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Archäologen entdecken große Vorstadt: So sah Leipzig vor 1000 Jahren aus

Archäologen entdecken große Vorstadt: So sah Leipzig vor 1000 Jahren aus

Die aus Erdwällen und Baumstämmen errichtete Burg "urbs libzi", der Leipzig seine schriftliche Ersterwähnung vor 1000 Jahren verdankt, besaß eine große vorgelagerte Siedlung.

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Leipzig. Das haben Mitarbeiter vom Sächsischen Landesamt für Archäologie jetzt herausgefunden. Rechtzeitig zu den Feierlichkeiten in den kommenden Monaten werteten sie die Funde einer Grabung aus, die 2012 auf dem Areal der Hainspitze stattfand. Also jener Fläche neben der Hainstraße, wo im Herbst 2015 ein Kaufhaus der irischen Modekette Primark eröffnet werden soll.

Das überraschende Ergebnis: Ein 30 Meter langer und über sechs Meter breiter Graben, der auf der Hainspitze entdeckt wurde, bestand bereits zur Zeit der "urbs libzi". Er gehörte aber nicht zu den Befestigungsanlagen der Burg.

Die Fachleute haben den Gesamtverlauf des Grabens nun rekonstruiert. Sie nutzten dafür auch andere Befunde von früheren archäologischen Untersuchungen (siehe Karte). Das Resultat ist sensationell, so Abteilungsleiter Thomas Westphalen. Der Verlauf nehme keinerlei Bezug auf jene Leipziger Burg, in der laut einer Merseburger Chronik der Bischof Eido bei einer Reise einkehrte, kränkelte und am 20. Dezember 1015 verstarb. "Der Graben muss also zum Schutz einer beachtlichen vorgelagerten Siedlung gedient haben, einer frühen Stadt, die es dort schon vor 1000 Jahren gab. Wir hatten das bereits lange vermutet. Jetzt gibt es den Nachweis." Grabungsleiterin Petra Schug erklärt: "Die urbs libzi war damit nicht nur größer und besser befestigt als bisher angenommen, sondern auch ein städtisches Wesen, nicht nur eine Burganlage." Dies hätten auch 43 weitere Befunde vom Hainspitzen-Areal bestätigt - zum Beispiel Aschegruben.

Bis vor 65 Jahren hatte die Wissenschaft noch gerätselt, wo genau sich jener Ort befand, an dem der Bischof das Zeitliche segnete. Dann fand man slawische Keramikreste beim Beseitigen von Kriegstrümmern der Matthäikirche. Der Kunsthistoriker Herbert Küas stellte dort Grabungen an, entdeckte auf 40 Metern genau unter dem Kirchenschiff die Reste der gesuchten Holzburg. Diese stand auf einem wenige Meter hohen Geländesporn, der in die damalige Mündung der Parthe in die Pleiße-Elster-Aue hineinragte. Nach den Berechnungen von Küas verfügte die Burg über einen 30 Meter hohen Wohnturm mit Steinfundament.

Der Pionier der hiesigen Stadtarchäologie vermutete noch, dass sich ganz in der Nähe jene Kirche befand, die 1017 von Kaiser Heinrich II. an das Bistum Merseburg geschenkt wurde. Zu diesem Bistum gehörte damals auch das Leipziger Gebiet, in dem es mehrere kleine Siedlungen gab, so Matthias Hardt. Der Professor am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) der Universität verortet den ältesten Leipziger Sakralbau heute eher am nördlichen Ufer der Parthe - in der 1050 erwähnten und noch vor der Reformation wieder abgebrochenen Jakobs-Kirche (an der nach ihr benannten Jacobstraße). Der Schutzbereich der Burg, die sächsische Eroberer im 10. Jahrhundert auf vormals slawischem Territorium erbauten oder durch die hier verstreut lebenden Sorben errichten ließen, habe sich von Eutritzsch im Norden bis Zschocher im Süden, von der Pleiße-Elster-Aue im Westen (vermutlich mit Leutzsch) bis nach Stüntz und Mockau im Osten erstreckt, so der Professor.

Zum Leben der ersten Leipziger vor 1000 Jahren sei zwar nichts überliefert. Dafür aber viel über die Reisenden, die hier schon seinerzeit die Kreuzung der Fernhandelsstraßen via imperii und via regia passierten. "Nur an natürlichen Zwangspunkten zur Überquerung von Flüssen und ihren Niederungen bündelten sich die Verläufe der verschiedenen Wegführungen." Der Standort der "urbs libzi" sei so ein Zwangspunkt gewesen, erläutert Hardt. Der Name Leipzigs leite sich nach heutigen Erkenntnissen nicht vom slawischen Begriff für einen Lindenhain ab, sondern meinte ursprünglich eine "gewässerreiche Gegend".

Neben Geistlichen und Herrschern, die bei ihren Reisen in den Burgen sichere Raststätten fanden, passierten um 1015 vor allem Krieger der jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich II. und dem polnischen Fürsten Boleslaw Chrobry die Keimzelle Leipzigs. Außerdem Waffen-, Schmuck-, Wein- und vor allem Sklavenhändler, die über Leipzig Gefangene aus slawischen Gebieten (das Wort Sklave entwickelte sich aus Slawe) in die arabischen Kalifate in Spanien und Nordafrika lieferten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.02.2015

Jens Rometsch

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