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Brandschutz-Experte: Hohe Standards und eingespielte Taktik in Leipzig

Londoner Feuer-Inferno Brandschutz-Experte: Hohe Standards und eingespielte Taktik in Leipzig

Ein Hochhausbrand hat in London am Mittwoch mehreren Menschen das Leben gekostet. Wäre ein ähnliches Großfeuer-Szenario in Leipzig denkbar? LVZ.de sprach mit dem Brandschutz-Experten Nils Witte.

Ein Hochhaus in London brennt in voller Ausdehnung. Die Leipziger Feuerwehr hält so ein Szenario in Leipziger Gebäuden für nahezu ausgeschlossen.
 

Quelle: dpa / André Kempner

Leipzig.  Die Bilder sind infernalisch, das menschliche Drama kaum zu ermessen: Ein 27-stöckiges Hochhaus in London brennt am Mittwoch lichterloh. Menschen sollen sich aus den Fenstern gestürzt haben, es gibt mehrere Tote und rund 200 Feuerwehrleute kämpfen in Großbritanniens Hauptstadt gegen den Großbrand. Auch in Leipzig löst die Nachricht Entsetzen aus, und Fragen: Wäre ein ähnliches Szenario in der Messestadt möglich?

Mit dem 36 Stockwerke hohen City-Hochhaus, dem 26-stöckigen Wintergartenhochhaus oder dem 27 Etagen hohen Hotel Westin hat die Messestadt vergleichbar hohe Mehrgeschosser in prominenter Lage. „Absolute Sicherheit gibt es nicht“, sagt Nils Witte, Fachmann der Abteilung Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz bei der Leipziger Feuerwehr gegenüber LVZ.de. „Das deutsche Baurecht stellt sehr, sehr hohe Anforderungen an den Brandschutz“, so Witte. Würden diese eingehalten, sei ein Feuer über ein gesamtes Gebäude nicht zu erwarten.

Regelmäßig Übungen

Geht in der Messestadt ein Notruf in der Feuerwehr-Leitstelle ein, „greifen bestimmte taktische Maßnahmen“, so Witte. Alle Leipziger Hochhäuser seien im Leitrechner gespeichert. Mindestens zwei Löschzüge rücken aus, wenn der Alarm in so einem Gebäude losgeht. Vor Ort richten die Feuerwehrleute sofort unterhalb der Brandebene ein Depot ein, von dem aus sie weitere Lösch- und Rettungsarbeiten koordinieren. „All das wird regelmäßig geübt“, so Witte. Damit die Leipziger Einsatzkräfte sich im Ernstfall in den Hochhäusern schon auskennen, machen sie sich in unregelmäßigen Abständen mit verschiedenen Objekten vertraut, erklärt er.

Entscheidend sei aber, dass der Gebäude-Brandschutz in Deutschland so hohe Standards habe: Fassadenbauteile müssen aus nichtbrennbaren Stoffen hergestellt werden, sagt der Leipziger Experte. Schon beim Bau würden Wohnungen brandschutztechnisch getrennt, so Witte weiter. Ziel: Ein Feuer soll sich am besten gar nicht über eine Wohnung hinaus, schon gar nicht über mehrere Geschosse ausbreiten.

LWB setzen auf Notrufsysteme und Kontrollen

Bei der Leipziger Wohnungs-und Baugesellschaft mbH (LWB) greift ein umfangreiches Sicherheitskonzept, das Pressesprecherin Samira Sachse erläutert. „Insgesamt gelten für alle Hochhäuser der LWB  spezielle Vorschriften zum Brandschutz und es existieren 24-Stunden-Notrufsysteme“, so Sachse. Zudem gebe es engmaschige Kontrollen der technischen Anlagen.

Es habe, wenn auch selten, schon Brände in LWB-Hochhäusern gegeben: Brandstiftungen in Fluren oder im Eingangsbereich sowie Wohnungsbrände. „Meistens ist Unachtsamkeit im Umgang mit offenem Feuer die Ursache“, erklärt Sachse. „Technische Gründe sind uns nicht bekannt.“ Die Brände seien dank des schnellen Eingreifens der Feuerwehr rasch gelöscht worden. Die Mieter könnten selbst eine Menge tun in Sachen Brandschutz: „Zum einen wäre da natürlich der vorsichtige Umgang mit Feuer zu nennen, zum anderen die Aufmerksamkeit für das Geschehen in den Fluren“, erläutert die LWB-Sprecherin.

In Treppenhäusern und Fluren müssten die Rettungswege immer freigehalten werden. „Leider müssen wir regelmäßig darauf hinweisen, dass alter Hausrat, riesige Schuhsammlungen oder Spielzeug nicht in die Hausflure oder Treppenhäuser gehören. Im Notfall wird der Rettungsweg für die Bewohner versperrt und die Retter können nicht in die oberen Etagen gelangen.“ Die Feuerwehr appelliere zudem immer wieder an die Bewohner von Mietshäusern, dass die Haustüren nicht abgeschlossen werden sollen. „Eine verriegelte Haustür ist laut Feuerwehr eine Barriere, deren Überwindung im Zweifel Zeit kosten kann“, erklärt Sachse.

Hohe Anforderungen schon zu DDR-Zeiten

Die drei höchsten Wolkenkratzer der Stadt ebenso wie zahlreiche Punkthochhäuser zum Beispiel im Musikviertel wurden schon zu DDR-Zeiten gebaut. City-Hochhaus, damals Uni-Gebäude, und Wintergartenhochhaus wurden 1972 eröffnet, das Westin-Gebäude 1981 (damals Hotel Merkur). Als Risikofaktor sieht Brandschutz-Experte Witte das trotzdem nicht: „Auch zu DDR-Zeiten mussten in Hochhäusern für den Brandschutz besondere Anforderungen erfüllt werden“, so Witte.

Dazu gehören vor allem die Rettungswege, denn eins ist klar: Über Leitern kann die Feuerwehr niemanden aus den höheren Etagen retten. Deshalb müsse es mittlerweile speziell ausgestattete Sicherheitstreppenräume geben. Diese seien zum Beispiel mit Überdrucklüftungen ausgestattet. Rauch könne so zurückgedrängt werden - Retter und Flüchtende haben dadurch bessere Chancen.

Hintergrund: Prävention in Leipzig

19 Mitarbeiter gehören in Leipzig zur Abteilung Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz. Die Branddirektion nennt die Mitwirkung der Feuerwehr im Baugenehmigungsverfahren als einen der Schwerpunkte in der Prävention. Darüber hinaus werden laut Behörde regelmäßige Kontrollen in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Industrieanlagen und auch Kaufhäusern durchgeführt und gegebenenfalls Korrekturen auf den Weg gebracht. Auch die Absicherung öffentlicher Veranstaltungen und die Einrichtung automatischer Brandmeldeanlagen gehört zu den Aufgaben der Präventions-Experten.

Von Evelyn ter Vehn und Björn Meine

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