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Lokales Burkhard Jung: „Für mich kommt eine Schließung des Spielorts MuKo nicht infrage"
Leipzig Lokales Burkhard Jung: „Für mich kommt eine Schließung des Spielorts MuKo nicht infrage"
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09:57 24.12.2011
Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Quelle: dpa
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Leipzig

Im Interview erklärt er, wie er das Aushängeschild der Kultur auch in Zeiten knapper Kassen weiter glänzen lassen will.

Sie sind seit vorigem Jahr nicht nur Oberbürgermeister, sondern auch „Hochkultur-Dezernent“. Wie viel Zeit ver(sch)wenden Sie auf die Kultur?

Jung:

„Kultur ist nie Verschwendung. Insgesamt ist es nicht deutlich mehr als vorher, weil die großen Eigenbetriebe wie Gewandhaus, wie Oper, wie Schauspiel immer schon bei mir am Tisch gesessen haben und die vertraglichen Fragen bei mir geklärt wurden. Ich bin selbst überrascht gewesen, dass doch vieles im direkten Gespräch mit den Intendanten sehr effizient abgearbeitet werden kann.“

Die Leipziger Kultur ist in sehr unruhigem Fahrwasser. Ein Gutachten besagt, dass 5,7 Millionen Euro ab 2014/2015 fehlen, wenn nicht vorher fusioniert wird.

Jung:

„Diese Conditio ist falsch. Das Gutachten sollte aufzeigen, was für Zuschüsse uns entstehen, wenn wir so weiter machen wie bisher mit der gleichen Qualität, mit der gleichen Aufgliederung. Und es sollte Effekte beschreiben, die aus Fusionen entstehen können. Da bin ich durchaus auch „angenehm“ überrascht gewesen, dass die Vorstellungen mancher, man könne durch eine große Strukturreform riesige Beträge generieren, sich doch sehr schnell in Luft aufgelöst haben, weil wir eben doch in den letzten 20 Jahren viele Strukturen schon sehr effizient zusammengeführt haben. Wir haben eben nur ein Orchester, das in Gewandhaus, Oper und Thomaskirche spielt. Fusionen sind nicht der Königsweg.“

Das heißt, eine zurzeit diskutierte Fusion des Operettentheaters Musikalische Komödie (MuKo) mit dem Theater der Jungen Welt ist vom Tisch?

Jung:

„Es bleibt eine Option - eine interessante. Nicht mehr und nicht weniger. Es muss sorgfältig abgewogen werden. Die anderen Fusionen sind aber doch weitgehend vom Tisch. Eine Zusammenführung von Gewandhaus und Oper zum Beispiel würde viel mehr Schaden anrichten als Effekte einspielen.“

Die Musikalische Komödie in Lindenau. Quelle: André Kempner

Also wird es in ein paar Jahren die MuKo als eigenständiges Operettentheater, wie nur noch wenige in Deutschland existieren, nicht mehr geben?

Jung:

„Für mich kommt eine Schließung des Spielorts MuKo nicht infrage. Die Frage wird sein: Wie können wir intelligent noch stärker bündeln?“

Das heißt: Ensembles zusammenführen?

Jung:

„Ich lasse das bewusst offen. Es gibt viele Gespräche und ich will hören, was die Bürger sagen.“

Wann wird es einen Fahrplan geben, wie man die nötigen Einspareffekte erzielen kann?

Jung:

„Ich denke im Februar/März.“

Das renommierte Gewandhaus steht nicht in der Kritik, aber Oper und Centraltheater kämpfen mit schlechten Auslastungen. Welche Signale muss es dort in Zukunft geben?

Jung:

„Ich glaube, die Oper hat sich mit dem neuen Intendanten Ulf Schirmer gut auf den Weg gemacht. Es gibt einen Aufbruch, dass man neues Publikum gewinnen will, dass man sich sehr stark konzentriert auf regionale Bedürfnisse und Erfordernisse. Das Ballett macht eine herausragende Arbeit mit Mario Schröder. Ich glaube, dass die Frage der Legitimität von Oper sich sofort anders beantworten lässt, wenn eine größere Auslastung da ist.

