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Bizarrer Nachbarschaftsstreit um Poststelle in Rückmarsdorf:

Wie im wilden Westen Bizarrer Nachbarschaftsstreit um Poststelle in Rückmarsdorf:

Die Probleme beginnen, als die 63-jährige Betreiberin ihrer Partnerfiliale in ihr Privathaus umzieht. Mit der Nachbarschaft gibt es Streit, der ständig weiter eskaliert. Ein Jahr später sollen plötzlich sogar Waffen im Spiel gewesen sein.

Gestern im Gespräch mit der LVZ: Jürgen Wendt, gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft. Mit der Waffe soll er einen Nachbarsjungen bedroht haben.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Vor der Anbauwand steht eine Schüssel mit Katzenfutter, in der Vitrine ist das gute Geschirr platziert. Und auf dem Tisch liegt eine Walter P22, Kaliber 9 Millimeter. "Wir haben damit noch keinen Schuss abgefeuert", sagt Jürgen Wendt (66). "Sie dient dem Selbstschutz." Vor einer Woche fuchtelte Wendt, pensionierter Beamter der Bundesbank, mit dieser Pistole - es handelt sich um eine täuschend echt aussehende Gasdruckwaffe - vor dem Nachbarsjungen (18) herum. Es war der vorläufige Höhepunkt eines bizarren Nachbarschaftsstreits, der die Siedlung in der Straße Am Osthang in Leipzig-Rückmarsdorf seit Monaten in Atem hält.

 Rückblick: Mitte März 2014 gibt Wendts Ehefrau Angelika (63) aufgrund mehrerer Mietsteigerungen ihr Geschäft am Sandberg auf und zieht mit ihrer Partnerfiliale der Post ins eigene Haus an den Osthang. Um die zehn Kunden kommen täglich hierher, sagt Jürgen Wendt, Lieferfahrzeuge kaum. Doch schon bald gibt es Ärger. Das Bauordnungsamt stellt nach Hinweisen von Anwohnern fest, dass die gewerbliche Nutzung des Wohnhauses einer Genehmigung bedürfe. Gegen ein mittlerweile vorliegendes Verbot habe er Einspruch eingelegt, so Wendt, der mit seiner Frau seit 17 Jahren in der Siedlung lebt. "Das Verfahren ist offen." Anfang Juli 2015 wenden sich sechs Familien aus der Nachbarschaft an das Verwaltungsgericht. "Aufgrund des ausufernden Liefer- und Kundenverkehrs" sehe man "die Sicherheit unserer Kinder und Enkelkinder extrem gefährdet". Tagtäglich, so die Nachbarn, würden Kundschaft und Lieferanten des Postshops den Privatweg nutzen, obwohl die Zufahrt nur Anwohnern zum Be- und Entladen gestattet und in der engen Straße Kinder spielen. "Nachts werden wir durch Anlieferungen und lärmende Transporter aus dem Schlaf gerissen, grelle Scheinwerfer stören die Ruhe", heißt es in dem Schreiben an das Gericht. Es sei bereits zu einer Kollision mit einem rückwärtsfahrenden DHL-Fahrzeug gekommen, um ein Haar wäre ein sechsjähriges Kind von einem Transporter erfasst worden.

 Doch auch mit der Ruhe des Ehepaars Wendt ist es längst vorbei: Einmal beschmierten Unbekannte die Haustür mit einer teerhaltigen Flüssigkeit. Dann schaltete jemand eine Todesanzeige, wonach Jürgen Wendt verstorben sei. Erst vor zwei Wochen wurden nachts fast alle Scheiben seines Autos eingeschlagen, so der Pensionär. Und dann sei auch noch der Poller in dem Privatweg um etwa 30 Meter versetzt worden - widerrechtlich, wie Wendt meint. Nun gelangen Lieferfahrzeuge nicht mehr bis zu seinem Haus. Anwohner behaupten, der Poller sei zuvor, vermutlich von den Postshop-Betreibern, komplett abgebaut worden. "Das Ding lag irgendwo im Gebüsch", so ein Mann.

 Als Wendt am vorigen Dienstag gegen 19.30 Uhr den Poller runterklappte, um zu seinem Carport zu fahren, habe ihn der 18-jährige Sohn der Nachbarn sehr aggressiv beleidigt und ein Stück verfolgt. "Ich hatte Angst vor ihm, nahm deshalb zum Selbstschutz die Waffe mit, als ich ihn zur Rede stellte", erzählt Wendt gegenüber der LVZ. Der Jugendliche berichtet hingegen, den Nachbarn ganz normal gebeten zu haben, den Poller wieder aufzurichten. Daraufhin soll Wendt gesagt haben: "Überlege dir, was du tust, wenn du am Leben hängst." Inzwischen war auch der Vater des Jungen auf der Straße, machte mit dem Handy ein paar Fotos: Der missliebige Nachbar mit einer Waffe mitten auf der Spielstraße.

 Die Nachbarn riefen die Polizei. Laut Einsatzbericht waren fünf Beamte vor Ort - nach Angaben von Polizeisprecher Uwe Voigt allerdings nicht das Spezialeinsatzkommando (SEK), wie das Anwohner berichtet hatten. "Als die Beamten die Handy-Fotos sahen, zogen sie schusssichere Westen an und nahmen ihre Maschinenpistolen", so der Vater des 18-Jährigen.

 "Gegen den Besitzer der Pistole wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz eingeleitet", so Voigt. Der Einsatz sei ohne Zwischenfälle verlaufen. Auch die Pistole durfte Wendt behalten. "Ich habe jetzt dafür einen Waffenschein beantragt", sagt er.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.08.2015
Frank Döring

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