum interessiert sich weiter nur für Rock, während das Keyboard in die Lücken dingdingdingt. Gut gemachte Radiomusik von heute ist das, internationaler Sound zwischen Bastille und Lana del Rey („Honeymoon“), Mainstream, bei dem man nicht gleich schreiend wegrennen muss.

Merton singt mit den Händen

„Holes“ erinnert an Mertons Welthit „No Roots“. Warum nicht, hat man schon schlechtere Selbstkopien von großen Hits gehört. Die Leute rufen „Huuhuu“ und das Schlagzeug zischelt „Tischdecke Tischdecke Tischdecke“. In „Jealousy“ zieht Merton die Silben mit gespreizten Fingern in der Luft, als ob sie Theremin spiele. Wie sie überhaupt zu den Sängerinnen gehört, die mit den Händen singen. Mit „Trouble in Paradise“ positioniert sich Merton als Frau im Männer-Musikbusiness: „I think I need to break the rules that you made.“ „At the end of the day I‘m the boss“, sagt sie, und man fragt sich, ob die Unart, „am Ende des Tages“ statt „schließlich“ zu sagen aus dem Englischen kommt.

Kommentare auf Englisch – wieso eigentlich?

Merton ist tough, keine Frage. Sie singt stark, hat eine Live-Band an der Seite und ein Label gegründet, statt sich ins Major-Nest zu setzen, nimmt in Malibu auf (was sie „ganz nebenbei“ zu erwähnen weiß). Aber Seele hat ihre Liveshow nicht. Und warum spricht sie die ganze Zeit Englisch mit dem Publikum, obwohl sie Deutsch kann? Ihren Hit „No Roots“ kündigt sie als den an „that introduced me to the world.“ Wohl der, die sowas sagen kann – und es auch tut.

Dann ist er endlich da, dieser Bass, der die Hymne aller Globalisierungskosmopoliten einleitet: „I got no roots / but my home was never on the ground.“ Merton selbst ist in mehreren Ländern aufgewachsen, reist „like Gypsies in the Night“ durch die Welt und singt überall „No Roots“ mit diesem Refrain, in dem ein Hund erst zu bellen, dann zu heulen scheint, dass man nicht mehr zur Ru-huhuhu-huhu-huhuuh kommt.

„No Roots“, der Übersong

Man könnte noch viel sagen über diesen Übersong, aber belassen wir’s bei dem, was das Unglaublichste an ihm ist: Er könnte es schaffen, die immer tiefer werdende Kluft zwischen Großstadt und Provinz, zwischen wurzellosen Globalisierten und heimatverwurzelten Kleingärtnern zu kitten. Denn sie alle sind sich einig: „I like digging holes / and hiding things inside them / When I grow old I hope / I won‘t forget to find them.“

Von Benjamin Heine

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