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Lokales Auf Streife durch den Drogenkiez
Leipzig Lokales Auf Streife durch den Drogenkiez
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13:33 06.03.2015
Ab jetzt Anlaufstelle in Sicherheitsfragen: Der neue Polizeiposten im Stadtteilladen auf der Eisenbahnstraße. Quelle: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

Das Büro, von dem aus die Leipziger Polizei ihre neue Charme-Offensive im Drogenkiez startet, ist knapp 20 Quadratmeter groß. Ein Schreibtisch mit Laptop und mobilem Drucker, ein kleiner Besuchertisch mit vier Stühlen, an der Wand ein Kalender der Polizeigewerkschaft. „Deutschlands schlimmste Straße“, wie die Eisenbahnstraße in einem TV-Boulevardmagazin betitelt wurde, hat die womöglich unauffälligste Polizeidienststelle des Landes hervorgebracht.

„Das Infocenter Eisenbahnstraße bot uns diese Zuflucht an", sagt Holger Schmid (43). „Deshalb wirkt es nicht so dominant wie beispielsweise ein normales Polizeirevier." Schmid ist einer von drei Bürgerpolizisten die seit 7. August hier die Stellung halten. Da wurde die Außenstelle Neustadt-Neuschönefeld des Polizeireviers Leipzig-Zentrum, wie das Mini-Büro offiziell heißt, eröffnet.

Ein Provisorium, so ist zu hören, bis die Polizei eine eigene Immobilie gefunden hat. Doch solange die drei Beamten ans Infocenter angedockt sind, gelten auch dessen polizeiuntypische Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 10 bis 17 Uhr sind Schmid und seine beiden Kollegen Sibylle Möser (50) und Christian Seiffert (42) hier im Dienst. Gewiss ein Zeitraum, in dem sich selbst in der Eisenbahnstraße die strafrechtlich relevanten Ereignisse nicht gerade ballen. „Ihr solltet lieber nachts hier sein", hören die Beamten auf ihren Fußstreifen oft.

Doch die drei Bürgerpolizisten sind nicht dafür da, die Banden im Kiez in Schach zu halten, den Drogensumpf trockenzulegen oder bei Messerstechereien einzuschreiten. Um im Ernstfall schneller vor Ort zu sein, patrouillieren Kräfte der Bereitschaftspolizei sowie geschlossene Einheiten der Inspektion Zentrale Dienste in dem Viertel. Diese Beamten sind für harte Einsätze trainiert, verteilen allerdings keine Visitenkarten. Holger Schmid und Sibylle Möser hingegen schon. Sie stehen im Laden von Optikermeister Volkmar Maul (65). „Wir wollten uns mal vorstellen", sagt Schmid und lächelt, „gibt es Probleme?"

Eisenbahnstraße war beliebte Einkaufsmeile

Maul ist einer der wenigen Alteingesessenen. Er kennt die Eisenbahnstraße noch aus einer Zeit, als sie eine beliebte Einkaufsmeile war und nicht so verrufen. „Unser Geschäft gibt es seit 1946", sagt er stolz. „Es hat sich seitdem manches verändert, aber wir fühlen uns auch heute nicht bedroht." Allerdings würden schon mal gewisse Gruppierungen einfallen und drei, vier Sonnenbrillen auf einen Schlag klauen. Die teuren Ray Ban hat Maul deshalb gar nicht erst auf Lager.

Schmid und Möser verabschieden sich und setzen ihre Runde fort. Ihr Kollege Seiffert ist im Büro geblieben, kümmert sich dort um die Beschwerden der Anwohner. Drei, vier Bürger kommen jeden Tag in den neuen Polizeiposten. Das am häufigsten genannte Problem: Junkies, die sich in Kellern, Hauseingängen, auf Hinterhöfen und in der Nähe von Kinderspielplätzen ihre Spritze setzen.

Einer der Hotspots der Drogensüchtigen im Viertel ist ein grüner Innenhof zwischen Plattenbauten an der Zollikoferstraße. Auf dem Weg dahin begegnen die Bürgerpolizisten einem Kritiker der Staatsmacht. „Scheiß-Bullen", brummelt der Rollstuhlfahrer und dreht sich eine Kippe. Der Innenhof ist menschenleer. „Das Wetter", sagt Schmid und schaut hoch zum regenverhangenen Himmel. An schönen Tagen sitzen die Junkies direkt auf den Treppen vor den Hauseingängen oder auf den Bänken an der Wiese, berichtet Möser. „Die meisten haben keinerlei Hemmungen, deshalb sind wir regelmäßig da, um das nicht zuzulassen", so die Beamtin. „Denn gerade für Familien mit Kindern ist die Rauschgiftszene direkt vor der Haustür eine enorme Belastung." Zumal die alten Spritzen überall herumliegen. Ohne das Drogenproblem, so die Beamten, wäre das Viertel rund um die Eisenbahnstraße ein anderes.

