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Lokales Leipziger Auwald kommt an den Tropf
Leipzig Lokales Leipziger Auwald kommt an den Tropf
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07:03 08.09.2018
16 Kilometer Fließgewässer sollen neu angelegt werden und dem nördlichen Auwald Wasser zuführen. Projektleiter Jens Riedel, Carolin Seele von der Uni Leipzig und Maria Vlaik (von rechts) vom Nabu Sachsen, hier am Burgauenbach. Quelle: Jörg ter Vehn
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Leipzig

Der Auwald im Nordwesten der Stadt krankt. Wassermangel macht ihm seit Jahrzehnten zu schaffen, führt zu Veränderungen seiner Baumartenstruktur. Ein Team aus Naturschützern, Forschern und Verwaltungsfachleuten will den Auwald mit dem bundesweit einzigartigen Projekt „Lebendige Luppe“ nun an den Tropf legen.

Malerisch mäanderte südlich der Weißen Elster auch die Luppe jahrhundertelang durch Leipzigs Nordwesten. In den Gebieten ringsum, die häufig überschwemmt wurden, entstanden wertvolle Hartholzauen. In den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts begann das Dilemma mit dem Bau der Neuen Luppe. „Damals sollte vor allem das Hochwasser und das Siedlungsabwasser schnell aus Leipzig wieder raus“, erläutert Jens Riedel den Hintergrund. Die Planer schnitten die Neue Luppe durchs Gelände – „drei bis vier Meter tiefer als das umliegende Land“, sagt der Projektleiter der „Lebendigen Luppe“.

Viel zu tief: Luppe und Nahle (Foto) entziehen dem Auwald das Wasser. Quelle: Mathias Orbeck

„Schnell weg“ wirkte. Aber die Folgen für die Natur verschlimmerten sich Jahr um Jahr. Untersuchungen belegen, dass der Fluss wie ein Absenktrichter das Grundwasser des Waldes abführt. „Am schlimmsten ist es am Zusammenfluss von Neuer Luppe und Nahle“, so Riedel.

Die Drainage hat dazu geführt, dass das Grundwasser in normalen Jahren im Auwald erst ab etwa zwei Metern unter der Oberfläche beginnt. „Aktuell liegt es wegen der langen Dürre sogar tiefer als drei Meter“, ergänzt Carolin Seele. Die Biologin gehört zum achtköpfigen Team aus Wissenschaftlern der Uni Leipzig und des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (Ufz), das die Pläne zur Wiedervernässung des Auwaldes begleitet.

Denn das langsame Austrocknen der Nordwestaue soll nicht hingenommen werden. Schon jetzt sind die Veränderungen zu spüren. So habe etwa der Ahornbestand stark zugenommen, erklärt Seele. Diese auwalduntypische Baumart ist wesentlich überflutungsempfindlicher als etwa Eichen, die wochenlang kein Problem mit „nassen Füßen“ haben. Ahorne sterben bereits nach kurzer Zeit ab. Eichen gelten zudem als Heimat von viel mehr Arten als Ahorne, sind also auch besser für die Artenvielfalt. Bekanntlich versucht die Stadt Leipzig deshalb seit Jahren, bei jeder Möglichkeit vor allem Eichen nachzupflanzen. Vorteil auch in trockenen Jahren: Ihre Wurzeln reichen tief in den Waldboden, saugen auch in dürren Jahren noch genug aus der Erde.

Die Grafik (Ausschnitt) zeigt schematisch den Lauf des künftigen Gewässers Quelle: Nabu Sachsen

Seit der Jahrtausendwende kursierten erste Pläne, dem Auwald wieder mehr Wasser zuzuführen. Studien folgten, aber immer fehlte das Geld, die Ideen auch zu konkretisieren. 2012 schließlich kam der Durchbruch: Die „Lebendige Luppe“ wurde als erstes sächsisches Projekt in die Förderliste des Bundesprogramms „Biologische Vielfalt“ des Bundesumweltministeriums aufgenommen. Gefördert wird es zudem durch den Naturschutzfonds der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt.

