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"Beeindruckendes Interesse": Historikerin Rena Molho zur Jüdischen Woche in Leipzig

"Beeindruckendes Interesse": Historikerin Rena Molho zur Jüdischen Woche in Leipzig

Die Aufarbeitung des Holocaust muss vor allem der Jugend nahe gebracht werden. Das sagt Rena Molho, Professorin für die Geschichte der griechischen Juden an der Universität Thessaloniki, und Gastrednerin im Rahmen der Jüdischen Woche in Leipzig.

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Prof. Rena Molha

Quelle: Wolfgang Zeyen

Frage: Was sind Ihre bisherigen Eindrücke von der Jüdischen Woche in Leipzig?

Rena Molho: Sowohl Themenangebote als auch Zuspruch sind beeindruckend. Offensichtlich ist das Interesse an den Themen des jüdischen Lebens sehr groß. Mein Versuch etwa, eine Veranstaltung im Ariowitsch-Haus zu besuchen, scheiterte - es gab schlicht keinen einzigen Platz mehr. Andererseits gibt es noch erhebliche Wissenslücken. Bei meinem gestrigen Vortrag an einer Schule über die Juden Griechenlands stellte ich fest, dass nicht einmal die Lehrer über die historische Bedeutung der jüdischen Gemeinde Thessalonikis Bescheid wussten, obwohl hier bis zum Zweiten Weltkrieg die größte Gemeinde Europas beheimatet war. Auch über das Ausmaß der Vernichtung durch Hitlerdeutschland herrscht Unwissenheit. Veranstaltungen wie die Jüdische Woche sind deshalb gar nicht hoch genug zu bewerten, denn das Wissen über den Holocaust muss vor allem an die Jugend herangetragen werden. Sie bestimmt schließlich über die Zukunft.

Gibt es in Europa ähnliche Veranstaltungen wie hier in Leipzig?

Nein, so weit mir bekannt ist, werden ähnliche Wochen wie hier in Leipzig von der Kommune nicht organisiert, sondern wie etwa in Paris vom Memorial de Shoa. Das unterstreicht für mich die Bedeutung der Jüdischen Woche in Leipzig.

In Griechenland erleben wir im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise einen Aufstieg fremdenfeindlicher und antisemitischer Kräfte wie der faschistischen Partei Goldene Morgenröte. Wie groß ist die Gefahr für die Demokratie?

Sehr groß, und ich möchte in diesem Zusammenhang von der Schande Griechenlands sprechen. Die Erklärung für diesen Aufstieg liegt zum einen darin begründet, dass viele Griechen glauben, der Holocaust sei eine jüdische Angelegenheit. Zum anderen herrscht in Griechenland noch immer ein großes Schweigen über dieses Thema in den Bildungseinrichtungen - angefangen von der Grundschule, über Lyzeum, Gymnasium bis selbst hin zu den Hochschulen. Der deutsche Historiker Götz Aly spricht in diesem Zusammenhang von einer deutsch-griechischen Verschwörung des Schweigens mit dem Ziel, die Kollaboration von Deutschen und Griechen bei der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg auszublenden. Dabei sind die Fakten offensichtlich: Von den 80 000 griechischen Juden haben nur 5000 überlebt. Zwar haben viele griechische Christen Juden gerettet, aber die Mehrheit hat weggeschaut oder sogar mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht.

Thessaloniki ist historisch betrachtet für die Geschichte der europäischen Juden von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Wie wird die Stadtverwaltung dieser Tatsache heute gerecht?

Tatsächlich ist Thessaloniki über viele Jahrhunderte der bedeutendste Zufluchtsort vertriebener Juden gewesen. Leider zeugt heute nur sehr wenig davon. Ein riesiger kultureller Verlust entstand durch den Stadtbrand von 1917. Was dann noch übrig blieb, wurde von den deutschen Besatzern vernichtet. Leider haben nach dem Zweiten Weltkrieg griechische Unternehmen mit Erfolg die Rückgabe enteigneter Unternehmen an jüdische Rückkehrer, die den Holocaust überlebten, verhindert. Inzwischen kümmert sich die Stadtverwaltung sehr intensiv um das jüdische Erbe Thessalonikis. Es gibt zum Beispiel jedes Wochenende von der Stadt organisierte und finanzierte geführte Touren auf den Spuren des jüdischen Lebens, außerdem gibt es auf Initiative der Kommune Direktflüge von Thessaloniki nach Tel Aviv, was natürlich für die Juden mit Verwurzelung in Thessaloniki eine große Erleichterung darstellt.

iRena Molho hält heute 19 Uhr im Saal der Universitätsbibliothek, Beethovenstraße 6, 1. Stock, einen Vortrag zum Thema "Die Vermittlung des Holocaust in griechischen Schulen"; anschließend Vorführung des Dokumentarfilms "By Standing und Standing by".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.06.2013

Kipuros, Kostas

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