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Brücke nach draußen - Projekt in der JVA Leipzig bereitet Häftlinge auf die Freiheit vor

Brücke nach draußen - Projekt in der JVA Leipzig bereitet Häftlinge auf die Freiheit vor

Öffnen sich am Montag die Knast-Tore für Häftling André H., wird er nicht nur extrem erleichtert, sondern für die Welt da draußen auch gut gerüstet sein. Das zumindest hofft der 50-Jährige nach seiner Teilnahme am Kurs "Fit für die Zukunft" in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Leipzig.

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Kurs im Knast: Ausbilder Peter Ulrich (links) übt mit Häftling André H. am Laptop auch das Verfassen von Bewerbungsunterlagen.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Anbieter ist das Berufsfortbildungswerk, gefördert wird das Projekt vom Europäischen Sozialfonds.

1989 war die Welt für André H. noch in Ordnung. Mit seiner Ehefrau zog der gelernte Kfz-Mechaniker von Sachsen nach Nordrhein-Westfalen. 2007 kehrte er nach Leipzig zurück - allein. Es folgten Scheidung, Arbeitslosigkeit, Absturz. Verurteilt wurde der Mann zuletzt wegen Leistungserschleichung, also Schwarzfahrten, wegen kleinerer Diebstahlsdelikte. Er habe aber niemandem Schaden zugefügt. Darauf legt André H. großen Wert.

Nach genau 13 Monaten hinter Gittern in der JVA, zu der das Haftkrankenhaus in Leipzig-Meusdorf gehört, wird er heute entlassen: "Klar, ich bin froh, dass ich rauskomme. Und trotzdem habe ich gemischte Gefühle." Von Euphorie möchte der 50-Jährige nicht sprechen. Denn zunächst habe er weder Wohnung noch Arbeit. Wenngleich schon alle Fühler ausgestreckt sind. Nach langem Ringen - vor allem mit sich selbst - ist klar: André H. geht wieder nach Nordrhein-Westfalen.

Fit für die Freiheit - das wurde er seit Mitte Juli in einem Kurs. Normalerweise dauert der acht Wochen, er kann im Einzelfall nach Bedarf auch verlängert werden. Ausbilder Peter Ulrich schildert, auf welche Fragen er dabei mit den jeweils acht Teilnehmern Antworten sucht: "Welche Begabungen habe ich? Was kann ich weniger gut? Wie ist meine Wirkung auf andere Personen? Welche Rechte und Pflichten hat ein Arbeitnehmer?"

Die Schulung umfasst vier Module, es geht dabei um Motivationstraining, Konfliktlösung, Gesprächsführung. Ein Modul widmet sich vor allem den Grundlagen der EDV, den modernen Medien. Für André H. eine enorme Hilfe. Denn: "Computertechnisch war ich nicht gerade firm." Früher arbeitete er hauptsächlich als Lkw-Fahrer, war dann Qualitätskontrolleur, stellte bei einem Spediteur Transporte zusammen.

Laut Ulrich macht das Bewerbungstraining einen Großteil des Kurses aus. Dabei wird auch in die Rolle von Arbeitnehmer und Arbeitgeber geschlüpft, die Szene durchgespielt und sogar gefilmt. André H.: "War ich aufgeregt! Aber ich habe es ganz gut hingekriegt." Gemeinsam wird eine Bewerbungsmappe mit allem Drum und Dran erstellt. Diese sei, sagt JVA-Sprecherin Susann Mielke, "ein richtiger Schatz". Zudem die Insassen bei der Entlassung einen Stick mit auf den Weg bekommen. "Ein Nachschlagewerk für mich", ist André H. froh, mit seinen 50 Jahren der Nestor im Kurs. Die meisten sind zwischen Anfang 20 und Mitte 30.

Aus der Anstalt heraus werden tatsächlich Bewerbungen nach draußen geschickt. Trainerin Yvonne Simon begleitet Insassen, sofern ihnen Ausgang gewährt wird, dann zu Vorstellungsgesprächen. Die Reaktion? Hätten sie großes Glück, träfen sie auf Arbeitgeber, die der Ansicht seien: "Jeder hat eine Chance verdient." Meist kämen Bewerber in den Branchen Bau, Bühnenbau, Lager und Logistik unter.

Als Erfolg kann verbucht werden: Von den 49 Teilnehmern aus dem ersten Projektjahr 2012/13 erhielten 46 eine Bestätigung, nur drei brachen den Kurs ab. 41 haben sich beworben, sieben einen Job gefunden. "Ich hoffe, dass es weitaus mehr sind. Aber das ist das, was ich erfahren habe", sagt Yvonne Simon. Es gebe ja meist keine Rückkopplung. Susann Mielke bezeichnet das Projekt für Anstalt wie Gefangene als "enorm wichtig, da es eine Brücke zwischen drinnen und draußen darstellt". Auch wenn die Teilnehmer von Mitgefangenen, wie H. nur zu gut weiß, belächelt würden, so einen Kurs überhaupt nötig zu haben. Simon: "Schule löst bei so manch Insasse halt negative Assoziationen aus..."

André H. kommt ab heute für die ersten Tage zunächst in einem Übergangsheim der Caritas unter. Doch der Kontakt zu einer Wohnungsgenossenschaft ist bereits angebahnt. "Allerdings muss ich mich erst mal arbeitslos melden."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.10.2013

Sabine Kreuz

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