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Lokales Blankes Entsetzen nach rüder Abfuhr
Leipzig Lokales Blankes Entsetzen nach rüder Abfuhr
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19:22 05.06.2018
Die Leipziger Karstadt-Delegation vor dem Haus Rue d’Eich 48 in Luxemburg. 50 000 Unterschriften und fünf Protestplakate haben sie mitgebracht. Quelle: Björn Meine
Luxemburg

Dienstagnachmittag vor einem Café in Luxemburg: Eine Karstadt-Delegation macht sich auf den Weg in die Rue d’Eich 48. Dort sitzt das Unternehmen „Petersstraße s.à.r.l.“, Hauseigentümer des Karstadt-Warenhauses in Leipzig, eine Tochter des Schweizer Immobilienunternehmens Even Capital. Am großen Schild vor dem Gebäude stehen insgesamt 49 Firmennamen – alle unter dem Dach der „Even Management Luxemburg S.à.r.l.“.

„Lasst Karstadt Leipzig leben“

Das Karstadt-Team will die 50 000 Unterschriften übergeben, die in den vergangenen Wochen zusammengekommen waren. Konzernsprecher Stefan Hartwig, Leipzigs Karstadt-Chef Michael Zielke, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Jürgen Ettl, die Leipziger Betriebsratsvorsitzenden Jenz-Uwe Schiller und Sabine Doerffer sowie die Initiatorin der Petition Adelin Streicher treffen letzte Absprachen. Sie tragen gelbe Warnwesten. Plakate sind gemalt: „Lasst Karstadt Leipzig leben“ und „Verhandeln statt Kündigen“ steht darauf. Die Unterschriften sind in einem großen Karton verstaut. Alles ist gut vorbereitet. Trotzdem liegt Spannung in der Luft: Das hier ist die weitere Episode eines langen Kampfes. Kurz vor Ostern hatte „Petersstraße s.à.r.l.“ den Mietvertrag für das Warenhaus in der Petersstraße gekündigt, weil Karstadt den Mietaufschlag von 68 Prozent nicht zahlen will. Bis heute gestalten sich die Verhandlungen offenbar schwierig, ein Ergebnis steht aus. Doch die Karstadt-Mitarbeiter geben nicht auf: 400 Jobs stehen auf dem Spiel. Vor Kurzem wurde eine Menschenkette rund um das Warenhaus in der Petersstraße gebildet (die LVZ berichtete).

„Leck mich am A…“

Nun also die Übergabe von 50 000 Unterschriften und eine Mahnwache in Luxemburg. Als die sieben Karstadt-Leute vor dem Haus in der Rue d’Eich Stellung bezogen haben, wackeln die Gardinen. Even-Capital-Mitarbeiter machen offenbar Fotos. Dann kommt ein Mann aus dem Eingang – blaue Jeans, graues T-Shirt, in der einen Hand ein Magnum-Eis, in der anderen ein Handy. Er macht mit seinem Mobiltelefon Fotos von der Versammlung. Karstadt-Konzernsprecher Hartwig geht ihm hinterher, macht ihn darauf aufmerksam, dass er mit den Bildaufnahmen nicht einverstanden ist. „Leck mich am A…“, erwidert der Mann. Er geht an den anderen Teilnehmern vorbei und wiederholt seine Beleidigung. Dann verschwindet er wieder im Haus. Kurz darauf schnappen sich Filialleiter Zielke und Gesamtbetriebsratschef Ettl die Kiste mit den Unterschriften und klingeln. Es öffnet wieder: der Mann im grauen T-Shirt. „Guten Tag, wir würden gern die 50000 Unterschriften abgeben für Karstadt in Leipzig“, sagt Zielke. „Von den Leipzigerinnen und Leipzigern“, ergänzt Ettl. „Würden Sie die bitte entgegennehmen?“, fragt der Karstadt-Chef. Der Mann sagt keinen Ton, nimmt die Kiste, geht über den Hof und schmeißt 50 000 Unterschriften von Leipziger Bürgern in eine blaue Altpapiertonne.

„Wir kämpfen bis zur letzten Minute“

Blankes Entsetzen bei den Teilnehmern. Die meisten finden keine Worte für das, was da gerade passiert ist. „Schier fassungslos“, zeigt sich Zielke und ringt nach Worten. Doch für Leipzigs Karstadt-Chef steht fest: Jetzt erst recht! „Wir kämpfen bis zur letzten Minute um eine einvernehmliche Lösung und wissen dabei unsere Unternehmensleitung hinter uns. In einer Zeit, wo Karstadt erstmalig seit Jahrzehnten mehrere neue Filialen eröffnet und die Digitalisierung nun voll nutzen kann, um sich zu einem vernetzten Marktplatz weiterzuentwickeln, ist eine plumpe Schließung wegen Streitigkeiten im Zuge einer meiner Meinung nach utopisch hohen Mietforderung ein Anachronismus.“

„Ich hoffe, dass wir bleiben können“

Adelin Streicher ist im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Sie soll übernommen werden. „Ich hoffe sehr für uns alle, dass wir bleiben können.“ Mit ihrer Initiative zur Online-Petition wollte sie ihren Beitrag dazu leisten. „Man kann es ja wenigstens probieren.“ Man habe schon einiges mitgemacht bei Karstadt, resümiert der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ettl mit Blick auf die schwierigen wirtschaftlichen Jahre. „Das hier ist aber eine besonders bittere Pille, weil die Leipziger Filiale gerade einen guten Dreh hinbekommen hat und eine gute Perspektive hätte.“ Die Betroffenheit sei auch bei den Kollegen in den anderen Häusern groß. Es gebe viele Nachfragen.

„Es geht um existenzielle Fragen“

„Wir haben auch viele Alleinerziehende im Team“, sagt Sabine Doerffer, „für die geht es jetzt wie für die anderen auch um existenzielle Fragen. Ich selbst bin 57, brauche noch etwas bis zur Rente.“ Dennoch ist die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende voller Zuversicht.

Sollte es zum Äußersten kommen, sollten 400 Menschen auf der Straße stehen, will Zielke weiter aufbegehren. „Den Schicksalen müssen wir Aufmerksamkeit verschaffen. Das bin ich meinem fantastischen Team schuldig.“ Mit dem gestrigen Tag schwindet auf jeden Fall die Hoffnung auf einen Funken Menschlichkeit beim Eigentümer.

Von Björn Meine

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