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Lokales Ausstellung über November-Pogrome in Sachsen
Leipzig Lokales Ausstellung über November-Pogrome in Sachsen
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22:01 05.10.2018
Vor der Eröffnung: Anja Lippe vom Ariowitsch-Haus, Johanna Sänger (Stadtgeschichtliches Museum) und Daniel Ristau in der Ausstellung „Bruch-Stücke“ (v. l.). Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Es sind nicht nur die Bilder, es sind auch Geschichten und Hintergründe zu den Pogromnächten anno 1938, die Historiker Daniel Ristau zu erzählen weiß. Zum Beispiel diesen so genannten Flüsterwitz über Vater und Sohn, die in einem Leipziger Restaurant sitzen. Der Sohn fragt: „Papa, wer hat das Kaufhaus Bamberger & Hertz eigentlich angezündet?“ – „Ess!“ entgegnet nur der Vater. Der Sohn insistiert und fragt noch mal. Der Vater weist erneut auf den Teller und sagt: „Ess-ess!“

Selbst die grausamsten Zeiten gebären einen Humor, der entlarvend ist. Für Täter wie für Opfer. Die Nazis wüteten mehr oder weniger verhohlen, die Bürger ließen es geschehen. Die Ausstellung „Bruch-Stücke“, die am Sonntag im Ariowitsch-Haus eröffnet wird, wirft ein erhellendes und intensives Licht auf die Pogrome vom 9. bis 11. November in Sachsen.

Die Besonderheit der Ausstellung „Bruch-Stücke“: Es werden lokale Details zu den Pogrom-Nächten 1938 in Sachsen dokumentiert. Die Schau läuft bis Jahresende.

80 Jahre nach den Gewaltmaßnahmen, die sich durch das gesamte Land zogen, könnte man meinen, alles sei hinreichend aufgearbeitet worden. „Bruch-Stücke“ zeigen, dass das zumindest in Sachsen längst nicht der Fall ist. Schon seit 2015 beschäftigt sich Daniel Ristau (38) mit den Pogrom-Ereignissen im Freistaat. 2017 kam es zur Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig – und der Idee, eine Ausstellung aus dem Material zu kreieren mit dem seltenen Zusatz „multilokal“.

Dahinter steckt das Konzept, je nach Ausstellungsort die dokumentarischen Schwerpunkte zu variieren: Die am Freitag in Chemnitz eröffnete Schau legt den Fokus auf die eigene Stadt und das Umland; die Ausstellungen in Leipzig und – ab Montag – in Dresden sind jeweils anders gewichtet. Die Besonderheiten, die alle eint: Das Material zeichnet lokale Geschehnisse nach – nicht nur rund um die Opfer, sondern auch um die Täter, die Mitläufer, die Gegner. Für die Umsetzung der Pogrome in Leipzig war Ernst Wettengel zuständig. Er nahm die Anweisung der Gauleitung in Dresden entgegen. Mit der Brandschatzung der jüdischen Einrichtungen beauftragte er den Führer der SA-Motorstandarte, Kurt Kießling.

Erniedrigungen und Gewalt

Ristau geht es darum, die von den Nazis so genannte „Reichskristallnacht“ nicht auf das Zerstören der Synagogen zu reduzieren, sondern auch die brutale Verfolgung und Erniedrigung der jüdischen Bürger zu dokumentieren. Welch ein Zynismus der Historie – mit Blick auf 1989 – dass in den sächsischen Tageszeitungen der 9. November zum „Wendetag“ in der jüngeren deutschen Geschichte stilisiert wurde, nämlich als Gedenktag der nationalsozialistischen Bewegung.

Die Leipziger Version von „Bruch-Stücke“ zeigt bisher nicht öffentlich ausgestellte Aufnahmen wie die von Fritz (Heinze (1904-1958), der einen Familienausflug als Vorwand nutzte, um die zerstörten Gebäude des Neuen Israelitischen Friedhofs trotz Verbots zu fotografieren.

Auch für Schulklassen interessant

Konsequenterweise wandert die Schau auch in die kleineren sächsischen Orte, in denen Ristau durch Ansässige an historisches Material kam, an eine seltene Aufnahme der Pogromnächste in Borna beispielsweise. „Wir möchten auch Schulklassen und Vereine für ,Bruch-Stücke’ interessieren“, betont Johanna Sänger vom Stadtgeschichtlichen Museum. „Auch durchaus als Mahnung angesichts des wieder wachsenden Rassismus und Antisemitismus im Land.“

Die Recherche ist mit diesem Projekt noch lange nicht abgeschlossen, so Historiker Daniel Ristau. Für jeden Hinweis, jedes Foto oder Dokument ist er dankbar.

Eröffnung am Sonntag um 17 Uhr, Ariowitsch-Haus; zu sehen bis Jahresende, geöffnet Montag bis Donnerstag von 9-17 Uhr und sonntags zu Veranstaltungen. Infos auf www.bruchstuecke1938.de. Das Buch „Bruch-Stücke“ ist bei Hentrich & Hentrich erschienen (176 Seiten, 17.90 Euro).

Von Mark Daniel

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