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Lokales Bahn lässt Leipzig-Pendler im Regen stehen
Leipzig Lokales Bahn lässt Leipzig-Pendler im Regen stehen
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08:12 06.07.2018
Der dachlose Bahnsteig 12/13 am halleschen Hauptbahnhof (ganz rechts). Erste Politiker fordern nun die Nachrüstung. Quelle: Jürgen-M. Schulter
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Halle/Leipzig

Die Deutsche Bahn (DB) investiert in die Sanierung und Modernisierung des halleschen Hauptbahnhofs samt des vorige Woche eröffneten neuen Güterbahnhofs bis Ende 2019 rund 750 Millionen Euro. Für eine Überdachung des Bahnsteigs 12/13 hat es jedoch nicht gereicht. Nicht nur ein Teil der täglich rund 15 000 Pendler zwischen Leipzig und Halle kommen hier an oder fahren von dort ab. Auch weitere Züge benutzen die beiden Bahnsteige. Zudem entwickelt sich die Saalestadt immer mehr zum ICE-Hotspot – die besonders schnellen ICE-Sprinter von Berlin nach München fahren nur über Halle, nicht über Leipzig.

Halles Bahnhofsmanagerin bringt Denkmalschutz-Aspekte als Grund für das Fehlen des Dachs ins Spiel. Die Landeskonservatorin widerspricht. Die Stadt Halle schiebt den Schwarzen Peter der Bahn zu. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert DB und Kommune scharf. Die Bahn sieht keine Notwendigkeit. Folge: Sollte der jetzige Status quo Bestand haben, werden vor allem Pendler weiterhin im Regen stehen. Nun will sich erstmals ein hallescher Politiker für die Nachrüstung einsetzen.

Die Bahnhofsmanagerin: Fairerweise muss gesagt werden, dass der betreffende Bahnsteig seit Menschengedenken dachlos daherkommt. Doch zahlreiche Hallenser verstehen nicht, dass bei solch einer Großinvestition nicht mal ein simples Bahnhofsdach einkalkuliert werden konnte. Einige wandten sich dazu ans Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Grund: Bahnhofsmanagerin Cornelia Kadatz hatte gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“ erklärt: „Das Dach ist denkmalgeschützt. Wir konnten es deshalb nicht erweitern.“

Die Landeskonservatorin: „Wir – das Landesamt wie auch die Untere Denkmalschutzbehörde bei der Stadt Halle – sind dazu nie befragt worden“, erklärt Landeskonservatorin Ulrike Wendland auf LVZ-Anfrage. Sie habe sich nach der Freigabe des sanierten Ostteils des Hauptbahnhofs auch schon gefragt, warum es kein Dach über dem östlichsten Bahnsteig gibt.

„Aus unserer Sicht wäre es ein Leichtes gewesen, dort ein Dach zu bauen“, so Wendland. Dabei seien aus ihrer Sicht viele Varianten möglich gewesen. Auch die nicht originalen Dächer über die aktuellen Bahnsteige 1 und 2 sowie einen Teil des Bahnsteigs 1 a seien seinerzeit mit dem Behördenvorgänger abgestimmt worden. „Analog hätte man auch den Bahnsteig 12/13 überdachen können“, so die Landeskonservatorin. Ebenso sei eine modernere Variante vorstellbar. Aus Sicht von Wendland handelt es sich „eindeutig um ein Planungsversäumnis“, das sie nicht weiter kommentieren wolle. „Bei einem der gigantischsten Projekte für Halle, das man sich denken kann, ist kaum vorstellbar, dass keiner daran gedacht hat.“

Der Dach-Experte: Damit liegt die Landeskonservatorin offenbar falsch. Ein Bahn-Mitarbeiter berichtet der LVZ unter der Hand, dass tatsächlich „damals einfach niemand danach gefragt“ hat. Also Schlamperei bei der Planung? „So kann man es nennen“, sagt er. Dabei wäre ein „stinknormales Dach“ angesichts der Gesamtausgaben ein Schnäppchen. Jörg Mielke, Bereichsleiter Systemdächer bei der international bekannten und auch auf (Bahnsteig-)Überdachungen spezialisierten Firma Hering Bau GmbH & Co. KG, schätzt auf LVZ-Anfrage die Komplettkosten für ein 50-Meter-Dach auf rund 300 000 Euro – das wären bei der Investitionssumme allein für den Hauptbahnhof von 550 Millionen Euro in etwa 0,05 Prozent.

Der Fahrgastverband: „Der Fahrgast spielt bei dieser Baumaßnahme keine Rolle“, kritisiert Carsten Schulze-Griesbach, Referent für den Raum Halle/Leipzig des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Solch einen kleinen Posten hätte man überhaupt nicht bemerkt, wenn er gleich eingeplant worden wäre. „Und jetzt will es die Bahn nicht wahrhaben, dass das Dach einfach vergessen wurde“, so Schulze-Griesbach, der selbst auf besagtem Bahnsteig schon im Regen stehen musste. Die ersatzweise „aufgestellten Blechhütten“ seien hingegen nicht nur ästhetisch im Zusammenspiel mit der historischen Bausubstanz eine Katastrophe, sondern auch völlig unpraktisch. Der 42-Jährige bezweifelt zudem, dass die Unterstände nur ansatzweise ausreichen. In anderen Ländern würde darüber diskutiert, dass ein Bahnsteigdach nicht für alle Waggons reicht, hier werde es weggelassen. Übrigens: Beim Umbau des Erfurter Hauptbahnhofs erhielten sämtliche Bahnsteige ein Dach.

Kritik kommt vom ehrenamtlichen Pro-Bahn-Mitarbeiter auch an der Stadt Halle: „Es fehlt am politischen Willen, sich ernsthaft um dieses Problem zu kümmern.“

Die Bahn: Auf Anfrage kommen zusammengefasst zwei ziemlich dürre Sätze: „Aus Betreibersicht und auch unter Berücksichtigung der von Reisenden vorliegenden Rückmeldungen ergibt sich keine Notwendigkeit eines Daches über Bahnsteig 12/13. Die Überdachung dieser Bahnsteige war somit auch zu keinem Zeitpunkt Bestandteil der Projektplanungen.“ Weitere Fragen blieben unbeantwortet.

Die Stadt Halle: „Es handelt sich um eine Unternehmensentscheidung der Deutschen Bahn, bitte richten Sie Ihre Anfrage zu etwaigen Plänen an die DB“, so die schmallippige Stellungnahme. Das Thema Überdachung des Bahnsteigs 12/13 sei im Vorfeld der Hauptbahnhof-Sanierung in Gesprächen mit der Bahn zu keiner Zeit angesprochen oder gefordert worden. Weitere Fragen blieben ebenso unbeantwortet.

Der Stadtratsvorsitzende: Der erste namhafte hallesche Politiker will sich nun für eine Nachrüstung einsetzen: „Da die Bedenken wegen möglicher Denkmalschutz-Auflagen ausgeräumt sind, sollte die Bahn schnellstmöglich reagieren und für eine Überdachung sorgen“, so Hendrik Lange. Der Zustand sei für Pendler und Bahnreisende unerträglich. „Meine Fraktion wird auf die anderen Fraktionen im Stadtrat zugehen, um sich mit einem gemeinsamen Antrag an die Bahn zu wenden“, so der Linken-Politiker. Zu prüfen wäre dabei auch, inwieweit die halleschen S-Bahn-Bahnsteige ohne Überdachung diese noch nachträglich erhalten könnten.

Von Martin Pelzl

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