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Barthels Hof: Goldene Schlange und himmelhohe Hofräume

Leipzigs Passagen-System Barthels Hof: Goldene Schlange und himmelhohe Hofräume

Für ihre glanzvollen Passagen sind Städte wie Paris und Mailand weltberühmt. Doch wohl nirgendwo gibt es ein so einzigartiges, weil geschlossenes System an Passagen wie in Leipzig. Das Flair der Innenstadt wird maßgeblich durch diese Besonderheit städtischer Architektur geprägt. Bemerkenswert dabei sind die verschiedenen historischen Formen, die erhalten geblieben sind. In einer Serie wurden in unregelmäßigen Abständen die wichtigsten vorgestellt. Heute im letzten Teil: Barthels Hof.

Barthels Hof.

Quelle: Leipzig report

Leipzig.

Es ist das Jahr 1523, als ein stattliches Haus an der Nordwestecke des Leipziger Marktes von modernen Zeiten kündet. Schönster Schmuck: Ein Sandsteinerker, der sich über zwei Stockwerke aufbaut – zeugen seine sich kreuzenden Rippen noch von gotischer Bauweise, zeigt das Laubgehänge eine neue Epoche an: Die Renaissance hält Einzug in Leipzig. Das Haus „im antikischen“ Stile wurde für Hieronymus Walther, Faktor und Teilhaber der Augsburger Kaufherren- und Bankiersfamilie der Welser, erbaut.

Deren Leipziger Faktorei sollte dem Warenhandel der Bank dienen sowie den Einfluss am Silberbergbau im böhmischen Kuttenberg (Kutná Hora) und den Chemnitzer Hüttenanlagen aufrechterhalten. Nüchtern betrachtet war Leipzigs ältester Renaissancebau also nur eine Handelsniederlassung – architekturgeschichtlich ein Fortschritt: bis um 1500 bestanden Leipziger Bürgerhäuser meistens aus Fachwerk – 100 Jahre später verschönerten über 30 Renaissancegebäude den Stadtkern.

Erster Renaissancebau der Stadt

Doch wer errichtete Leipzigs ersten Renaissancebau? Der Name des Architekten ist nicht überliefert. Da aber Leipziger kaum Erfahrungen mit dem neuen Baustil besaßen, wird vermutet, dass Walthers Schwiegersohn, Hans von Schönitz – hallescher Kaufmann und Baumeister –  mit seinem Renaissancepalast „Kühler Brunnen“ Anregungen zum Leipziger Bau gab. Dessen Erker schmückte nicht nur Familienwappen und Laubgehänge, sondern auch eine vergoldete Schlange und ein versteinertes Buch mit Inschriften in Latein, Griechisch und Hebräisch. Auch sie nehmen Bezug auf das Hauszeichen mit der Schlange.

So bezieht sich eine Inschrift auf jene Stelle im Alten Testament, wo die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste Sinai in das gelobte Land Kanaan beschrieben ist und das Volk seinen Mut verliert: Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt? Wozu die ganzen Mühen? Sterben hätten wir in Ägypten genauso gut können! Da fertigte Mose auf Gottes Befehl eine kupferne Schlange und hängte sie an einer Signalstange auf. Jeder, der gebissen wird, also dem lähmenden Sog der Angst ins Gesicht schaut, kann den Weg ins Land der Freiheit fortsetzen. Nützlich kann solch göttlicher Beistand auch bei wirtschaftlichen Unternehmungen sein: Über 200 Jahre war das Haus zwischen Markt und Hainstraße unter dem Namen „Zur goldenen Schlange“ bekannt.