Ausgangspunkt für schwere Straftaten

„Die Kriminalitätsrate ist hier ja nicht höher als anderswo in der Stadt", so Schmid, „das lässt sich statistisch belegen." 3374 Straftaten weist der Kriminalitätsatlas des Landeskriminalamtes im vergangenen Jahr für die Stadtteile Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf auf, rund 18.400 pro 100.000 Einwohner. Nach diesem statistischen Schlüssel stehen etwa Zentrum-Ost (56.907) und Zentrum-Nord (46.320) deutlich schlechter da.

Gleichwohl habe sich entlang der Eisenbahnstraße „eine Szene etabliert, die Ausgangspunkt für schwere Straftaten ist", so Polizeipräsident Bernd Merbitz im Frühjahr. „Das lässt sich nicht wegdiskutieren." Das sächsische Innenministerium berichtet mit Verweis auf polizeiliche Lagebilder und kriminalistische Erkenntnisse von einem „Schwerpunkt der Straßen- und Betäubungsmittelkriminalität", von Raub, Erpressung und besonders schweren Fällen des Diebstahls, von Rauschgiftdelikten mit einem entsprechend hohen Dunkelfeld. Allein seit August 2008 ließ das Ministerium acht Mal Kontrollbereiche im Viertel einrichten, die sogenannte anlassunabhängige Personen- und Fahrzeugüberprüfungen ermöglichen. Der aktuelle Kontrollbereich war fünf Tage nach der blutigen Attacke bewaffneter Syrer auf das Wohnhaus einer irakischen Familie in der Einertstraße am 22. Juni festgelegt worden und läuft am 28. September, 24 Uhr, aus.

Vorzeigeprojekt: Stadtteilpark Rabet

Was soll man also Leuten raten, die aus Berlin anrufen und wissen wollen, ob man guten Gewissens in die Nähe der Eisenbahnstraße ziehen kann? „Wir haben schon solche Anfragen bekommen", sagt Sibylle Möser. Vielleicht könnte man ihnen die Geschichte des Stadtteilparks Rabet erzählen. Vor Jahren war das noch eine düstere Gegend, die sämtliche Vorurteile über den Stadtteil zu bestätigen schien. Inzwischen ist es ein Vorzeigeprojekt für erfolgreichen Stadtumbau, 2009 mit dem Leipziger Architekturpreis ausgezeichnet. „Kein Vergleich zu früher", schwärmt die Bürgerpolizistin. Aber auch vor dieser grünen Oase mache die Drogenszene nicht halt.

Man könnte Auswärtigen auch von der Internationalität des Viertels berichten, die es so nirgendwo sonst in Leipzig gibt. Nicht wenige behaupten, in der Eisenbahnstraße kann man den besten Döner der Messestadt bekommen und die größte Auswahl an türkischen Spezialitäten. Aber es gibt auch Döner-Läden, die nebenbei Autoradios und Computerzubehör aus dubiosen Quellen verticken. Und der überdurchschnittlich hohe Ausländeranteil birgt die Gefahr, dass sich ein Teil der Zuzügler allen Integrationsangeboten widersetzt. „Das fängt damit an, dass wir hier auf gravierende Sprachprobleme stoßen", erzählt Schmid. „Türkisch, arabisch, bulgarisch, rumänisch sind hier die Hauptsprachen. Aber zumindest die meisten Geschäftsinhaber können inzwischen Deutsch."

Die beiden Beamten haben ihre tägliche Tour durch das Viertel beendet und stehen wieder vor ihrem Büro in der Eisenbahnstraße 49. Leere Plastiktüten wehen vorbei, am Straßenrand liegt eine benutzte Spritze. „Das Viertel wird sich zum Positiven verändern, daran glauben wir", sind sie optimistisch. „Studenten ziehen hierher und viele Künstler, die das Gesicht des Stadtteils mit prägen werden."

Dann machen die drei Bürgerpolizisten Feierabend. Wie jeden Tag packen sie ihre Bürotechnik zusammen. Über Nacht bleiben Laptop und Drucker nicht im Büro. Sicherheitshalber.

Reportage aus dem LVZ sonntag, September 2014

Frank Döring

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