Zur Frage nach dem Schauspiel: Intendant Sebastian Hartmann hat für sich entschieden, seinen Vertrag nicht über 2013 hinaus zu verlängern. Wir müssen nun diskutieren: Was ist die Aufgabe eines Stadttheaters heute? Wie muss sich ein Theater in der Region aufstellen, um auch neue Publikumsschichten zu erschließen? Ich glaube, dass die Aufgabe des Theaters heute angesichts der Konkurrenzsituation von Kino über Freizeitevents bis hin zu musikalischen Angeboten viel stärker auf die tatsächlichen aktuellen Bedürfnisse einer Stadtgesellschaft fokussiert werden muss. Was sind die Themen der Menschen in Leipzig?“

Wenn man sagt, man muss sich auf die Stadtgesellschaft fokussieren, auf regionale Bedürfnisse - klingt das nicht eher ein bisschen nach Provinz?

Jung:

„Der Eindruck könnte entstehen - ist aber falsch. Man braucht immer diese Spannung zwischen lokaler Anbindung und globalem Geschehen, um dann die großen Themen zu diskutieren. Theater muss immer verwurzelt sein im Leben der Menschen vor Ort, und das ist nicht provinziell sondern existenziell.“

Es wäre den Leuten doch heute schon unbenommen, in Oper und Theater zu gehen. Ist vielleicht Leipzig gar nicht mehr die Stadt der Kultur, die sie gerne sein möchte, und gibt es schlicht die Nachfrage nicht mehr?

Jung:

„Ich glaube das nicht. Es wird differenziert: Mario Schröder tanzt Jim Morrison, und das Haus ist jedes Mal fast ausverkauft, und auf der anderen Seite erlebe ich eine Macbeth-Inszenierung, die in dieser Form nicht nachgefragt wird. Natürlich dürfen wir nicht inszenieren nur nach Publikumsgeschmack, natürlich muss Raum sein für experimentelles Theater, für Versuche und neue Formen der Kunst, dafür gibt es ja subventioniertes Theater. Aber die Frage muss immer wieder gestellt werden, wie weit ich mich von Publikumsbedürfnissen entfernen kann.“

 Wann steht die Wahl des neuen Theater-Intendanten an?

Jung:

„Wir sollten vor Sommer 2012 eine Entscheidung fällen, weil man ein Jahr Vorbereitungszeit braucht, um die Linien im Haus festzulegen. Bisher sind 17 Initiativbewerbungen eingegangen, das hat mich sehr gefreut. Wir werden aber ganz formal ausschreiben und mit einer Findungskommission in die Spur gehen.“

 Der Freistaat Sachsen hat die Kulturraummittel gekürzt. Leipzig bekommt eine Million weniger und hat dagegen vor dem Verfassungsgerichtshof geklagt. Wie steht es um die Kulturraumklage?

Jung:

„Ich gehe davon aus, dass im nächsten Halbjahr verhandelt werden wird.“

 

Was würde sich in der Kulturszene ändern, wenn Leipzig gewinnt?

Jung: „Ganz offen gesprochen: Es ging auch um die Kürzung der einen Million; es geht mir aber ebenso um die Frage des Vertrauensschutzes, um klare Abmachungen zwischen der staatlichen und der kommunalen Ebene. Wie gehen wir miteinander um, damit wir auch Planungssicherheit haben? Sicherlich täte uns die Million dann wieder gut - aber sie löst nicht unseren wachsenden Zuschussbedarf der nächsten Jahre. Kultur bleibt eine hoch subventionierte öffentliche Einrichtung.“

Man könnte aber auch die Frage stellen: Kann sich Leipzig das alles leisten? Ist man nicht irgendwann an einem Punkt um zu sagen: Leipzig hat kein Geld, um sich drei große Häuser und eine MuKo und ein Theater der Jungen Welt zu leisten?

Jung:

„Meine erste Antwort ist: Ich bin angetreten, um diesen Schatz zu bewahren. Und meine zweite Antwort ist: Wenn wir dieses Jahr wieder einen Tourismus-Rekord haben von mittlerweile 2,1 Millionen Übernachtungen, dann hat das eben auch was mit diesem weltweit hoch anerkannten Kulturangebot zu tun. Kultur ist ein Standortfaktor, den wir nicht unterschätzen dürfen. Es ist darüber hinaus ein Riesenaushängeschild für die Stadt.“

Interview: Birgit Zimmermann, dpa

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