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Lokales „Blaues Wunder“ wäre in diesen Tagen 45 Jahre alt geworden
Leipzig Lokales „Blaues Wunder“ wäre in diesen Tagen 45 Jahre alt geworden
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06:33 13.09.2018
1977 war das „Blaue Wunder“ komplett: Neben der Spange über den Tröndlinring (vorn, links) war die Verbindung über den Goerdelerring (rechts) entstanden.
Leipzig

Bernhard Schön ist einer von denen, die die Brücke ziemlich genau kannten. Denn der Senior aus dem Musikviertel dokumentierte mit eigenen Fotos ihren Bau und war als Technischer Direktor in der damaligen Stadtdirektion Straßenwesen Leipzig für bestimmte Wartungsarbeiten und den Winterdienst des„Blauen Wunders“ mit zuständig. „Die Treppenanlage wurde damals meines Wissens auf Forderung des Rates des Bezirks Leipzig errichtet“, erinnert sich der heute 83-Jährige. Leipzigs Innenstadtring war damals wegen des zunehmenden Auto- und Straßenbahnverkehrs immer breiter geworden und die Risiken beim ebenerdigen Überqueren der vielen Gleis- und Fahrspuren waren entsprechend gewachsen.

Tunnel-Lösung erschien zu teuer

Der Bau eines Fußgängertunnels war ebenfalls erwogen, aber zunächst verworfen worden. Denn in diesem Bereich des Rings verlaufen im Untergrund besonders viele Leitungen – der Aufwand des Verlegens der zahlreichen Stränge schien zu DDR-Zeiten unvertretbar hoch. „Deshalb wurde entschieden, eine Brücke zu bauen, die dann später noch erweitert wurde“, so Schön.

Gut dreißig Jahre stand das „Blaue Wunder“, prägte die Leipziger Innenstadt, den Verkehr und auch den Blickwinkel vieler Fußgänger auf ihre Stadt. Seit 2004 ist das Bauwerk aus dem Stadtbild verschwunden. Hier eine Auswahl der schönsten Bilder:

Diese gewählte Lösung war vergleichsweise kostengünstig. Denn die Teile der Stahlkonstruktion konnten relativ einfach vorgefertigt und vor Ort zusammengefügt werden. Deshalb war es auch relativ einfach, die Bahnsteige der angrenzenden „Zentralhaltestelle“ der Straßenbahn über Treppen gleich mit anzubinden und zum damaligen Ring-Messehaus neben den Treppen- auch gleich noch stufenlose Rampenanlagen anzuordnen, auf denen Frauen mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer auf die Brücke gelangen konnten.

Die Aufträge zur Produktion der Brückenelemente waren bereits erteilt, da wurden in letzter Minute „planwirtschaftliche Reserven“ ausgemacht und die unterirdische Verbindung war auf einmal doch noch möglich. „Da war die Brücke im Grunde übrig“, gab nach der Wende Leipzigs damaliger Chef-Verkehrsplaner Walter Stein zu Protokoll. Doch die Vorbereitungen waren schon zu weit gediehen und zu viele Mittel in das Projekt investiert – am Ende wurde die Brücke doch gebaut.

Kennt das Bauwerk genau: Rentner Bernhard Schön (83) Quelle: Kempner

In lediglich zwei Nachteinsätzen schraubten und schweißten Monteure der Firma DR-Stahlbau Dessau die neue Fußgängerüberführung zusammen, berichtete die LVZ am 28. Juni 1973. Viele Leipziger hätten dieses „nächtliche Schauspiel“ beobachtet. Das erste Brückenteil sei sechs Meter breit sowie 38 Meter lang gewesen und habe 43 Tonnen gewogen. Angehoben worden sei das Teil von einem 100-Tonnen-Gottwaldkran des volkseigenen Betriebs Energie- und Kraftwerkanlagenbau Radebeul.

Knapp zwei Monate später wurde die Brücke dann am 21. August 1973 freigegeben – zehn Tage vorfristig, hieß es. Um die Übergabe mitzuerleben, hatten sich damals Tausende eingefunden und durften ab 14.30 Uhr die insgesamt 360 Tonnen schwere Stahlkonstruktion testen.

Erweiterungspläne für die Brücke

Ende 1977 wurde die Brückenanlage erweitert und überspannte dann zur Frühjahrsmesse neben dem Tröndlin- auch den Goerdelerring. Damals war sogar geplant, die Konstruktion noch viereckig zu gestalten – also auch über den heutigen Ranstädter Steinweg und die Pfaffendorfer Straße zu verlängern. Doch die zwei fehlenden Arme entstanden nie – vermutlich, weil das Fußgängeraufkommen in diesen Bereichen deutlich geringer war und der dafür notwendige Stahl an anderen Stellen dringender gebraucht wurde.

Die Leipziger tauften die fünf Meter hohe und sechs Meter breite Fußgängerbrücke wegen ihrer blauen Anstrichfarbe schnell „Blaues Wunder“. „Die Farbe ähnelte in der Tat dem des Dresdner Blauen Wunders“, meint auch Bernhard Schön. Doch dieser Anstrich verschwand schon 1991. Seitdem war die Stahlkonstruktion grau.