Es ist das Jahr 1765, als ein junger Mann durch Leipzig schlendert. „Wie gut, dass ich hier bin!“, sagt sich der 16-jährige Wolfgang beim Anblick der mondänen Bürgerhäuser, kam der Student doch aus dem mittelalterlich verwinkelten Frankfurt mit seinem konservativen Bürgertum direkt in eine weltoffene Universitäts- und Messestadt, die ständig neue Bewohner anzog. Jahrzehnte später erinnert sich der längst berühmte Dichter: „Ganz nach meinem Sinn waren die mir ungeheuer erscheinenden Gebäude, die, nach zwei Straßen ihr Gesicht wendend, in großen, himmelhoch umbauten Hofräumen eine bürgerliche Welt umfassend, großen Burgen, ja Halbstädten ähnlich sind.“

Mächtig beeindruckend müssen die himmelhohen Hofräume gewesen sein, wenn einer, der so viel gesehen hat wie Goethe, sich in seiner Biografie „Aus meinem Leben“ an die frühen Jahre in Leipzig erinnert. Bewundern konnte man am Markt noch die prachtvollen barocken Durchgangshäuser Kochs und Aeckerleins Hof, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Noch ein weiterer Bau gehörte zu den ungeheuer erscheinenden Gebäuden, die nach zwei Straßen ihr Gesicht wenden: Barthels Hof – 1750 war der große barocke Neubau zwischen Markt, Hainstraße und Kleiner Fleischergasse vollendet; der Durchbruch zur Fleischergasse gelang durch den Ankauf zweier Nachbargrundstücke.

Das alte Walthersche Haus „Zur goldenen Schlange“ gliederte sich in den neuen Mehrzweckbau mit seiner platzartigen Erweiterung ein. Vermutet wurde, dass der Umbau durch Friedrich Seltendorff erfolgte – doch der Architekturhistoriker Wolfgang Hocquél wies nach, dass George Werner „Barthels Hof“ erbaute. „Der Stadthauptmann und Kaufmann Gottlieb Barthel handelte mit Farben und Kolonialwaren. Während der Messen diente der Hof Kaufleuten aus aller Welt als Verkaufsniederlage, als Empfangs- und Wohnquartier“, schreibt Geschichtskenner Werner Starke.

Im Erdgeschoss befanden sich Kaufkammern, Messegewölbe, Ställe und Wirtschaftsgebäude; in den Obergeschossen gab es über 200 Räume mit Wohnungen, Kontoren und sogar Festsäle. Weitläufige Magazine und Böden dienten im fünften und sechsten Stock als Speicher. Kranbalken an den Aufbauten der hohen Mansardendächer künden noch heute vom regen Warenverkehr. Barthels Hof – eine Stadt in der Stadt mit Käufern, Verkäufern, Schreibern, Geldwechslern, Aufsehern, Schaulustigen und Feiernden; wurden doch in „Barthels Weinschänke“ die vollbrachten Messegeschäfte begossen. Auch der junge Goethe soll hier Gast gewesen sein.

Älteste Bürgerhausfassade

Und noch ein Umbau: Zwischen 1870/1871 wurde die Fassade von Bruno Leopold Grimm im neobarocken Stil gestaltet. Nun gab es auch eine geräumige Durchfahrt, wie es sich für ein Leipziger Handelshaus gehört. Aber wo ist der Erker? ­ – werden sich die Leipziger verwundert gefragt haben. Bitte einmal durch die Passage lautete vielleicht der Tipp und Kopf hoch: Der historisch wertvolle Erker des Hauses „Zur goldenen Schlange“ aus dem Jahre 1523 – das älteste erhaltene Fragment einer Leipziger Bürgerhausfassade – war nun auf der Hofseite zu bewundern.

Mit dem Wandel von der Warenmesse zur Musterschau verebbte das Leben in vielen Höfen der Innenstadt: Warenstapel, Waagen und Warentransport spielten nun keine Rolle mehr. Doch Barthels Hof machte eine Ausnahme: Zur Herbstmesse 1918 führten 350 Aussteller Baustoffe, Bauhilfsmittel und Baumaschinen vor. Zehn Jahre später ging Barthels Hof sogar auf Sendung: Kurz vor der Herbstmesse 1928 etablierte sich die Mitteldeutsche Rundfunk AG auf zwei Etagen in dem Bau –  als Mirag-Haus wurde der Rundfunksender Leipzig eröffnet; selbstverständlich mit exklusiven Berichten vom Messetreiben. Nach Bombenschäden im Dach war Schluss mit dem Funkhaus im Handelshaus.

