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Lokales Aus Patenschaft wird Freundschaft
Leipzig Lokales Aus Patenschaft wird Freundschaft
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09:01 26.08.2018
Handschlag unter Freunden: Helmut Thieme und Hakan Aslan haben sich durch eine Patenschaft kennen und schätzen gelernt. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Heute: Helmut Thieme, der sich im Patenprogramm „Ankommen in Leipzig. Paten für Flüchtlinge“ der Johanniter engagiert.

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Bilderbuchgeschichten zum Thema gehen ungefähr so: Ein Geflüchteter landet in Leipzig; schnell lernt er die deutsche Sprache, kann vom Asylbewerberheim in eine eigene Wohnung umziehen, bekommt einen Job und ist maximal integriert. Solche Verläufe mag es geben – in der Regel lässt die Realität wenig Fläche für so viel Weichzeichnung. So wie bei Hakan Aslan*. Der 34-Jährige kam im Dezember 2015 in Leipzig an. In den gut zweieinhalb Jahren auf deutschem Boden ist das Leben anders verlaufen, als es sich der junge Türke erhofft hat.

Bis heute hat Aslan keine Wohnung

Nach Aufenthalten in der Erstaufnahme in Chemnitz und in Halle ging es in ein Heim nach Leipzig. Bis heute ist es bei der Gemeinschaftsunterkunft als Adresse geblieben, weil er noch keine Wohnung gefunden hat. Man muss kein Sozio- oder Psychologe sein, um zu wissen, dass ein kasernenartiges Leben ohne Zugang zur Zivilgesellschaft einer Stadt weder die Integration noch das Seelenleben begünstigt. „Die Zustände im Heim sind für mich schwer zu ertragen“, sagt Aslan. Er spricht von Problemen in der Kommunikation wegen babylonischer Sprachdifferenzen zwischen den Nationalitäten, über die schlechten hygienischen Zustände.

Mit einem Visum in der Tasche hatte er seine Heimat verlassen, in der er unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr leben kann: Wegen seiner kritischen Haltung über die Politik von Machthaber Erdogan drohten Aslan Verfolgung und Inhaftierung. „Ich habe keinen Ausweg gesehen, als das Land zu verlassen“, sagt der zurückhaltende Mann.

Der Flüchtlingsrat half

Eine ganze Weile vegetierte der Türke, der in seiner Heimat Finanzökonomie studierte und zunächst bis 2020 eine Aufenthaltserlaubnis hat, auf dem Areal vor sich hin, wie so viele. Ohne Perspektive oder Beschäftigung schwinden auf Dauer Mut und Antrieb. Die Monotonie brach auf, als Aslan im Dezember 2016 den Kontakt zum Flüchtlingsrat Leipzig suchte, der ab 2014 zusammen mit der Stadt Leipzig das Patenschaftsprogramm „Ankommen in Leipzig. Paten für Flüchtlinge“ etablierte.

Das Team um Leiterin Sonja Brogiato wurde aktiv. Nur zwei Tage später gaben sich Hakan Aslan und Helmut Thieme zum ersten Mal die Hand. „Für mich war nach dem ersten Blick in die Augen klar: Das passt“, berichtet der 65-jährige Leipziger. Bei einem anschließenden Spaziergang ergab sich die erste, sprachbedingt noch holprige Unterhaltung – und die Verabredung für ein weiteres Treffen.

Mit den Pragraphen sind Flüchtlinge überfordert

Seitdem hat Thieme – freiberuflicher Supervisor, Mediator und Moderator – Aslan auf zahlreichen Gängen zu Ämtern begleitet und für ihn auf behördliche Schreiben reagiert, deren Paragraphen-Gedrechsel auch Deutschen Rätsel aufgibt. Ein Dschungel aus Regeln, Gesetzen, Vorschriften und Fristen – „logisch, dass Flüchtlinge damit überfordert sind“, sagt Thieme, „übrigens ist man auch auf den Ämtern froh, wenn die Kommunikation durch einen Begleiter erleichtert wird.“