Seitdem wird untersucht, beobachtet, kartiert, geplant, werden Vorschläge entwickelt, verworfen, neue erarbeitet und wieder beraten. Absprachen mit zig Behörden sind nötig, Einflüsse hat das künftige Gewässer auf so ziemlich alles – bis zum Regenwassereinlauf. Denn Leipzig hat seine Infrastruktur seit den Dreißigerjahren auf die tiefergelegte Luppe abgestimmt. Die „Lebendige Luppe“ muss aber höher fließen. Mehr als drei Aktenschränke voller Unterlagen gebe es inzwischen, seufzt Riedel. So wurden etwa auf 60 Beobachtungsflächen die Baumbestände aufgenommen, um deren Entwicklung belegen zu können. „Seit dem Vorjahr sind wir mit der Kartierung durch“, sagt Seele. Das Eschentriebsterben werde gesondert erfasst, um Ergebnisse nicht zu verfälschen.

Um die Aue an den Tropf zu legen, seien viele Maßnahmen notwendig, die „Lebendige Luppe“ selbst sei nur ein Teil davon – allerdings der zunächst wirkungsvollste. Insgesamt sollen damit rund 16 Kilometer Fließgewässer neu angelegt werden. Das Eingriffsgebiet umfasse über 20 Quadratkilometer, sagt Riedel. „Es gibt kein anderes Vorhaben in dieser Größenordnung zur Auen-Revitalisierung im urbanen Raum in Deutschland“, betont er. Dabei sollen die Eingriffe in die Natur minimiert werden, weil alte Fließe und Senken genutzt und miteinander verbunden werden.

Naturnah: Der Burgauenbach, der bereits 1999 revitalisiert wurde. Quelle: Jörg ter Vehn

Wasser erhalten soll die „Lebendige Luppe“ von der Kleinen Luppe in Leutzsch. Die soll etwas angestaut werden, sodass im normalen Gefälle das Wasser durch das Wäldchen „Wilder Mann“, das Leutzscher Holz sowie unter der Gustav-Esche-Straße hindurch Richtung Burg-auenbach in den Auwald fließen kann. Parallel werde auch geprüft, nahe dem Auslassbauwerk der Nahle einen Abzweig zu schaffen. „Bei Niedrigwasser sind etwa 500 Liter pro Sekunde geplant, bei normalem Mittelwasser 1,5 bis zwei Kubikmeter pro Sekunde“, erläutert Riedel. Die „Lebendige Luppe“ werde damit schon ein ansehnliches Flüsschen werden. Etwa alle drei Jahre solle es zudem im Rahmen normaler Hochwasser Überflutungen in dem Gelände geben.

In den betroffenen Gebieten sei das Projekt bereits den Anwohnern vorgestellt worden. „In Kleinliebenau zum Beispiel haben gerade ältere Bewohner sich gefreut und es begrüßt, wenn der Auwald wieder feucht und wie früher wird“, sagt Riedel.

Im Vorjahr sei das Vorhaben bei einem Scopingtermin allen Behörden, Versorgern und Naturschutzverbänden präsentiert worden. Die dort erhaltenen Hinweise würden nun in die Pläne eingearbeitet. „Wir sind zuversichtlich, dass wir Mitte/Ende nächsten Jahres die Planfeststellung beantragen können“, so Riedel. Wegen des extrem komplexen Vorhabens rechnet er mit bis zu zwei Jahren Bearbeitungszeit der Landesdirektion Sachsen. Baustart könnte dann 2021/22 mit dem Bauwerk zur Wasserzufuhr sein. Das Geld dafür liege bereits bereit, die Maßnahme werde zu 75 Prozent vom Bund und der Landesstiftung gefördert, informiert der Projektleiter.

Wie ernst es der Stadt Leipzig mit dem Vorhaben ist, hat sie bereits unter Beweis gestellt. Im Sommer wurden drei Brücken zwischen Gundorf und Lützschena erneuert – breiter als nötig, angepasst an den neuen Fluss und Überschwemmungen.

Von Jörg ter Vehn

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