Mit Handel und Wandel blieb Barthels Hof weiter verbunden: Fast zwei Jahrzehnte, von 1946 bis 1965, war er Hauptsitz des Leipziger Messeamtes. Über 30 Jahre gingen Bücherfreunde in dem traditionsreichen Haus ein und aus – die Stadtbibliothek hatte in dem immer mehr verfallendem Bau ihr Domizil.

Neuer Glanz sollte dem messegeschichtlich bedeutendsten Gebäude Leipzigs Mitte der 1980er-Jahre verliehen werden. Eine schwierige Aufgabe: „Es gibt keinerlei alte Dokumentationen mehr zum Barthels Hof. Auch stellte sich der Verschleißgrad der Bausubstanz als wesentlich größer heraus, als das ursprüngliche Zustandsbewertungen auswiesen“, stellte der damalige Direktor des Hauptauftraggebers Wohn- und Gesellschaftsbauten fest. Drei Jahre später waren immerhin die Geschosse in Richtung Kaffeebaum fertig.

Nach der Wende wurde der Leipziger Immobilienkuchen neu aufgeteilt: Der später gescheiterte „Baulöwe“ Jürgen Schneider hatte die Grundstücke Barthels Hof und Webers Hof 1992 gekauft und hinterließ eine Investruine. Kurz darauf übernahm der neue Bauherr, die Barthels Hof GmbH, bestehend aus Gläubigerbanken, das Ruder und die rund 100 Millionen Mark Rekonstruktionskosten.

Bierbrauerei bereits seit 1497

Viel zu tun für Handwerker, Denkmalpfleger und Architekten: „Bauteile wurden rekonstruiert und nach historischem Vorbild wieder gefertigt“, berichtet Norbert Hippler, heutiger Geschäftsführer der Leipziger Niederlassung des ausführenden Architekturbüros Rhode, Kellermann, Wawrowsky (RKW). Auch der von der Gotik beeinflusste, prächtige Renaissance-Erker mit der goldenen Schlange, bekam seine alte Pracht zurück. Im Innenbereich bezog sich die Sanierung vor allem auf die Treppenhäuser und die Stuckdecken aus dem 19. Jahrhundert. Hoch oben, in den Dachgeschossen, wo zu Messezeiten Waren lagerten, laden heute moderne Wohnungen zum Leben mitten in der Stadt.

In den unteren Geschossen befinden sich Praxen, Kanzleien sowie Agenturen in Räumen von 80 bis 540 Quadratmetern Größe. Gut passt der Lehmstedt-Verlag in den jahrhundertealten Bau; bewahrt das Medienunternehmen doch Geschichte und Geschichten vor dem Vergessen. Der Gegenwart und Historie widmet sich auch das Theater Fact mit seinen Stücken. Wer möchte, kann auch selbst auf Entdeckungsreise gehen und in den hinteren Geschäften des Innenhofs die Kreuzgewölbebögen der historischen Kaufkammern entdecken. Noch tiefer in die Geschichte taucht man im Untergeschoss des Restaurants „Barthels Hof“ ein: Dort, im Zechgewölbe – der ältesten der drei ehemals separaten Gaststätten – braute der erste Besitzer des Hauses, Hans Tollhardt, bereits um 1497 Bier. Hier zechte man damals unter Tonnengewölbe und speist auch heute noch unter historischem Gemäuer.

Und Barthels Hof, mit „seinen Halbstädten ähnlichen, himmelhoch umbauten Hofräumen“, der letzte erhaltene typische Handelshof aus den Zeiten der Warenmesse, bleibt einzigartig: Kaum ein Bau ist so eng mit Leipzigs wechselvoller Handelsgeschichte verbunden.

Von Ingrid Hildebrandt

Leipzig Barthels Hof 51.3411653 12.373293
Leipzig Barthels Hof
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