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Lokales Bohrer kaputt, Fisch übrig, Kater vermisst, Kontakt erwünscht
Leipzig Lokales Bohrer kaputt, Fisch übrig, Kater vermisst, Kontakt erwünscht
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00:36 17.05.2018
Nachbarn unter sich: Den Mitbring-Brunch am Lindenauer Markt organisiert Sonja Golinski (rechts). Quelle: André Kempner
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Leipzig

Großstädter kennen oft keine Nachbarn. Viele mögen gerade die Anonymität. Manche vermissen aber auch den Kontakt zu den Leuten unter ihrem Dach. An Letztere wendet sich die Online-Plattform nebenan.de. Präzise auf Straße und Stadtviertel eingeteilt, geben sich Nachbarn zu erkennen – auch mit ihren Wünschen und Stärken: eine Fußball-Karte ist übrig, wer kürzt eine Hose, Angler bietet seinen Fang feil, einer sucht eine Frau, andere vermissen ihren Kater...

Zettel mit der Einladung „Hallo liebe Nachbarn, unsere Nachbarschaft vernetzt sich. Wenn du hier wohnst und mitmachen willst...“ stecken oft im Briefkasten. Meist werden sie ignoriert. „Schade“, sagen unisono Thomas Kujawa, Sandra Wehlisch und Sonja Golinski. Sie schwärmen von Erlebnissen mit Bekanntschaften über nebenan.de.

Nach einer Stunde sechs Schlagbohrer zur Auswahl

Thomas Kujawa gehört zu den Unterzeichnern eines Schreibens an Bewohner der Nachbarschaft Zentrum-West. „Nebenan.de ist wirklich ein cooles System, viel besser als andere soziale Netzwerke“, lobt der Unternehmensberater, der seit vier Jahren mit seiner Freundin in der Kolonnadenstraße lebt. Als er noch im Landkreis wohnte, kannte er die Leute ringsum, wusste, wer in der Not hilft. Im Herzen Leipzigs sei das nicht so einfach. „Gerade hat mir nebenan.de wieder beste Dienste geleistet. Ich steh auf der Leiter, will einen Deckenventilator anbringen. Da macht 18.30 Uhr meine Bohrmaschine schlapp. Ich ins Nachbarschaftsportal: Wer kann helfen? Schnell! Bei uns darf nämlich nur bis 19 Uhr gebohrt werden. Binnen 15 Minuten hatte ich zwei Angebote. Ich aufs Rad und in die Sebastian-Bach-Straße. Um 20 Uhr war der Schlagbohrer zurück beim Besitzer. Übrigens: Nach einer Stunde hatte ich sechs Schlagbohrer zur Auswahl, wochentags.“ Der 47-Jährige ist überzeugt: „Ohne die Plattform ist so schnelle Hilfe kaum denkbar. Schade, dass man nicht weiß, wer nebenan lebt.“ Ihm sei wichtig, sich auszutauschen und zu vernetzen. „Wir machen gerne mal ein Schwätzchen, trinken im Haus zusammen Kaffee oder grillen im Hof.“ Den Gedanken, zu teilen und Ressourcen zu sparen, lebt Kujawa dabei schon länger. „Wir hatten mal Aufkleber vom Portal Pumpipumpe am Briefkasten und konnten mit unserem Bügelbrett aushelfen. Selbst Lebensmittel teilen wir. Über foodsharing.de kommen Angebot und Nachfrage im Nu zusammen. Und über die toogoodtogo-App sind kurz vor Ladenschluss in Restaurants oder Lebensmittelläden leckere Reste günstig zu haben“, sagt Kujawa.

Über Plattform mehr Gäste für Hoffest gesucht

Durch Zufall stieß Sandra Wehlisch im Internet auf die Nachbarschaftsplattform. Die Verantwortliche für Projektarbeit beim Verein Mühlstraße hofft auf diesem Weg noch mehr Besucher bei ihrem Haus- und Hoffest am 25. Mai begrüßen zu können. „Am Tag der Nachbarn wollen wir von 13 bis 19 Uhr gerne auch mit unseren Nachbarn feiern. Bisher gibt es auf Facebook 191 Interessierte. Es wäre schön, wenn über das Portal noch mehr Leute ihre Schwellenangst überwinden und hereinkommen“, sagt die 40-Jährige. Vorbereitet wurde allerlei, vom Keller-Kino über eine Ausstellung, Live-Musik, Tanz, Schnupperkurse und Kinderschminken sei an alle Nachbarn gedacht worden. „Wir haben gerne das Angebot der Stiftung nebenan.de aufgegriffen und uns deren Info-Box bestellt, mit der wir nun für unser Fest werben.“

Ähnlich wie Facebook, nur weniger anonym

Größere Resonanz erhofft sich auch Sonja Golinski. Beim Mitbring-Brunch hatte es jüngst wieder ein reichliches Dutzend Leute ins Nachbarschaftszentrum des Mobilen Behindertendienstes am Lindenauer Markt 13 verschlagen. In Kolonne mache doch alles mehr Spaß, sagt jemand. „Vorher hab ich die Freude, hinterher die Erinnerung“, meint Maria Tiepner (65). „Ich habe 20 Jahre am Grillhähnchen um die Ecke gearbeitet, da zieht es mich immer noch hierher.“ Dass sie von Dölzig mit dem Bus kommen muss, sei keine Hürde. Auch Joachim Ohl (67) schätzt die Runde. „Ich war als Monteur in ganz Deutschland und Europa unterwegs. Jetzt komme ich aus Meusdorf. Wo ist das Problem?“, fragt der Rentner. Zum ersten Mal beim Brunch ist Simone Fass. Ihrem Sohn zuliebe. „Elias war vom syrischen Kochen neulich ganz begeistert“, erzählt die Illustratorin. Dass es in ihrem Wohnhaus „nicht so eng“ ist, bedauert die 37-Jährige. „Wir knüpfen Kontakte eher über den Kindergarten. Ich pflege Kontakte, ich brauche sie auch.“ Genau deshalb ist auch Sonja Golinski auf der Plattform nebenan.de angemeldet. „Anfangs nur privat. Denn Vereine sind erst neuerdings zugelassen. Auf diese Weise seine Nachbarschaft kennenzulernen, finde ich sehr charmant. Es ist ähnlich wie Facebook, aber weniger anonym. Ich hab meine Dienste angeboten und Hilfe bekommen, sogar jemanden gefunden, der mit mir ins Museum geht. Über das Portal lernte ich wirklich tolle Leute kennen, die ich auf der Straße nie angesprochen hätte.“

Von Cornelia Lachmann

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