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Angekommen: Leipzigs roter Bär ist im Bundestag

Konstituierende Sitzung Angekommen: Leipzigs roter Bär ist im Bundestag

Der Leipziger Sören Pellmann, Sachsens erster direkt gewählter Linken-Abgeordneter des deutschen Parlaments, trat seinen neuen Job an.

An seiner neuen Wirkungsstätte: der Leipziger Sören Pellmann ist der erste direkt gewählte sächsische Bundestagsabgeordnete der Linken.

Quelle: Foto: privat

Leipzig. Er ist zwar nicht der erste Leipziger Linke im Bundestag. Aber Sören Pellmann ist der erste Leipziger und sächsische Linke, der direkt ins deutsche Parlament gewählt wurde. Und – abgesehen von Berlin – auch der einzige Linke in ganz Deutschland, dem die Wähler am 24. September ein Direktmandat anvertraut haben. Gestern begann mit der Konstituierung des neuen Bundestages für den 40-Jährigen sein neues politisches Leben, sein bisheriges als Grundschullehrer an der 66. Schule in Mockau ruht während der nächsten vier Jahre.

Eigentlich war vorherzusehen, was Beobachter am 24. September im Leipziger Süden als politisches Erdbeben registrierten: Die CDU verlor ihr sicher geglaubtes Bundestagsdirektmandat. Dabei hatten die Schwarzen den Wahlkreis nie länger als zwei Legislaturperioden halten können – 1990 bis 1998 durch Gerhard Schulz. 1998 bis 2009 übernahm mit Gunter Weißgerber die SPD. 2009 bis 2017 folgte dann mit Thomas Feist wieder ein Christdemokrat – und jetzt erstmals ein Linker.

Für die Linke ist dieser Wahlsieg mindestens genauso wichtig wie der von Pellmanns Parteifreundin Juliane Nagel im Jahr 2014, als diese ebenso im Süden der CDU schon das Landtagsdirektmandat abgenommen hatte und damit einen roten Pflock auf der politischen Landkarte Leipzigs einschlagen konnte. Pellmanns Online-Wahlkampf lief denn in der Endphase bezeichnenderweise auch unter dem Hashtag #cdumandatabnehmen. „Wir hatten es gehofft, aber nicht dran geglaubt“, hört man in der Partei. Dort sah man Pellmanns Wahlkampf vor allem als Warmlaufen für die Landtagswahl in Sachsen im Frühsommer 2019. Bis 2014 saß Sören Pellmanns in diesem Jahr verstorbener Vater Dietmar im Dresdner Landtag. In der Partei trauen es viele dem Junior zu, in die großen Fußstapfen seines Vaters zu treten, der ein landesweit geachteter Sozialpolitiker war.

Es kam anders. Pellmann junior ist nun im Zentrum der deutschen Politik angekommen. Dabei hat sich der Anteil der Linken-Wähler in seinem Wahlkreis 153 kaum verändert. Mit 25,3 Prozent fuhr Pellmann exakt dasselbe Ergebnis ein wie acht Jahre zuvor schon Mike Nagler. Am Ende hatte der Linken-Kandidat diesmal jedoch 6198 Erststimmen mehr auf dem Konto als 2013 – und 1170 mehr als der CDU-Mann. „Ich denke“, sagt Pellmann, „dass – in aller Bescheidenheit – der Name gezogen hat und auch unsere Themen authentisch waren.“ Und das war vor allem soziale Gerechtigkeit, die Pellmann mit seinem Wahlkampfmaskottchen, einem von seiner Schwester gehäkelten Roten Bären, stark emotional verpackte. Dazu profitierte er von der Schwäche der CDU, die binnen vier Jahren knapp zehn Punkte bei den Erststimmen verloren hat, und von einer Erststimmenkampagne, die Anhänger von Grünen, Freien Wählern, aber auch SPD motivierte, für Pellmann zu stimmen.

„Ich glaube, man kann als Bundespolitiker für seine Heimatstadt auch eine Menge bewirken“, sagt Pellmann. Ihm geht es vor allem um Sozialwohnungsbau und bezahlbare Mieten. Das sei ihm im Wahlkampf „quer durch alle Bevölkerungsschichten als das drängendste Problem in Leipzig“ beschrieben worden. Dass er ausgerechnet in Schleußig und Plagwitz, wo die Bezieher der höchsten Leipziger Durchschnittseinkommen zuhause sind, in der Wählergunst vorn lag, ist für den Linkspolitiker kein Widerspruch. „Das sind doch genau diejenigen, die von der Gentrifizierung betroffen sind“, sagt er. Denn selbst Besserverdiener seien mittlerweile durch die Mietpreisentwicklung verunsichert und setzten darauf, mit der Linken die Preisspirale und damit einhergehende Verdrängungsprozesse zu stoppen.

Sein Stadtratsmandat und den Fraktionsvorsitz gibt Pellmann nicht auf. Er will das als „Signal in die Fraktion“ verstanden wissen, „dass ich dort weiter am Ball bleiben und auch stark für die Linke wirken will“. Er ist überzeugt, dass „da ganz viele Synergien“ auch für die Stadt entstehen. Pellmann: „Der Lehrer-Job fällt ja jetzt weg, dafür kommt der Bundestag dazu. Auch wenn das nicht eins zu eins vergleichbar ist, ich trau mir das zu.“ Dafür wird er nicht wieder für den Landesvorstand kandidieren. „Da werden also noch ein paar Zeitfenster frei.“

Im Stadtrat wird Pellmann geschätzt – einen Ruf, den er sich trotz Hartnäckigkeit vor allem durch Sachlichkeit und Verlässlichkeit erarbeitet hat. 2009 war er erstmals in den Stadtrat eingezogen, drei Jahre später setzte er sich bei einer Kampfkandidatur gegen die damalige Fraktionsvorsitzende Ilse Lauter durch und leitete einen Generationenwechsel ein. Er wollte die Linke im Stadtrat nicht nur verjüngen, sondern auch kampfeslustiger machen – auch und vor allem gegenüber dem Oberbürgermeister. Was ihm durchaus gelungen ist.

Aber zu seiner Bilanz gehört eben auch: Zwei Mitglieder haben die Linksfraktion in der laufenden Wahlperiode schon verlassen. Die Furcht, die Fraktion könnte noch weiter erodieren, ist offenbar doch so groß bei ihm, dass er in diesen Zeiten nicht von Bord gehen, stattdessen den Laden weiter zusammenhalten will.

Sein Verbleib im Stadtrat sieht er aber auch als eine Art Selbstschutz. Er brauche „die Erdung für Berlin“, gibt Pellmann zu, „um die Bodenhaftung zu behalten und die Probleme vor Ort, die die Bürgerinnen und Bürger hier betreffen, auch selbst hautnah zu spüren. Und das kriegt man im Stadtrat deutlich mehr mit als im Bundestag.“

Von Klaus Staeubert

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