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Ausnahmezustand in Leutzsch: Vor 20 Jahren wurde in Leipzig ein Hooligan erschossen

Ausnahmezustand in Leutzsch: Vor 20 Jahren wurde in Leipzig ein Hooligan erschossen

Er gilt als schwärzester Tag des ostdeutschen Fußballs. Am 3. November 1990 wurde der 18-jährige Berliner Fußball-Fan Mike Polley vor den Toren des Leutzscher Alfred-Kunze-Sportparks erschossen.

Leipzig. Er gilt als schwärzester Tag des ostdeutschen Fußballs. Am 3. November 1990 wurde der 18-jährige Berliner Fußball-Fan Mike Polley vor den Toren des Leutzscher Alfred-Kunze-Sportparks erschossen. Hunderte Berliner Fans, darunter auch zahlreiche gewaltbereite Hooligans, hatten zuvor versucht, ins Stadion zu gelangen, um das Spiel des FC Berlin gegen den FC Sachsen Leipzig sehen zu können. Sie wurden von der Polizei mit Knüppeln und Tränengas zurückgedrängt. In der Nähe des Leutzscher Bahnhofs flogen dann Steine auf die Polizei, die daraufhin von der Schusswaffe Gebrauch machte.

„Ich stand direkt neben Mike, als er getroffen wurde“, erzählt Michael Heinisch. Der heute 46-Jährige begleitete die Berliner Fußballfans an jenem Samstag im November als Streetworker in die Messestadt. „Ich bin immer noch total traurig darüber, was passiert ist und danke Gott, dass ich damals heil davon gekommen bin.“ Man sei friedlich den Weg entlang vom Leutzscher Bahnhof in Richtung Stadion gelaufen und zeigte den wartenden Polizisten die gültigen Eintrittskarten, sagt Heinisch. „Doch plötzlich begannen die uns niederzuknüppeln und wir flüchteten zurück in Richtung Bahnhof – wir wollten nur noch nach Hause“, behauptet der heutige Sozialdiakon und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Stadtteil Lichtenberg.

Andere Quellen, wie der damalige Bericht des Polizeioberrats Karl-Heinz Krompholz, sprachen von einer Notlage, in die Einsatzkräfte durch gewaltbereite Fußballfans gelangt seien. Umzingelt von Hunderten Hooligans sei der Schießbefehl erteilt worden, sagte Kompholz im November 1990. Insgesamt fünf Personen wurden durch die Kugeln verletzt. Mike Polley wollte sich offenbar zu einem getroffenen Freund herunterbeugen, als ihn eine Kugel direkt ins Herz traf. Der 18-Jährige  starb noch direkt am Unglücksort.

„Wir waren alle sehr aufgeregt und wussten nicht, dass die meisten Polizisten keine Erfahrung mit solch einer Situation hatten“, sagt  Heinisch und fügt an: „Vielleicht hätten viele von uns anders reagiert.“ Heinisch meint den Groll, der sich auf die hoffnungslos unterbesetzte und in Umstrukturierung befindliche Staatsmacht entlud. Die Polizei verfügte an diesem Tag zum Teil nicht einmal über funktionierende Funkgeräte und Schutzkleidung.

Es sei eine verrückte Zeit des gesellschaftlichen Zusammenbruchs gewesen, meint Heinisch. Trotzdem ist er bis heute darüber enttäuscht, dass niemand für die Todesschüsse zur Verantwortung gezogen wurde. „Es ist überhaupt nichts aufgeklärt worden. Ich wurde zwar als Zeuge befragt, aber es gab damals offenbar auch einen Schulterschluss zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft“, sagte Heinisch gegenüber LVZ-Online.

Angesichts der Zerstörungen, die ein Teil der Hooligans nach den Schüssen in Leutzsch in der Leipziger Innenstadt anrichteten, mag der fehlende breite Protest gegen die unzureichende Aufklärung der Todesumstände von Mike Polle erklärbar sein. Über 30, zum Teil schwer demolierte Geschäfte – darunter auch das Konsument-Kaufhaus in der Blechbüchse sowie zahlreiche ausgebrannte Fahrzeuge wurden damals von der Polizei protokolliert. Bis heute gilt der Ausnahmezustand am 3. November in Leipzig als eine der schwersten Ausschreitungen, die es in Zusammenhang mit Fußballspielen gegeben hat.

Michael Heinisch hat noch heute beruflich mit Berliner Fußballfans zutun, wenn auch nur gelegentlich. Er betreut als Sozialdiakon Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien in Berlin-Lichtenberg und Treptow-Köpenick. Spiele des heutigen Oberligisten BFC Dynamo besucht er jedoch nicht mehr, auch zu einem der seit Jahren durch Fans des Vereins organisierten Gedenkturniere für Mike Polley war er nicht. Michael Heinisch geht überhaupt nicht mehr zum Fußball.

Matthias Puppe

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