Noch immer ist Aslans Deutsch bedingt alltagstauglich, gelegentlich muss Englisch helfen, wenn das Vokabular schwächelt. „Ich bin kein Sprachtalent und brauche mehr Zeit als andere“, bekennt der 34-Jährige. Die andere Hürde: Trotz vieler Anläufe findet er keine Wohnung. „Die finanzierbaren Angebote sind rar“, weiß Thieme, der ihn bei der Suche unterstützt, „auch reagieren manche Vermieter distanziert auf die Information, dass der Interessent kein Deutscher ist.“

Aslan liebt klassische Musik und die Natur

Längst beschränkt sich die Verbindung der beiden nicht mehr auf der Bewältigung von Organisatorischem. „Mit der Zeit und dem wachsenden Vertrauen ist eine Freundschaft entstanden“, erzählt Thieme. Mit dieser sachlich-unaufgeregten und gleichsam empathischen Art ist er ein Glücksfall für Aslan. „Ich bin sehr dankbar für den Kontakt mit Helmut“, betont der Türke, der klassische Musik liebt und die Natur. Gemeinsam haben die zwei Ausflüge beispielsweise in die Sächsische Schweiz gemacht, Motetten in der Thomaskirche oder Konzerte im Gewandhaus besucht – auch dank der Johanniter-Akademie, die im Patenschaftsprogramm mit Partnern aus Kultur und Sport kooperieren und Freikarten für Veranstaltungen vermitteln**.

2017 übernahm die Organisation vom insolventen Flüchtlingsrat die Beratungsstelle und die Integrationsarbeit – und damit auch „Ankommen in Leipzig“. Natürlich entstehen bei der Zusammenführung von Leipzigern mit Geflüchteten nicht nur Erfolgsgeschichten. „Wie bei allen Begegnungen kann es sein, dass über die kurz oder lang die Chemie nicht stimmt“, erzählt Integrationsmittlerin Christin Jurgeit, „doch die vielen positiven Erfahrungen zeigen, dass sich das Projekt lohnt.“

Bereitschaft für Patenschaften schrumpft

Das Interesse an den Patenschaften verhält sich analog zur veränderten Stimmungslage im Land. Der Willkommens-Überschwang von 2015 und 2016 ist passé, das Thema Flüchtlinge zieht einen Riss durch die Gesellschaft, das Engagement schrumpft. Wurden 2016 rund 400 Patenschaften verzeichnet, sind es im laufenden Jahr bislang 90. Insgesamt stehen dennoch seit 2014 über 900 Patenschaften zu Buche. „Wir wünschen uns sehr, dass die Offenheit für ,Ankommen in Leipzig’ wieder wächst“, so Jurgeit, die sich mit Anas Kazkaz, Florian Tobis und Antje Zajonz drei Arbeitsstellen teilt.

Wie hilfreich eine Patenschaft sein kann, zeigt das Schicksal Hakan Aslans, dessen Entwicklung langsamer verläuft, als es die eigene Erwartung und die öffentliche vorgeben. Der Heimweh hat – nach Eltern, Schwester, Bruder. Der das ständige Grübeln überwinden möchte. Der weiß, „dass ich noch kein Teil dieser Gesellschaft bin“. Und gerade weil er keiner der gern dokumentierten „Vorzeige-Flüchtlinge“ ist, ist diese Patenschaft mit Helmut Thieme so bedeutsam. Übrigens keinesfalls einseitig, wie der Deutsche unterstreicht: „Ich habe in Hakan einen höflichen Menschen kennengelernt, der meine Sicht auf manche Dinge erweitert. Ihm sind Werte wie Respekt sehr wichtig – das findet man seltener als früher.“

Auf Thiemes Website steht eine Maxime: „Verborgene Energien erkennen und positiv aufladen“. Entsprechend geht Aslan mit seiner Hilfe die Zukunft an: Sobald Ende August der zweite Deutschkurs absolviert ist, gilt alle Kraft der Wohnungssuche.

Patenschafts-Interessenten sollten mindestens 18 Jahre alt sein. Benötigt wird ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis ohne Eintragung; Vorlagen zur kostenfreien Beantragung gibt’s im Büro in der Johanniter-Akademie (Prager Straße 38). Weitere Informationen unter der E-Mail-Adresse integrationspaten.akademie@johanniter.de oder via Telefon 0341 30853510.

Von Mark Daniel

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