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Lokales Aufnahmen aus dem dritten Stock: Der West-Besuch, der den 9. Oktober filmte
Leipzig Lokales Aufnahmen aus dem dritten Stock: Der West-Besuch, der den 9. Oktober filmte
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21:09 09.10.2013

Die von Wolfgang Rupprecht.

Er hatte so eine Ahnung, ausgelöst durch westdeutsche Medienberichte über den 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989. Und in dieser seiner Ahnung ließ er sich durch nichts und niemanden beirren. Diese Ahnung kündete von Veränderung. Vom Aufbegehren der Bevölkerung in jenem Teil Deutschlands, in dem Wolfgang Rupprecht 1951 geboren worden war. Und den er im November 1960 verlassen hatte. Zusammen mit seinen Eltern, die das Leben im Sozialismus nicht länger ertragen wollten.

Doch der Kontakt zur Verwandtschaft auf der anderen Seite der Mauer riss nie ab. Auch nicht, als Wolfgang Rupprecht im nordrhein-westfälischen Siegen längst ein gestandener Mann war. Ab 1982 zog es ihn regelmäßig mindestens zweimal im Jahr nach Leipzig, in seine Heimatstadt. "Zur Messe im Herbst '89 wollte ich wieder hin. Ich hatte bereits die Einreisegenehmigung für meine Familie. Alles war geplant. Doch dann stellte sich heraus, dass mein Stiefbruder, den ich besuchen wollte, um diese Zeit zu einem Lehreraustausch nach Ungarn musste.

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Also beschlossen wir, die Reise abzusagen. Bis ich die Berichte über den 40. Republik-Geburtstag, über die ersten öffentlichen Protestaktionen sah. Ich hatte das Gefühl, dass in diesen Tagen Geschichte geschrieben wird", erzählt der heute 62-Jährige und lässt seinen Blick über den Tröndlinring schweifen. "Das durfte ich mir nicht entgehen lassen." Da Ehefrau Ingrid für eine derart spontane Aktion nicht zu gewinnen war, stieg Rupprecht mit seinem damals zehnjährigen Sohn Manuel ins Auto. Im Gepäck: die Videokamera Marke Panasonic. Um zu dokumentieren und zu informieren. ",Öffentlichkeit ist wichtig', habe ich mir seinerzeit gedacht."

Die Kamera sollte am 9. Oktober zum Einsatz kommen. Die Mutter des Stiefbruders wohnte in einem der Blocks am Brühl, die vor nicht allzu langer Zeit den Höfen weichen mussten. In der dritten Etage richtete der Besuch aus dem Westen die Technik in Richtung Hauptbahnhof aus, überklebte das Rotlicht der Kamera, weil er auf dem Parkplatz vor dem Haus vier Männer entdeckt hatte, die er für Mitarbeiter der Staatssicherheit hielt. Dann näherte sich der Demonstrationszug. "Keine Gewalt" und "Erich, mach die Augen auf" schallte es über den Bahnhofsvorplatz. Höhe Astoria setzte rhythmisches Klatschen ein, begleitet von "Gorbi, Gorbi"-Rufen, die in "Wir sind das Volk" und "Freiheit" mündeten. Noch heute bekommt Rupprecht in Erinnerung an diese Szenen Gänsehaut. "In diesem Moment war mir klar: Die DDR ist am Ende."

Aus Sorge, die Grenzkontrollen könnten zu gründlich ausfallen, kehrten er und der Filius erst am 11. Oktober nach Siegen zurück. Über Kontakte zum WDR landeten Rupprecht und das Bildmaterial tags darauf in der von Christine Westermann und Frank Plasberg moderierten Sendung "Die aktuelle Stunde". "Ich hatte mein Ziel erreicht, der Westen wusste nun Bescheid, was an diesem bedeutenden Tag in Leipzig passiert war."

Seit knapp einem Jahr ist die Stadt, die er vor 24 Jahren ansteuerte, um Geschichte mitzuerleben, wieder Rupprechts Heimat. Er und seine Frau pflegen in einer Wohnung der Genos- senschaft Kontakt in Heiterblick seine 95-jährige, schwerstbehinderte Mutter. Es war Dora Wagners inniglicher Wunsch, irgendwann einmal nach Leipzig zurückzukehren. Jetzt ist sie wieder da - und vermag sich ob ihrer Demenz nicht zu orientieren. Dennoch schwärmen die Rupprechts von ihrem neuen Zuhause, von der Umgebung, dem Clara-Park, den Seen, von den Möglichkeiten, auch mit bewegungseingeschränkten Menschen etwas unternehmen zu können.

Nur die politische Lage des Landes sieht der gelernte Kaufmann Rupprecht mitunter sehr kritisch. Erste schwere Fehler seien bald nach der Wende gemacht worden, findet er, und nennt die Treuhandanstalt "die größte kriminelle Vereinigung nach 1945 auf deutschem Boden" und die Einigungsvertrag-Formel "Rückgabe vor Entschädigung" einen "dramatischen Fehler". "Ein wirklicher Neuanfang wurde jedenfalls verpasst. Die sozialen Ungerechtigkeiten des Westens sind einfach in den Osten transferiert worden und haben hier besonders viele Opfer gefordert", moniert der Mann, der nach 25 Jahren Mitgliedschaft wegen der Agenda-2010-Politik von "Gas-Gerd" - so nennt Rupprecht Gerhard Schröder - aus der SPD austrat. Vieles von dem, was in der DDR durchaus funktioniert habe, etwa die Kinderbetreuung oder das Gesundheitssystem, sei zunächst mit Füßen getreten worden, um es Jahre später vollmundig, wenn auch anders verpackt, wiederzubeleben.

Was die Rupprechts bis auf den heutigen Tag schockt, ist das Desinteresse vieler Landsleute von drüben am Leben der Menschen in Sachsen oder Thüringen. "Es gibt nach wie vor Leute in meiner alten Firma, die waren noch nie in Ostdeutschland", sagt Ex-Wessi Ingrid Rupprecht enttäuscht.

Ausschnitte des Videos von Wolfgang Rupprecht bei www.lvz-online.de/video

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.10.2013

Dominic Welters

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