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Lokales Blinde bauen Hemmschwellen bei Kindern ab
Leipzig Lokales Blinde bauen Hemmschwellen bei Kindern ab
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00:20 30.10.2018
Vor der Braille-Druckmaschine der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde: Thomas Kahlisch, Maurice Schönefeld und Jacqueline Schönefeld. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Manchmal werden Jacqueline und Maurice Schönefeld von Kindern auf der Straße angesprochen. „Hallo, kennen Sie mich noch?“, solch eine Frage rutscht ihren Gegenübern gelegentlich heraus. Dann kann das Ehepaar nur lächelnd mit den Schultern zucken, denn gegen das Erkennen sprechen zwei Gründe. Erstens: Sie haben es im Monat mit durchschnittlich über 200 Schülern zu tun. Zweitens: Die Schönefelds sind blind. Doch jedes Mal freuen sie sich über solche Begegnungen. „Sie zeigen, dass unser Engagement Spuren hinterlässt“, so Jacqueline Schönefeld.

Meist sind es Drei- und Viertklässler, denen die beiden Zugang zur Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) geben – und damit in eine ungewohnte Welt. Eine Welt, die sich nicht aus Bildern auf der Netzhaut zusammensetzt, sondern aus Fühlen, Riechen und Hören. Besucher lernen, dass die DZB mehr als eine Leihbücherei für Blinde und Sehbehinderte ist. In dem Gebäude an der Gustav-Adolf-Straße 7, in dem vor der Nazi-Herrschaft die Israelitische Schule zu Leipzig beherbergt war, befinden sich Tonstudio, Druckerei und Buchbinderei. Hier werden Reliefs, Hörbücher und Braille-Bücher produziert.

Jacqueline und Maurice Schönefeld führen die Schüler durch Räume und Hallen, erläutern, fragen ab, erzählen von dem Franzosen Louis Braille, der anno 1825 die Blindenschrift erfand. „Wir bringen ihnen die Punktschrift nahe, jeder darf ein Braille-Lesezeichen mit seinem Namen erstellen“, berichtet Maurice. Der 43-Jährige verlor 1999 wegen eines spät erkannten Hirntumors sein Augenlicht. Eine Operation machte das Geschwür unschädlich, doch die linke Gesichtshälfte blieb gelähmt. Auch seine Frau Jacqueline (53) erblindete mit Anfang 20 in Folge einer Augenkrankheit, bei der sich die Retina ablöste.

2008 fingen beide an, das Blindsein in Kindergärten und Schulen zu erklären; 2010 sprach DZB-Direktor Thomas Kahlisch sie an, ob sie nicht die Hausführungen einer aus dem Ehrenamt scheidenden Mitarbeiterin übernehmen könnten. Seitdem ist das Paar regelmäßig im Haus präsent. „Dieses Engagement ist sehr wichtig“, betont Kahlisch. „Es hilft bei der Inklusion: Kinder gehen unbefangen mit Behinderungen um – und haben durch diese Erfahrungen auch im Erwachsenenalter weniger Hemmschwellen.“

Im Arbeitszimmer von Thomas Kahlisch beschweren 15 wuchtige Bände von Tollkiens „Herr der Ringe“ das Regal, gedruckt in Punktschrift – ein monumentales Beispiel dafür, dass Weltliteratur für Blinde zugänglich gemacht wird. Neben der Leitung der Zentralbibliothek gehört der ebenfalls blinde 55-Jährige zum ehrenamtlich arbeitenden Vorstand des Fördervereins „Freunde der DZB“, gegründet 2004. Im Schulterschluss mit Spendern ermöglicht der Verein Veranstaltungen und Projekte – so macht er sich für die allgemeine Leseförderung Blinder und Sehbehinderter stark, unterstützt die Entwicklung neuer Übertragungstechniken. Außerdem werden Buchpatenschaften initiiert: Schon ab 25 Euro kann man die Übertragung eines Buches oder eines Notenwerkes in Braille-Schrift fördern.

Der Hörbuch-Bestand übrigens liegt momentan bei mehr als 42 000 Werken, in Braille bei 18 000; pro Jahr kommen in den Bereichen rund 1500 respektive 500 neue dazu. „Wir haben den Anspruch, das Spektrum einer öffentlichen Bibliothek abzubilden“, sagt Kahlisch.

Jüngsten Erhebungen zufolge leben in Sachsen etwa 33 000 Sehbehinderte und Blinde, deutschlandweit sollen es 1,2 Millionen sein. Auch für sie heißt das Schlüsselwort „Barrierefreiheit“, das weit mehr meint als die gängige Vorstellung vom leichteren Zugang in Gebäude. Leichteren Zugang zu digitalen Medien beispielsweise. Oder zum Arbeitsmarkt.

Maurice Schönefeld könnte unter anderem als Telefonist arbeiten, würde sich ein Arbeitgeber darauf einlassen, die Computer mit einer speziellen Software zu erweitern. „Die Bereitschaft auf dem Arbeitsmarkt, sich auf die Besonderheiten einzulassen, ist gleich null“, konstatiert er. Seine Frau, gelernte Bürokauffrau, hat die gleiche Erfahrung gemacht.

Was sich viele nicht vorstellen können: Das Leben in Blindheit bedeutet Sehen mit anderen Mitteln – mit Händen, Ohren, Nase. „Ich rieche, wie das Wetter ist“, sagt Jacqueline Schönefeld. Sie und ihr Mann leben ein normales, weitgehend eigenständiges Leben. Urlaube, von Wanderungen bis zur Segeltörn, sind – zusammen mit Menschen ohne Behinderung – kein Problem.

Auch das vermitteln die Schönefelds in ihren ehrenamtlichen und immer stärker nachgefragten Führungen. „Eine wichtige Art der Öffentlichkeitsarbeit“, findet Thomas Kahlisch. Und neugierig sind die jungen Besucher des Hauses immer. Schmunzeln musste Jacqueline Schönefeld bei der Frage eines Mädchens: „Wenn Sie sich küssen, machen Sie das dann mit Stock?“ – „Wir finden uns auch ohne“, hat sie lachend geantwortet.

Wer (Hör-)Buchpatenschaften übernehmen oder spenden will, bekommt alle Infos auf www.freunde-der-dzb.de.

Von Mark Daniel

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