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Lokales Bürgermeister Bonew beleidigt Rentner - und hat jetzt eine Anzeige am Hals
Leipzig Lokales Bürgermeister Bonew beleidigt Rentner - und hat jetzt eine Anzeige am Hals
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00:37 05.09.2015
Gegen ihn wurde Anzeige erstattet: Torsten Bonew (CDU). Quelle: André Kempner
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Leipzig

"Ich fuhr mit meinem kleinen Auto die Ursula-Götze-Straße entlang", schildert Wolfgang Freitag, der im Leipziger Zentrum wohnt. "Die Götze-Straße ist holprig, deshalb fuhr ich sehr langsam, höchstens 15 Stundenkilometer."

In dem 17 Jahre alten Opel Corsa saß auch die Ehefrau des Rentners, der im Berufsleben Biologie-Lehrer war. "Ich habe zwei Millionen Kilometer als Autofahrer in Europa unfallfrei zurückgelegt und 200 000 Kilometer in Australien", erzählt er. Deshalb sei er auch noch langsamer gefahren, als er eine Gruppe von etwa sechs Spaziergängern auf der Huckelpiste ausmachte. "Sie gingen über die gesamte Straßenbreite, aber als sie unser Auto bemerkten, machten sie etwas Platz, damit wir vorbei konnten." Der kleine Corsa sei auch gut durch die Menschengruppe gekommen; es habe keinerlei Berührung gegeben.

Der Rentner und seine Frau fuhren deshalb weiter. "Als ich in den Rückspiegel schaute, sah ich, dass uns ein Mann wild gestikulierend nachrannte", so Freitag. "Deshalb hielt ich an."

 Was der Rentner dann erlebte, wird er so schnell nicht vergessen. "Ich wurde unflätigst beschimpft", sagt er. "Du alter Opa, wenn Du zu dusslig zum Fahren bist, dann gib Deinen Führerschein ab", habe der Mann geschrieen und sein Gesicht sei vor Wut verzerrt gewesen. "Er war gar nicht zu beruhigen und in diesem Moment habe ich gedacht: Vom Alter her könnte er mein Enkel sein - was spielt er sich so auf?"

 Weil Bonew die Beschimpfung wiederholte, stieg Freitag aus, um zu sehen, wo der Mann hingeht. "Er bog in die Eva-Maria-Buch-Straße ein und bemerkte mich", erzählt er weiter. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn wegen Beleidigung anzeigen werde. Da hat er mir zugerufen: Ich heiße Bonew."

 Dem Senior ließ der Vorfall keine Ruhe. Und ihm fiel ein, dass er den Namen Bonew kennt und dass der wütende Mann Leipzigs Finanzbürgermeister ist. "Kann ein Bürgermeister im Privaten sich als Flegel präsentieren?", fragt er sich seitdem. "Ist das Achtung vor dem Alter oder christliche Nächstenliebe?" Und: "Das ziemt sich nicht für einen Bürgermeister." Auch deshalb ist er zum Polizeirevier in der Dimitroffstraße gegangen und hat Anzeige wegen Beleidigung erstattet. "Ich habe nichts gegen die CDU, eher im Gegenteil", sagt er. Gezögert habe er nur, weil Bonew als Finanzbürgermeister viel Macht habe und sich eventuell rächen könnte.

 Torsten Bonew kann sich auch noch gut an den Vorfall erinnern. "Der Mann ist fünf Zentimeter an der sechsjährigen Tochter meiner Lebensgefährtin vorbeigefahren", sagt er. "Er kam von hinten mit einigem Tempo angerollt und keiner hat ihn bemerkt." Passiert sei allerdings in der Tat nichts.

 Bonew räumt auch ein, dass die Äußerungen stimmen, die der Rentner ihm anlastet. "Das ist im Affekt geschehen und ich bedauere das", sagt er. "Wenn meine Tochter sich am Kopf verletzt hätte, hätte es schlimm ausgehen können." Er sei auch bereit, sich dafür bei dem Rentner zu entschuldigen. Die Angst des Ruheständlers, dass er seine Macht missbrauchen und sich rächen könnte, nennt er "Quatsch". Bonew: "Soll ich für sein Flurstück einen personengebundenen Hebesatz verfügen?", fragt er. "Das ginge doch gar nicht." Im Übrigen könne er Privates und Berufliches gut auseinanderhalten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2015
Andreas Tappert

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