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Lokales Bekommt Leipzigs alte Propsteikirche doch noch eine Chance?
Leipzig Lokales Bekommt Leipzigs alte Propsteikirche doch noch eine Chance?
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23:00 03.10.2017
Leipzigs frühere katholische Probstkirche in der Emil-Fuchs-Straße am Rosental. Quelle: André Kempner
Leipzig

Falls nicht noch ein Wunder geschieht, wird die ehemalige Propsteikirche in der Emil-Fuchs-Straße wohl bald abgerissen. Wahrscheinlich ist das für 2018 geplant – also genau 50 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche. Letztere wurde ein Opfer der Politik, weil sie der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Bei dem Baudenkmal am Rosental gehe es heute hingegen fast nur um Geld, meint Stadtbezirkskonservator Stefan Krieg-von Hößlin: „Es wäre schrecklich und so sinnlos, wenn auch dieser Bau verschwinden würde.“

Für den Erhalt spreche nicht nur die außergewöhnliche, deutsch-deutsche Entstehungsgeschichte, erklärt der Denkmalschützer. Nach langen Schikanen der DDR-Obrigkeit gegenüber der Gemeinde war das Pfarrzentrum von 1979 bis 1982 errichtet worden, finanziert aus Spenden westdeutscher Katholiken. Die Mittel für die Inneneinrichtung brachte die Leipziger Gemeinde selbst auf. Den Entwurf lieferte die Bauakademie der DDR – der dort tätige Architekt Udo Schulz hatte einen Wettbewerb gewonnen, dessen Preisrichter der damalige Dombaumeister von Köln war.

Das Besondere an dem Siegerentwurf sei auch gewesen, dass je zwei (an der Fassade sichtbare) Pylonenpaare einen quadratischen Dach-Tragrost über dem Kirchensaal halten, erläutert Krieg-von Hößlin weiter. „Es war der bedeutendste Stahlbau in der DDR – nach dem Gebäude des Instituts für Stahlbau an der Arno-Nitzsche-Straße. Doch das wurde 2002 abgebrochen, um einem Lidl-Parkplatz zu weichen.“

Krieg-von Hößlin glaubt, dass die unstrittig vorhandenen Bau- und Nässeschäden an dem Ensemble „künstlich aufgebauscht wurden, weil die Gemeinde weder den Bauplatz noch das Gebäude mochte und nach Gründen suchte, dort wegzukommen“. Gut sanierungsfähig sei das Ensemble, pflichtet der Leipziger Architekt Ronald Wanderer bei. Er halte ein Gutachten, das Bischof Joachim Reinelt 2008 vorgestellt hatte und in dem die Instandsetzungskosten auf 4,5 Millionen Euro veranschlagt wurden, für unrealistisch. In einem anderen Gutachten hätten nur 500.000 Euro gestanden.

Während einer Vertretungsprofessur an der Hochschule HTWK hatte Wanderer mit 20 Studenten Umnutzungsstrategien für die Zeit nach dem Auszug der Gemeinde entwickelt. Gleich ob Kindergarten, Bibliothek, Therme, Stadtteilzentrum, Wohn- und Arbeitsstätte für Behinderte, Hospiz oder Kulturhaus – alle Konzepte entstanden auf der Grundlage, dass eine spätere Rückführung zur Nutzung als Gotteshaus möglich geblieben wäre, berichtet er. „Das heißt, das Kirchgebäude ist als solches schützenswert und bleibt als öffentlicher und atmosphärischer Raum erhalten, schon deswegen, weil Menschen mit ihm ungezählte Erfahrungen verbinden, die von der Taufe über die Erstkommunion, von der Firmung über Hochzeit bis zur Trauerfeier reichen.“

Der Landtagsabgeordnete Wolfram Günther (Grüne), zugleich Sprecher des Leipziger Stadtforums, hat soeben eine Anfrage an die Staatsregierung fertiggestellt. Er will dabei auch wissen, wie der Freistaat den Käufer des Denkmals bei einem Erhalt unterstützen würde – und ob Alternativen zum Abriss geprüft wurden?

Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) äußerte kürzlich bei einer Podiumsdiskussion, auch sie wünsche sich den Erhalt der früheren Propsteikirche. Sie begrüße jede Initiative in diese Richtung, so Dubrau auf Nachfrage.

Wie berichtet, wurde im Juni 2017 die Abrisserlaubnis „aufgrund der wirtschaftlichen Unzumutbarkeit der Erhaltung“ erteilt. Dem voran ging ein längeres Ringen zwischen dem Antragsteller und den Denkmalbehörden von Land und Stadt. Erst im Anschluss überwies der neue Eigentümer des 5000 Quadratmeter großen Areals – ein Ableger der Leipziger Firma Idec – eine siebenstellige Summe als Kaufpreis an die Gemeinde. Zu seinen Plänen schweigt der Käufer bisher. Nachgesagt wird ihm, er wolle anstelle der Kirche teure Eigentumswohnungen bauen.

Propst Gregor Giele sagt: „Die Denkmalsbehörden haben sich die Entscheidung für den Abbruch sicher nicht leicht gemacht.“ Die Gemeinde besitze mehrere Gutachten zum Bauzustand, jeder Interessent könne sie bei ihm einsehen. Aus Sicht der Gemeinde sei der Bau „salopp gesprochen eher Mahnmal als ein Denkmal, vor allem ein Zeichen des Unrechts“.

Architekt Wanderer betont hingegen, der bestechend schnörkellose Bau sei ein „herausragendes Beispiel der Zweiten Nachkriegsmoderne“. Solche Zeugnisse habe Leipzig schon zu oft verloren. „Es gab aber auch Fälle, bei denen Denkmale trotz bereits erteilter Abrisserlaubnis noch gerettet wurden“, hofft Krieg-von Hößlin.

Jens Rometsch

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