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Lokales Boomtown Leipzig – doch die Gastronomie legt den Rückwärtsgang ein
Leipzig Lokales Boomtown Leipzig – doch die Gastronomie legt den Rückwärtsgang ein
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00:19 17.03.2016
In Leipzigs beliebtester Kneipenmeile im Barfußgäßchen ist der Andrang immer groß. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Leipzig im Aufschwung: Die Bevölkerung wächst, die Touristenzahlen steigen, es finden mehr Kongresse, Tagungen und Events statt, die Hotelneubauten boomen. Doch ausgerechnet die Gastronomie kann beim Aufschwung nicht mithalten. „Das Angebot, das wir als Messe- und Kongressstadt machen müssten, wären im Prinzip Öffnungszeiten rund um die Uhr“, sagt Holm Retsch vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. In der Realität passiert genau das Gegenteil.

In aller Stille haben viele Restaurants im vergangenen Jahr ihre Öffnungszeiten heruntergefahren und den Küchenschluss vorgezogen. Grund: Seit der Einführung des Mindestlohnes Anfang 2015 ist jeder Wirt verpflichtet, die Arbeitszeiten seiner Angestellten zu dokumentieren. Sie dürfen nur acht, maximal zehn Stunden am Tag betragen, sonst drohen Strafen bis zu 15 000 Euro. Gut für die Angestellten, aber schlecht für die Abläufe in dieser Branche, zumindest an den besucherstärksten Tagen. Denn: Hat die erste Küchen- oder Restaurant-Besatzung Dienstschluss, müsste im Prinzip eine zweite an den Start gehen – aber dafür reicht der Umsatz nicht aus. Halbtagsstellen wiederum lohnen sich für die meisten Mitarbeiter nicht, und woher sollten die zusätzlichen Fachkräfte auch kommen? Seit einigen Jahren kämpft die Branche den Personalnotstand an.

„Nicht nur in der Hochpreisgastronomie ist ein Restaurantsterben zu verzeichnen, die gute Mitte arbeitet mittlerweile mit verkürzten Öffnungszeiten“, berichtet Heike Reinhardt. „Wir arbeiten seit längerem mit Ruhetagen. Die eingeschränkten Öffnungszeiten haben wir mit dem Mindestlohn einführen müssen, um wirtschaftlich weiterhin auf gesunden Füßen zu stehen“, so die Gastronomin, die mit ihrem Mann Matthias Lokale am Zwenkauer See und am Cospudener See sowie das Gasthaus Alte Nikolaischule in der Leipziger City bewirtschaftet. Heike Reinhardt zählt spontan zehn weitere Wirte in Leipzig und Umgebung auf, denen es genauso geht.

Die Folge für den Gast: Er muss darauf gefasst sein, am späteren Abend vor verschlossener Tür zu stehen oder nichts mehr zu essen zu bekommen. „Wenn 21.30 Uhr keiner mehr da ist, mach’ ich halt zu, fertig! Der Gast, der um 22 Uhr kommt, ist dann natürlich stinkig“, sagt Eberhard Wiedenmann, der unter anderem das San Remo in der Grimmaischen Straße und den Musikpavillon im Clara-Zetkin-Park betreibt. Insgesamt sei das Geschäft extrem flexibel geworden. Das ist auch der Grund, warum an etlichen Lokalen keine eindeutigen Öffnungszeiten mehr stehen.

47 Prozent der Betriebe verkürzen seit Start des Mindestlohns Öffnungszeiten

„Wir müssen rigoros um 22 Uhr Küchenschluss machen“, bestätigt Christine Rothenberger von Auerbachs Keller. Früher konnten die Gäste bis 24 Uhr die Karte rauf und runter essen, das gehe jetzt nicht mehr. „Und wir behalten uns vor, an ruhigeren Tagen erst 17 Uhr zu öffnen statt 12 Uhr.“ Oder montags eher zu schließen, wenn wegen Legida eh keiner mehr kommt.

Laut einer Studie im sächsischen Gastgewerbe haben 47 Prozent der Betriebe nach Einführung des Mindestlohnes ihre Öffnungszeiten verkürzt oder verschoben. Die gestiegenen Personalkosten wurden an die Gäste durchgereicht: In den Restaurants sind die Preise um rund zehn Prozent, in der Systemgastronomie sogar um knapp 14 Prozent gestiegen. Ein Drittel der Betriebe hat Personal entlassen, in der Systemgastronomie sind es sogar fast zwei Drittel aller Betriebe. Dabei ist für Experten unstrittig: Die teilweise miese Entlohnung und die überlangen, unberechenbaren Arbeitszeiten für die Angestellten waren nicht tragbar. „Aber die Politik muss erkennen, dass die Arbeit in der Gastronomie andere Abläufe hat“, sagt Holm Retsch von der Dehoga. Ein Kompromiss könnten flexible Wochen- oder Monats-Arbeitszeiten sein. Damit könnte bei Bedarf länger als zehn Stunden gearbeitet werden, dafür aber an anderen Tagen verkürzt. Dann könnten Hochzeiten oder Familienfeste wieder problemlos von Mittag bis Mitternacht gefeiert werden. „Man kann um 22 Uhr die Gäste nicht nach Hause schicken, aber auch keine zweite Schicht aufmachen“, so Retsch.

Ein kleiner Trost: Das Problem betrifft deutschlandweit alle Gastronomen. Selbst auf der Webseite des Gourmetrestaurants „Schwarzwaldstube“ von Harald Wohlfahrt, Deutschlands bekanntestem Drei-Sterne-Koch, steht: „Wir bitten Sie um Verständnis, dass unser Restaurant aufgrund des neuen Arbeitszeitschutzgesetzes nur von 12 bis 16.30 Uhr und von 19 bis 24 Uhr geöffnet sein kann.“

Von Kerstin Decker

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