Der Abriss wird vorbereitet. Quelle: Peter Endig/dpa

Den meisten Leipzigern machte dies nichts aus – der Name blieb trotzdem erhalten. Denn die Fußgängerbrücke war bei vielen beliebt: Die Anlage war wegen ihrer ungewöhnlichen Ausmaße imposant und brachte etwas weltstädtisches Flair in die relativ triste DDR; außerdem nutzten viele Passanten den Überweg, um auf ihm zu verweilen und den ringsum brausenden Verkehr von oben zu beobachten.

Die Wartung war allerdings nicht leicht. Denn die Konstrukteure hatten sich entschieden, die Brücke auch als Versuchsbau zu nutzen. So wurde auf die stufenlosen Rampen Asphalt aufgetragen und darüber dann elastischer Sprintanbelag aufgeklebt, wie er damals in der DDR für Sportstätten verwendet wurde. „Damit hatten wir dann später enorme Probleme“, erinnert sich Rentner Schön. „Obwohl es für Fußgänger angenehm war, darauf zu laufen, war im Winter das Abstumpfen ein Riesen-Problem.“

Denn auf der Brücke durfte zum Abstumpfen kein Splitt verwendet werden – er hätte ja auf die Fahrzeuge fallen können, die unter der Konstruktion fuhren. „Weil es an der Seite zur Blechbüchse keine Rampe gab, über die wir mit Schubkarren Streusalz nach oben bringen konnten, mussten wir immer erst auf die Seite der Feuerwache wechseln, weil es dort so eine Rampe gab“, erzählt der Leipziger. Dieser Aufwand sei im Winter enorm gewesen und habe berechtigte Beschwerden der Arbeiter ausgelöst, weshalb er intern interveniert habe. „Ich habe nur die Antwort bekommen: ,Mensch, lass Dir etwas einfallen’“, erinnert sich Schön lachend.

Das „Blaue Wunder“ wird grau

Und er ließ sich etwas einfallen. „Wir wollten an der Konstruktion außen einen Aufzug anbringen – nur einen kleinen für unsere Zwei-Rad-Schubkarren, bekannt als sogenannte Japaner“, so Schön. „Wir haben deshalb an vielen Details rumgedoktert. Aber letztlich gab es keine andere Lösung, als das Salz weiter mühevoll per Hand hochzufahren.“

Schluss war damit erst im Jahr 2004, als die Kreuzung unter dem „Blauen Wunder“ umgebaut wurde: Die inzwischen 30 Jahre alte Fußgängerbrücke sei für ältere und behinderte Menschen sowie für Eltern mit Kinderwagen zu beschwerlich, hieß es damals im Rathaus. Zudem verstelle die Konstruktion den Blick auf die Gebäude ringsum und eine Kreuzung ohne Brücke schaffe eine „räumlich großzügigere Lösung“. Noch entscheidender war allerdings, dass durch die Beseitigung der Stützpfeiler viel Platz gewonnen wurde, um den Autoverkehr neu zu regeln. Auch für Radfahrer konnte so eine neue Verbindung in den Leipziger Westen geschaffen werden.

In Leipzig fand diese Entscheidung nicht nur Beifall. „Überall fehlt es an Geld“, zitierte die LVZ damals eine Leserin. „Für den Abriss wirft man es zum Fenster hinaus.“ Andere prophezeiten für die Zeit nach dem Abbruch steigende Unfallzahlen. Und wer bessere Bedingungen für Behinderte schaffen wolle, könne auch Aufzüge an der Brücke anbringen lassen, wurde argumentiert.

Proteste gegen den geplanten Abbruch

Der damalige DSU-Stadtrat Karl-Heinz Obser gab zu bedenken, dass die Brücke „ein Fixpunkt der Friedlichen Revolution“ geworden sei und zum Stadtbild gehöre. Er und seine Parteifreunde hatten auf der Brücke auch 500 Passanten befragt, von denen sich 80 Prozent für den Erhalt aussprachen. Mit einer Anzeigen-Kampagne versuchte die Partei auch die Öffentlichkeit für den Erhalt der Brücke zu gewinnen.

Im Stadtrat fiel die Abbruch-Entscheidung trotzdem relativ eindeutig: Von den 62 anwesenden Abgeordneten votierten nur zwei gegen den Abbruch, vier enthielten sich der Stimme – alle anderen waren dafür.

Während der Vorbereitungen für die Abbrucharbeiten gab es sogar eine Protestaktion auf dem „Blauen Wunder“: Drei Leipziger fanden sich dort ein und protestierten mit einem Plakat. Vier Polizisten mussten anrücken, sprachen daraufhin Platzverweise aus und vereitelten damit offenbar den Versuch, sich dort anzuketten.

Die letzte Stunde der gewaltigen Konstruktion schlug Anfang Juli 2004. Mit Schneidbrennern wurden in einer Nacht zunächst die Geländer abgetrennt und dann die Brücke über den Tröndlinring in zwei Teile zerlegt. Die jeweils 34 Meter langen und 60 Tonnen schweren Brückenteile wurden dann von einem gigantischen Kran aus ihrer Lage gehoben. „Die Brücke ist völlig in Ordnung“, zitierte die LVZ damals einen beteiligten Bauexperten. „Sie hätte nur Farbe gebraucht.“ Die Stadt ließ sich die Demontage 200 000 Euro kosten. Seitdem ist Leipzigs „Blaues Wunder“ Geschichte.

Von Andreas Tappert

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