Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Bürgermeister Albrecht fordert eine Willkommenskultur für Unternehmen
Leipzig Lokales Bürgermeister Albrecht fordert eine Willkommenskultur für Unternehmen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 05.03.2018
Veränderte Arbeitswelt: In Deutschland hat sich der Anteil der Industriejobs in den letzten 60 Jahren nahezu halbiert. Quelle: Foto: Peter Endig
Anzeige
Leipzig


Mitnichten, befindet Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer Leipzig. „Produktion ist ein maßgeblicher Faktor für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Leipzig, das gilt mehr denn je aus der Sicht von heute.“ Die Standortentscheidungen von Porsche und BMW Anfang der 2000er-Jahre seien für Leipzig richtungsweisend gewesen. Sie hätten eine enorme Wirkkraft entfaltet und „können als eine Art Initialzündung für den Aufschwung gelten“. Tendenzen einer schleichenden Deindustrialisierung jenseits der Automobilwerke im Norden sieht Kirpal mit Sorge. Mit einer allein auf Dienstleistungen fokussierten Wirtschaftsstruktur werde eine Verstetigung des Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums in Leipzig nicht zu realisieren sein. Die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Traditionelle Standorte müssten gesichert, die industrielle Vielfalt „erhalten, ausgebaut und weiter diversifiziert werden“. Die Erwartungen der Wirtschaft an die Kommunalpolitik formuliert der IHK-Chef so: „Die Investorenakquise sollte dezidiert auf Industrieunternehmen mit Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten gelenkt werden. Bestandsunternehmen können zum Beispiel durch mittelstandsfreundliches Verwaltungshandeln, eine nachfragegemäße Aufstockung des Mittelstandsförderprogramms, ausreichende Flächenangebote und eine bessere Nahverkehrs-Erschließung der Industriestandorte unterstützt werden.“

1,7 Millionen Euro pumpte die Kommune laut Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU) seit 2013 mit ihrem Mittelstandsförderprogramm in das Wachstum gerade kleiner Unternehmen. Für die Zukunft sieht er eine neue, ganz wesentliche Herausforderung: „Es geht um die Erhöhung der Qualität der Arbeitsplätze.“ Albrecht wünscht sich etwa eine Technische Universität in der Stadt und sieht durch den bevorstehenden Zusammenschluss von Hochschule für Telekommunikation und HTWK mittlerweile auch gute Chancen. Albrecht wirbt dafür, die Wirtschaftsförderungsaktivitäten auf den Erhalt „und mehr noch auf die Neuanschaffung von Industriearbeitsplätzen zu konzentrieren“. Außerdem müsse man die Unternehmen befähigen, „aus sich heraus zu wachsen“. Das stellt Anforderungen, die weit über die Finanzierung von Unternehmen hinausgehen.

„Ein Großteil der Arbeitsplätze wird auch in Zukunft mit dem regelmäßigen Austausch von Waren und Dienstleistungen, mit Arbeitswegen und Logistik in Zusammenhang stehen“, ist der CDU-Stadtrat und Unternehmer Uwe Rothkegel (CDU) überzeugt. Er mahnt daher einen „Paradigmenwechsel in der Verkehrsplanung und die Bereitstellung der erforderlichen Investitionsmittel“ an. „Wir brauchen ein funktionierendes und leistungsfähiges Ring- und Tangentensystem mit einem durchgehenden mittleren Ring“, sagt Rothkegel. Bei einer dreiviertel Million Einwohner, auf die Leipzig zusteuert, ließen sich öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Autoverkehr nicht mehr auf einer Ebene abwickeln.

Staus auf den Hauptverkehrsadern wären schon zu vermeiden, so Tobias Keller (AfD), „wenn man Straße und Schiene voneinander trennt“. Die von der Verwaltung vorgelegten Mobilitätsszenarien für die rasant wachsende Stadt nennt Keller ideenlos und wirtschaftsfremd.

„Ideologisches Wehklagen zum Beispiel gegen Kohleausstieg, Windkraftausbau, Bio-Landbau, Radfahrstreifen, mangelnde Elektromobilität und Digitalisierung“ werde nicht der Tatsache gerecht, „dass eine nachhaltige Wirtschaftsweise langfristig auf Ressourcen achten muss“, hebt Annette Körner (Grüne) hervor.

Entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum sind nach den Worten von Sven Morlok (FDP) die Mitarbeiter. Für sie brauche es nicht allein gut bezahlte Arbeitsplätze, sondern auch Wohnraum, Kitas, Schulen, Flexibilität in der Betreuung der Kinder und eine gute Infrastruktur. „Niemand kommt nach Leipzig zum Arbeiten, wenn man ewig lang zum Arbeitsplatz braucht“, ist für Morlok klar. Probleme in der Verkehrsinfrastruktur seien nur durch massive Investitionen zu lösen. Er sagt aber auch: „Große Autotrassen durch die Stadt schlagen wird nicht funktionieren. Wir müssen das Wachstum im ÖPNV abfedern.“

„Zu viele der Leipziger Arbeitsplätze bewegen sich im Niedriglohnsektor. So bleibt Leipzig die sächsische und deutsche Armutshauptstadt“, kritisiert William Grosser (Linke). Auch deshalb fordert Heiko Bär (SPD) vom Wirtschaftsdezernat, sich stärker Themen wie dem Übergang von Schule in Beruf, Berufsschulangeboten in der Region oder deren Erreichbarkeit für Auszubildende zu widmen. Und er drängt auf ein Konzept der Wirtschaftsförderung zur Bestandspflege und fordert von der Verwaltung abrechenbare Kriterien zur Bewertung der Mittelstandsfreundlichkeit im Rathaus. Ein Punkt, an dem sich der SPD-Politiker mit dem CDU-Bürgermeister einig sind. „Wir brauchen eine Willkommenskultur für Unternehmen“, sagt Albrecht.

Von Klaus Staeubert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Ich wollte das Richtige tun. Stattdessen habe ich viel Geld verloren“, sagt Martina Brauns. Die Leipzigerin sorgte gleich mit zwei Verträgen fürs Alter vor - nun bleibt von mehr als 10.000 Euro nichts als Vorsorge übrig.

24.11.2017

Sein Leben im Griff zu haben – das liegt naturgemäß vielen Menschen am Herzen. Dies zu schaffen, dazu trägt ein Stück weit das moderne Haus der Zukunft bei. Eine Vision, die längst begonnen hat, Wirklichkeit zu werden. Smart-Home oder E-Haus heißt dieses Wunderwerk, das durchaus Züge von Science Fiction aufweist. Erst kürzlich war eines dieser nahezu total elektronisch überwachten Gebäude in Leipzig zu sehen.

24.11.2017

Freiheit entsteht auf Basis von Sicherheit. Erst wenn wir das Gefühl der Sicherheit haben, beginnen wir, uns frei zu bewegen. Ein Gespräch mit Trendforscher Harry Gatterer.

25.11.2017
Anzeige